„Kawaii“: Dem Süßen auf der Spur

Japan.  Das Wort „Kawaii“ bedeutet auf Japanisch „süß“ oder „niedlich“. Es wird oft gebraucht und spielt eine wichtige Rolle in der japanischen Popkultur.

Cakepops – runde Küchlein am Stiel – in der Auslage eines Süßwarenladens in Tokio.

Cakepops – runde Küchlein am Stiel – in der Auslage eines Süßwarenladens in Tokio.

Foto: Felix Gräber / HK

An diesem Morgen in der ehemaligen Kaiserstadt Nara ist es noch verhältnismäßig ruhig am Bahnhof. Auf dem Weg von dort Richtung Stadtpark wird es dann allmählich voller und inmitten der ersten kleineren Menschentraube erblicken wir den Grund, aus dem auch wir hierher gekommen sind: zwei Hirsche, einer hat es sich auf dem Kiesweg vor einer Tempelpagode bequem gemacht, der andere dreht eine entspannte Runde um einen Brunnen. Die Sikahirsche von Nara sind weltweit bekannt, leben seit Jahrhunderten zusammen mit den Menschen in der Stadt.

Bevor wir aufgebrochen sind in das Land der aufgehenden Sonne, habe ich mir die Frage gestellt: „Was verbinde ich eigentlich mit Japan?“ Neben Großstädten, Tempeln und Kampfkünsten waren das für mich vor allem zwei Dinge: Popkultur und Mangas, die japanischen Comics. Was beides verbindet: Ob in Manga und Anime oder zwischen Werbekampagnen und der Vermarktungsindustrie der populären (Jugend-)Kultur, überall springt einem entgegen, dass praktisch alles, was in Japan gut ankommt, süß ist. Vor Ort haben wir uns dann auch auf die Suche nach süßen Erlebnissen gemacht.

Hirsche leben in der Stadt

Wie sehr das Stichwort „süß“ Japaner, ebenso aber auch Touristen, lockt, zeigt sich auch an den Hirschen: Früher galten sie als heilig, heute werden die niedlichen Paarhufer mit der weißen Fellzeichnung an der Kehrseite immer mehr zum Publikumsmagnet. So sehen wir etwa bereits als wir aus dem Zug aussteigen die ersten Hinweisschilder. Darauf tanzen und freuen sich niedliche, gezeichnete Hirsche und weisen den Weg in Richtung Park.

Etwa 1.200 Tiere leben in Nara, in Grünanlagen mitten im Stadtgebiet, zwischen Einwohnern und Touristen, geteerten Straßen und weitläufigen Wiesen, Autos, Lkw und Reisebussen. Obwohl die Stadt viele historische Gebäude und kulturell bedeutsame Einrichtungen hat, die Hirsche sind unbestreitbar die führende Sensation.

Zu Dutzenden laufen die Tiere durch den Park oder sonnen sich faul auf den Wiesen – und warum auch nicht, es ist seit Generationen ihre Heimat. Mich beeindruckt, welche Rücksicht die Menschen hier auf die Tiere nehmen und dass diese sich nicht längst in die umliegenden Wälder zurückgezogen haben. Dabei spielt jedoch eine entscheidende Rolle, dass die Sikahirsche hier gefüttert werden. An vielen Stellen in den städtischen Parkanlagen stehen kleine Buden, an denen spezielle Kekse für die Hirsche verkauft werden, ein kleiner Stapel für umgerechnet rund einen Euro.

Vorsicht vor den gefräßigen Hirschen

Und auf diese hat das Wild es abgesehen. In der Regel sind die Tiere vollkommen friedlich, nur wenn Futter in der Nähe ist, werden sie auch mal zudringlich. Besonders wichtig: Nicht von den Hirschen umzingeln lassen. Eines der Exemplare, die sich unbeachtet in meinem Rücken aufhielten, machte eindrücklich und mit einiger Kraft auf sich und seinen Hunger aufmerksam. So kommt es schon mal vor, dass unvorsichtigen Besuchern Handy, Jacke oder Kamera angeknabbert werden – oder man, wie ich, einen kräftigen Kopfstoß in den Rücken abbekommt.

Aber die Hirsche können auch anders und passen damit hervorragend in das Bild vom „süßen“ Japan: Häufig sieht man die Tiere vor Parkbesuchern den Kopf neigen als würden sie sich verbeugen – ein Verhalten, das sie sich vermutlich mit der Zeit bei den Menschen abgeschaut haben. Die japanische Etikette kennt die unterschiedlichsten Verbeugungen, sie sind teil praktisch jeder Begrüßung. Drücken gleichzeitig dem Gegenüber Respekt aus und zeigen an, in welchem gesellschaftlichen Verhältnis die Leute zueinander stehen.

Immer höflich verbeugen

Und diese Praktik haben sich anscheinend auch die Hirsche Naras zu eigen gemacht. Häufig nähern sie sich Spaziergängern und verbeugen sich, wohl in der Hoffnung auf einen Keks. Genauso sieht man jedoch auch viele Menschen sich vor den Tieren verbeugen, woraufhin diese die Bewegung erwidern. Vonseiten der Menschen zeigt sich hier der Respekt den Tieren gegenüber – gleichzeitig jedoch bei vielen auch der dringende Wunsch, ein tolles Selfie mit den Tieren zu schießen.

Vor allem die Bewohner Naras, aber auch viele Touristen, nehmen Rücksicht auf die Hirsche. So sind etwa an den wenigen Straßen, die den Stadtpark queren, Polizisten stationiert. Einerseits ermöglichen sie dem Straßenverkehr ein Durchkommen durch die Touristenmenge, andererseits sind sie immer zur Stelle, wenn ein Tier auf die Fahrbahn läuft. Das jedoch kommt selten vor. Hier und noch in einem Bereich greift der Mensch ein: Einmal im Jahr wird den Hirschen in einer Tempelzeremonie das Geweih gekürzt, sowohl zum Schutz der Tiere voreinander während der Brunft als auch um ernsthaften Verletzungen der Parkbesucher in Nara vorzubeugen.

Einen besonderen Stopp haben wir auch in Tokio eingelegt, um uns vom Klischee zu überzeugen, dass „Kawaii“ sich in Japan hervorragend verkauft. Vor wenigen Jahren hat im Bezirk Meguro ein Café eröffnet, das in Zeiten der unfassbaren Mengen an Kitty-Content und anderer Tiervideos, die sich im Internet finden, auf das richtige Pferd – Pardon, Schwein – gesetzt hat. In das „mipig Café“ kommen die Gäste wegen der namensgebenden kleinen Schweine, die hier im Café leben. Kaffee und Kuchen sind da nur Nebensache.

Die Sache mit dem Tierschutz

Etwas mulmig war uns schon, bevor wir dort ankamen. Wir machten uns Gedanken über Tierschutzbestimmungen, für die Japan nicht gerade als internationales Aushängeschild gelten kann – erst vor kurzem hat die Regierung etwa die Restriktionen für die Jagd auf Wale wieder deutlich gelockert. Die Schweinchen im Tokioter Café machen jedoch einen zufriedenen und gesunden Eindruck.

Bevor wir in den Bereich mit den Tieren dürfen, müssen wir einen Fragebogen ausfüllen. Kurz muss man an das US-amerikanische Einreiseprozedere denken. Es geht darum, ob wir Krankheiten haben. So darf etwa niemand ins „mipig Café“, der oder die sich in der Woche vor dem Besuch in einem Land aufgehalten hat, in dem Fälle der Schweinepest bekannt sind. Die Fragebögen und das Desinfektionsmittel, das am Eingang bereit steht, vermitteln den Eindruck, dass das Wohl der Tiere ihren Besitzern am Herz liegt. Auch die Schuhe müssen wir ausziehen, bevor es weitergeht. Das ist allerdings in Japan eh so üblich.

Für bis zu zwei Stunden am Stück können Schweinchenliebhaber in dem Café einen Tisch buchen. Wie häufig in Japan sitzen wir auf Sitzkissen auf dem Boden an einem niedrigen Tisch. Zwischen unserem und den anderen Plätzen wuseln die kleinen Ferkelchen umher. Einer der Angestellten erklärt, dass sie die braunen und schwarzen Tiere mit einer Ausnahme alle aus dem gleichen Wurf stammen, knapp eineinhalb Jahre alt sind. Das schwarz auf rosa gefleckte Nesthäkchen trippelt mit gerade einmal vier Monaten zwischen seinen etwas größeren Artgenossen umher.

Auch bei den Schweinchen gilt: In der Regel sind sie ganz ruhige, putzige Tiere. Wenn es allerdings Futter gibt, kommt ordentlich Leben in die grunzende, sechsköpfige Rasselbande. Einige Stücke Obst und Gemüse kann man sich im Café zur eigenen Ration dazu kaufen, muss man sogar, wenn man auch mal in die Nähe der Tiere kommen möchte, denn sie sind da, wo es etwas zu fressen gibt.

Während wir uns mit den Schweinchen beschäftigen, die uns buchstäblich aus der Hand fressen, hören wir vom Nebentisch immer wieder das gleiche Wort. Verzückt, begeistert und in unnatürlich hoher Tonlage wiederholt es eine junge Frau, fast schon wie ein Mantra: „Kawaii!“

Werbung: offensiv, grell und süß

Für Japan gilt: „Kawaii sells“. Und diese Tatsache wird vielfach genutzt, so etwa in der praktisch immer und überall präsenten Werbung. Wer sich in deutschen Städten mal über die ein oder andere übervolle Litfaßsäule mokiert hat, der wird dem uneingeschränkten Überangebot an Reklametafeln Nippons schwer etwas abgewinnen können. Knallbunt und offensiv wird hier geworben, auf Schildern und Plakaten ebenso wie über meterhohe Bildschirme und Dauerbeschallung aus Lautsprechern, auf der Straße ebenso wie in den Shoppingmalls.

Was die Werbung verbindet: Sehr oft nutzen Marketingexperten wie auch Inhaber kleiner Läden Comicfiguren. Die japanischen Comics, Manga genannt, sind tief in der Kultur des Landes verankert Ob Alltagsgeschehen oder fantastische Erzählungen, Schulkinder, Monster, Superhelden – alle möglichen Genres sind im Mange und im Anime – der zeichentrickfilmerischen Variante dieser Kunst- und Erzählform – zu finden.

Und meist gibt es mindestens einen Charakter, der offensichtlich und extra niedlich überzeichnet ist. Darunter etwa plüschige Fellungeheuer, die meist so gar nicht ungeheuerlich sind. Selbst eine eigene „Gattung“ von Charakteren hat sich entwickelt, genannt „Chibi“. Ihr Zeichenstil ist darauf ausgelegt, kleine, niedliche Figuren zu schaffen (das Wort bedeutet im Japanischen „winzig“). Dazu kommen oft tierische Charaktere, gerne kugelrund und glubschäugig.

Die Bilder, die in der Werbung genutzt werden, bedienen sich oft daran. Paradoxerweise, wie ich finde, werben Läden unabhängig von ihrem jeweiligen Geschäftsmodell mit solchen niedlichen Figürchen, selbst wenn es sich um ein Straßenimbiss handelt und kleine, bunte Tintenfische gut gelaunt in die Frittöse hüpfen.

Junge Frauen, süß und naiv

Dieses Fixieren auf alles Niedliche findet sich auch im Schönheitsideal in Japan wieder. Gerade Mädchen und junge Frauen gelten dann als besonders hübsch, wenn sie sich kindlich benehmen, naiv und tollpatschig tun und sich mit allem möglichen ausstaffieren, das als süß gilt. So sehen wir etwa häufig Mützen und Kappen mit Tierohren.

In Kaufhäusern und Läden gibt es außerdem Kleidung vor allem in Über- oder Einheitsgrößen. In eigentlich zu großer Kleidung sollen die Trägerinnen umso zierlicher wirken. Bei jungen Männern gilt es als schick, androgyn auszusehen, zahlreiche K-Pop-Boybands machen es vor. Für die Mode der jungen Leute gilt: Alles ist erlaubt, auch dabei geht es oft schreiend bunt zu.

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