Streitgespräch

Diskussion im Kreis Göttingen: Photovoltaik auf dem Acker?

| Lesedauer: 9 Minuten
Eigentlich sollten Ralph Mederake und Achim Hübner vor einem Freiflächen-Solarpark in Friedland für ein Foto posieren. Das Projekt wurde 2020 beschlossen, der Entwurf aber noch nicht. Aktuell werde der Bebauungsplan aufgestellt, heißt es aus Friedland.

Eigentlich sollten Ralph Mederake und Achim Hübner vor einem Freiflächen-Solarpark in Friedland für ein Foto posieren. Das Projekt wurde 2020 beschlossen, der Entwurf aber noch nicht. Aktuell werde der Bebauungsplan aufgestellt, heißt es aus Friedland.

Foto: Jens Büttner / dpa

Göttingen.  Wo sollen Solarparks am besten hin? Ein erstaunlich harmonisches Streitgespräch mit Bauern- und Naturschutzverband – mit überraschendem Ergebnis.

Ein erstes Streitgespräch zum Thema erneuerbare Energien hatte beim Blick auf Windkraft im Wald hauptsächlich ein Ergebnis ohne Wind und ohne Wald – Photovoltaikanlagen (PV-Anlagen) auf Dächern, darauf konnte man sich einigen. Die Krux dabei: Dachflächen sind begrenzt und die Solaranlagen dafür vergleichsweise teuer. Beides sind keine Argumente dagegen, PV bietet sich auf Dächern trotzdem an. Nur reicht der so gewinnbare Strom kaum aus, um große Schritte in Richtung Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern zu gehen.

Seit geraumer Zeit wird deshalb der Ausbau von PV-Anlagen auf Freiflächen diskutiert, also große Solarparks etwa auf Wiesen. Etwas jünger ist die Idee der Agri-PV: Technologisch angepasste Solarpaneele ermöglichen gleichzeitigen Anbau von Nahrungsmitteln und Energiegewinnung aus dem Sonnenlicht. Das soll durch spezielle Konstruktionen gelingen, die es Mähdreschern erlauben, unter den Anlagen hindurchzufahren oder mit lichtdurchlässigen Spiegelflächen, die den Pflanzen unter den PV-Flächen genug Sonnenlicht lassen.

Beide Konzepte berühren Fragen des Naturschutzes. Gerade landwirtschaftlich ungenutzte Grünflächen sind wichtig für die Artenvielfalt, diese weitgehend unberührten Böden sind wichtig für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Doch auch bestellte Felder beheimaten Tiere und die teils riesigen Anlagen greifen in ihr gewohntes Umfeld ein.

Dr. Ralph Mederake von der Göttinger Kreisgruppe des BUND kennt sich aus mit Fragen des Naturschutzes und der erneuerbaren Energien. Er fordert schon länger PV-Anlagen auf Dächern und über Parkplätzen. Bei Freiflächen wird es etwas kniffliger.

Der Agrar-Ingenieur Achim Hübner vertritt als Geschäftsführer des Göttinger Landvolks die Bauern in der Region. Könnte die Energiegewinnung auf Feldern nicht ein attraktiver Zugewinn, ein zweites wirtschaftliches Standbein für Landwirte sein? Bis heute müssen sie sich allerdings entscheiden: Entweder kann das Feld als landwirtschaftliche Fläche gefördert werden oder für die Gewinnung erneuerbarer Energie – beides gleichzeitig geht nicht. Das will die Berliner Ampel-Regierung nun aber ändern. Ab 2023 sollen EU-Agrarsubventionen und EEG-Förderung bezogen werden können.

Herr Hübner, das Landvolk hat sich im April gegen Solarparks in sogenannten „Vorbehaltsgebieten Landwirtschaft“ ausgesprochen. Warum?

Achim Hübner Von dem Bau einer PV-Anlage profitiert der Grundeigentümer der jeweiligen Fläche. Bei uns in der Region gehören etwa ein Drittel der Flächen im Außenbereich den wirtschaftenden Bauern, zwei Drittel sind fremdverpachtet. Das heißt, die Bauern würden gar nicht unbedingt doppelt profitieren können. Außerdem müssen wir uns genau angucken, was gemeint ist: Es gibt zum einen die herkömmliche, von uns favorisierte Möglichkeit von PV-Anlagen auf Freiflächen – das sind dann flache Anlagen, darunter laufen ein paar Schafe und ab und zu fährt jemand mit einem Rasentrecker umher und hält den Aufwuchs ein bisschen in Grenzen.

Die andere Lösung wären die sogenannten Agri-PV-Anlagen, die gleichzeitige Landwirtschaft auf den Flächen erlauben.

Achim Hübner Genau. Das halten wir für völligen Schwachsinn. Da muss man nur beim Treckerfahren mal einen Moment träumen und irgendeinen Ständer erwischen, da geht die ganze Anlage kaputt. Das ist unbezahlbar. Ich habe schon Solarmodule gesehen, die als Begrenzung für Rinderweiden genutzt werden sollen. Da braucht sich nur eine Kuh mit ihren 500 oder 600 Kilo dagegen zu lehnen, dann ist so ein Zaun im Eimer. Das sind alles Luftnummern – das mag im Kleinen funktionieren, an einem Hühnerstall vielleicht. Aber nicht im Großen.

Wo gehören Photovoltaik-Anlagen dann hin?

Achim Hübner Wenn wir sagen, sie sollen auf landwirtschaftliche Flächen, dann eher auf die schlechten, weil dort der Schaden an der landwirtschaftlichen Produktion nicht so groß ist. Als Verband fordern wir aber, erst einmal alle vorhandenen versiegelten Flächen zu nutzen, also Dächer, Parkplätze und so weiter.

Herr Mederake, würden Sie auch sagen: zuerst alle versiegelten Flächen?

Ralph Mederake Ja, ich glaube, da sind wir uns hundertprozentig einig. Selbst da gibt es noch Negativbeispiele. An der Siekhöhe in Göttingen wurden gerade Hallen gebaut, die haben kein PV auf ihren Dächern. Fakt ist aber auch: Diese bereits versiegelten Flächen werden nicht genügen. Außerdem sind solche kleinen Flächen für Investoren weniger attraktiv, weil die Gewinne dort einfach geringer sind.

Also große Freiflächen.

Ralph Mederake Dort gibt es vor allem das Problem, dass landwirtschaftlich schlechte Stellen für den Naturschutz wiederum wertvolle Standorte sind.

Warum sind diese landwirtschaftlich unattraktiven Orte für den Naturschutz so wichtig?

Ralph Mederake Sie sichern die Biodiversität. Gerade für Insekten sind das zentrale Flächen. Die sind oft sogar rechtlich geschützt. Und Schutzgebiete kommen für PV-Anlagen sowieso nicht infrage.

Achim Hübner Abwarten.

Ralph Mederake Ja, aus unserer Sicht kommen die nicht infrage. Ich habe gerade erst von BUND-Kollegen aus dem norddeutschen Flachland gehört, dass da regelrechte Goldgräberstimmung herrscht, die Investoren wollen da schon bis in die Schutzgebiete vordringen. Da gibt es vom Land scheinbar keine eindeutigen Vorgaben.

Herr Hübner, Sie sagen abwarten – glauben Sie, dass die Naturschutzgebiete fallen?

Achim Hübner Berlin regiert jetzt durch und dann wird das alles keine Rolle mehr spielen. Die Abstandsregeln für Windenergie fallen und genauso wird man meines Erachtens künftig weniger Rücksicht auf Landschafts- und Naturschutz nehmen, wenn das viel Fläche braucht.

Nun ist es so, dass viele landwirtschaftliche Betriebe mit ihrer Existenz hadern. Wäre es für die – vorausgesetzt, die Fläche gehört ihnen – kein lukratives Geschäft, zusätzlich mit Energie Geld zu verdienen?

Achim Hübner Wenn der Strom die Landwirtschaft bezahlen soll, kann man die Landwirtschaft auch lassen. Dann macht man mehr Geld mit Strom und braucht nicht einmal was dafür zu tun.

Ralph Mederake Ich halte Agri-PV-Anlagen auch für eine überschätzte Technologie. Ich würde das nicht grundsätzlich ablehnen wie Herr Hübner, aber wir brauchen noch mehr Informationen dazu. Die Zeit ist eigentlich noch nicht reif dafür.

Achim Hübner Es gibt spezielle Fälle, in denen sich solche Lösungen anbieten, bei besonders wertvollen Pflanzen etwa. Für die normale Landwirtschaft sehe ich das aber nicht.

Ralph Mederake Ein interessanter Punkt ist noch, dass auf 14 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen in Deutschland Energiepflanzen angebaut werden. Aber der Energiegewinn aus der so entstehenden Biomasse ist viel geringer, als würde man auf diesen Flächen Solaranlagen aufstellen! Das hat der Nabu mal untersucht.

Achim Hübner Da kommen wir nicht zusammen. Durch Energiepflanzen entsteht ja im Wesentlichen Biogas. Bei uns in der Region hauptsächlich aus Mais. Das ist nicht direkt vergleichbar, weil diese Energie anders als bei Photovoltaik gespeichert und zudem Dünger daraus gewonnen werden kann.

Bei Photovoltaik-Anlagen auf Freiflächen handelt es sich um große Investitionsprojekte. Was ist eigentlich mit Bürger-Energie?

Achim Hübner Wir reden da über riesige Investitionsvolumen – 700.000 bis 1.000.000 Million Euro je Hektar, und unter zehn Hektar findet sich keiner, der das baut. Das ist richtig viel Geld. Den Mut muss man haben.

Ralph Mederake Die richtige Lösung wäre dezentrale Energieversorgung.

Achim Hübner Da sind wir uns einig.

Ralph Mederake Ich höre von vielen Leuten in unserer Region, die privat in so etwas investieren würden. Wir brauchen Rahmenbedingungen, die das vereinfachen. Und ein Wort zur Windenergie: Das ist auch ein psychologisches Problem mit den Bürgerinnen und Bürgern, die sich da eingeschränkt fühlen. Plötzlich sprechen Leute uns Naturschutzverbände an, ob wir nicht mal gucken könnten, ob bei ihnen ein Rotmilan zu finden ist. Die haben sich nie für Naturschutz interessiert und sind auf einmal die besten Ornithologen. Die Menschen können nicht erwarten, dass sich bei ihnen nichts mehr verändert.

Es ist sehr interessant: Das Streitgespräch zur Windenergie endete irgendwann bei Photovoltaik-Anlagen; heute ist es genau andersherum. Also: Wie kann der Ausbau von PV-Anlagen gelingen?

Ralph Mederake Ich gehe erstmal davon aus, dass alles besser wird. Wir haben das Ziel nun vor Augen.

Achim Hübner Wir sollten uns noch einmal angucken, was mit der Energiewende passiert ist. Eigentlich ging es da um zwei wesentliche Punkte: die Abkehr von fossiler Energie und der klare Wunsch, dass das dezentral, bürgerschaftlich-mittelständisch organisiert wird. Das ist komplett zertrampelt worden.

Was ist passiert?

Achim Hübner Die großen Spieler am Markt haben dafür gesorgt, dass das nur noch geht, wenn man ausreichend Größe, Kraft und Risikobereitschaft mitbringt. Und das bedeutet das Aus für bürgerschaftliche Initiativen.

Ralph Mederake Gerade hier im ländlichen Raum haben große Investoren nichts verloren. Wir bräuchten eine unabhängige Stelle, die den Aufbau solcher bürgerlichen Strukturen unterstützt. Die Voraussetzungen zu erfüllen wird nämlich immer schwieriger.