Wandern im Harz

Magischer Harz: Auf dem Rundwanderweg um den Oderteich

| Lesedauer: 9 Minuten
Wandern im Harz: 5 Dinge, die mit auf die Wanderung gehören

Wandern im Harz- 5 Dinge, die mit auf die Wanderung gehören

Der Harz Kurier zeigt fünf Dinge, die Wanderer im Harz bei sich haben sollten.

Beschreibung anzeigen

Harz.  Über Stock und Stein durch die wilde Natur des Harzes: Kommen Sie mit uns auf Wanderung um den Oderteich im Oberharz und erfahren Sie Wissenswertes.

Das nördlichste Mittelgebirge Deutschlands, der Harz, gilt als regenreich und ist bekannt für seine Wetterkapriolen, überrascht also auch gern mal. Da mag eine dichte Nebelwand, wenn sie gegen den über 800 Meter hohen Ackerkamm drückt, zugegeben zunächst ernüchternd wirken. Es hebt aber die Stimmung, wenn sie sich auf der Harzhochstraße, der Bundesstraße 242 kurz vor Stieglitzeck, unvermutet wieder auflöst.

Optimismus gehört im Harz, was das Wetter angeht, eben auch zu einem Wandervorhaben. Gerade ist es hell geworden und der Parkplatz am Oderteich nahe des Brockens noch komplett leer. Ist das herrlich, keine Seele ist unterwegs! Denn das kennt man anders, zu späterer Stunde und vor allem an den Wochenenden bekommt man hier keinen Fuß auf den Boden. Vom Parkplatz aus sind es nur wenige Schritte über die Straße in eine andere ganz eigene Welt. Der Oderteich ist wahrlich ein magischer Ort, und das bei jedem Wetter.

Kleine Brücken überspannen gut gefüllte gemauerte Kanäle aus Bergbauzeiten, das dunkle, torfhaltige Wasser – aus den Mooren werden Huminsäuren und Eiweißstoffe in die Bäche ausgewaschen und sind für die rötlich-braune Färbung und die Schaumflocken verantwortlich – stürzt brausend teils metertief und fließt dem Stausee zu. Er liegt im Oberharz innerhalb des Nationalparks Harz im Dreieck Braunlage, St. Andreasberg und Altenau zwischen der eindrucksvollen Achtermannshöhe (920 Meter) mit seiner kahlen Kuppe, dem Sonnenberg im Südwesten (853 Meter) und dem Bruchberg im Westnordwesten (927 Meter).

Doch statt sich vom Anblick der Wasserwelt zu sehr einfangen zu lassen, lohnt jetzt zur eigenen Sicherheit der Blick auf den Weg und die Füße, denn ein dichtes Geflecht aus rutschigem Wurzelwerk macht ihn unberechenbar. Dazwischen steht immer wieder das Wasser auf torfigem Untergrund. Festes Schuhwerk ist also vonnöten. Der Rundweg von 1,5 bis 2 Stunden (etwa 4,5 Kilometer), teils auf schmalen Bohlen- und Wurzelpfaden, ist, wenngleich leicht und ohne nennenswerte Steigungen, nichts für Kinderwagen oder Rollstuhlfahrer.

Ich lasse den Oderteich auf der rechten Seite liegen, folge der Strecke, die der Nationalpark zum Schutz der Natur durch begrenzende grobe Holzgatter vorgibt und erreiche einen besser begehbaren Weg. Martin Baumgartner, Sprecher des Nationalparks, erläutert den Grund für tourismuslenkende Maßnahmen: „Der Oderteich liegt mitten in einem Moorgebiet und ist ein störungsempfindliches Feuchtlebensraumgebiet. Es gibt dort zahlreiche sumpfige Quellen und kleine Bäche sowie den Lauf der namensgebenden Oder. Der Teich ist aufgrund wechselnder Wasserstände und der dann zeitweise freiliegenden Grusfelder besonders für Wasservögel ein attraktives Gebiet, weshalb es auch nicht betreten werden sollte.“ Zudem hatten sich in den vergangenen Jahren zahlreiche Trittschäden im Wald herausgebildet, die es jetzt zu heilen gilt.

Herrlich wilde Landschaft begleitet mich, umgestürzte Stämme der einst stolzen Nadelbäume zeigen ihr knotiges, durch die Einflüsse der Witterung gebleichtes nacktes Wurzelwerk, Zeugnisse des Klimawandels, mit dessen Folgen der ganze Harz zu kämpfen hat. Doch die Natur erholt sich schneller als erwartet, denn schon schießen in der Naturverjüngung zwischen dem Totholz überall neue Bäume in die Höhe, drei Meter oder mehr messen sie bereits. Mit der Pflanzung von Laubbäumen will der Nationalpark zudem die Rückkehr der in den Höhenlagen eigentlich heimischen Mischwälder unterstützen, da für Buchen und Ebereschen in näherer Umgebung Samenbäume fehlen.

Wasserreicher Harz

Dann das Wasser: Überall gluckern und murmeln kleine Gewässer über felsigen Untergrund in moosgrünen Betten, dann wieder rauscht es schon von weitem vernehmlich, wenn sich der Zufluss aus den Mooren zu ausgewachsenen Bächen zusammenfindet. Regelmäßige Niederschläge während des ganzen Jahres prägen den Mittelgebirgscharakter des Harzes, denn er ist den regenreichen atlantischen Westwinden frei ausgesetzt. Bis zu 1.600 mm Regen (Liter pro Quadratmeter) fallen im Hochharz im Jahr. Klar: Harz und Wasser! Da sind wir schon zwangsläufig mitten in der Geschichte der alten Stauanlage, die in den Jahren 1715 bis 1722 von Sankt Andreasberger Bergleuten erbaut wurde. Der Oderteich wurde errichtet, um über den Rehberger Graben die Wasserräder der Bergwerke in St. Andreasberg zuverlässig mit Aufschlagswasser (für den Antrieb von Wasserrädern und Wasserturbinen) zu versorgen. Zeitweise sollen es 88 Wasserräder gewesen sein.

Das Fassungsvermögen des Oderteichs reicht aus, um eine Trockenperiode von rund drei Monaten zu überbrücken. Er ist der größte der vielen Teiche der sogenannten Oberharzer Wasserwirtschaft als Teil der uralten Montangeschichte des Gebirges. Touristisch ist die Teichlandschaft im Oberharz heute eines der absoluten Highlights und bietet im Sommer beste Voraussetzung für Wanderungen und ein ungetrübtes Badevergnügen, wenn denn das Wetter mitspielt.

Die Hälfte der Hauptroute ist inzwischen geschafft und das, was keine Selbstverständlichkeit ist, trockenen Fußes. Für die Freunde der Harzer Wandernadel wartet hier am Nordende der Talsperre die Stempelstelle 217 direkt am Zufluss der Sonnenkappe, ein lichter, freundlicher Ort, weitab vom Getöse des Alltags, wie geschaffen für eine Rast. Nächste Stempelkästen sind auf der Wolfswarte (135, 3,5 Kilometer), am Dreieckigen Pfahl (168, 4,5 Kilometer) und am Rehberger Grabenhaus (155, 8 Kilometer). Von der Stempelstelle führt der naturbelassene Märchenweg in Richtung Torfhaus. Und gleich fällt mein Blick auf mehrere Plastikflaschen, die irgendwer unachtsam zurückgelassen hat. Überhaupt verwundert es, wie viele Wanderer sich nicht scheuen, Filter ausgedrückter Zigaretten, Papiertaschentücher und anderes zu entsorgen, Müll, der dann in loser Folge den Weg säumt, das Handeln ein Phänomen angesichts der wildromantischen Natur rings umher.

Sterbende Wälder

Ein Warnschild weist auf die Gefahren hin, den der Pfad am Ostufer zurück zur Staumauer birgt. Auf weiter Strecke führt er über schmale Bohlenstege durch die Moorlandschaft, in der unübersehbar der Borkenkäfer sein Werk vollendet hat. Toter Wald bricht hier Stück für Stück zusammen, morsche Stämme können umknicken, Äste auf den Weg fallen, Anschauungsunterricht in Sachen Klimawandel. Dieser Wald ist teils 300 Jahre alt und wurde bereits bald nach Bau des Oderteichs als Bannwald vor der Abholzung geschützt, um Bodenerosion zu verhindern und eine ausreichende Wassermenge im Oderteich sicherzustellen. Doch auch hier zeigt sich eine erfreuliche Entwicklung, die Totholzverjüngung mit viel Grün, wie sie für einen natürlichen Fichtenwald mit hohem Anteil an abgestorbenem Holz charakteristisch ist. Vermodernde Baumstämme dienen als nährstoffreiches Keimbett für die neue Waldgeneration. Auf dem Waldboden sind die Fichtenkeimlinge von Gräsern und Heidelbeeren überwuchert kaum mehr sichtbar. Oben auf einem Baumstumpf wachsen sie an einem Platz an der Sonne ins Licht.

Für mich ist der Weg über den Bohlensteg der schönste Part der Tour, über das Moor zu wandern, ohne es zu betreten: „Hier wachsen Spezialisten, die gut an den nassen Standort angepasst sind. Viele Moose sind zu finden, ebenso wie der Rundblättrige Sonnentau oder das Scheidige Wollgras“, erklärt Baumgartner. Zum Schutz des sensiblen Lebensraums darf der Steg nicht verlassen werden. Nach der bereits im Sommer 2021 erfolgten Instandsetzung des Oderteichrundwegs hatten die Forstwirte des Parks im Herbst 2022 mit Unterstützung durch Freiwilligeneinsätze im Rahmen des Bergwaldprojektes und von Mitarbeitenden des Unternehmens Salesforce auch den Pfad am Südostufer wieder hergerichtet.

Über die 19 Meter hohe Staumauer entlang der imposanten Gerenne (künstlich angelegter Wasserlauf) aus Eichenholz und dem Striegelhaus (ein das Verschlussorgan aufnehmendes Gebäude) ist es nun nur noch ein kurzes Stück bis zum Parkplatz, der sich langsam zu füllen beginnt. „Für Besucherinnen und Besucher des Nationalparks bietet sich auf dem Rundwanderweg die Möglichkeit, bei einer kurzen Wanderung einen guten Eindruck von der Entwicklung hin zu einer natürlichen Wildnis zu bekommen. Auch darin liegt der Grund für die große Beliebtheit der dortigen Wanderwege“, fasst der Pressesprecher zusammen.

Während der Fahrt zurück nach Osterode hängen die Gedanken wie so oft bei Touren im Harz dem Erlebten nach mit der alten und immer neuen Erkenntnis: Was ein Segen, nahe solcher Orte leben zu dürfen.