Schule in der Pandemie: Eine Aufgabe mit vielen Lösungswegen

Osterode  Eltern haben den Eindruck, Lehreraufgaben zu übernehmen. Doch was machen die eigentlich während des Lockdowns?

Young student doing homework at home with school books, newspaper and digital pad helped by his mother. Mum writing on the copybook teaching his son. Education, family lifestyle, homeschooling concept; Shutterstock ID 1582631863

Young student doing homework at home with school books, newspaper and digital pad helped by his mother. Mum writing on the copybook teaching his son. Education, family lifestyle, homeschooling concept; Shutterstock ID 1582631863

Foto: Fabio Principe / Shutterstock/Fabio Principe

Seit Kinder pandemiebedingt zu Hause betreut werden müssen, ächzen Eltern unter Aufgaben, die sonst den Schulen und Lehrkräften zufallen. Einige machen in den Sozialen Netzwerken ihrem Unmut Luft: Lehrer seien nicht greifbar, alles werde auf die Eltern geschoben. Manche fordern gar, deshalb ein Drittel des Lehrergehalts an die Eltern zu zahlen. Doch die Lehrkräfte sind keineswegs untätig. Wir haben Lehrerinnen und Lehrer aus der Region befragt, wie sie die gegenwärtige Situation wahrnehmen.

Susanne Herting unterrichtet die Fächer Deutsch und Französisch am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium (EMAG) in Herzberg. Als Personalrätin der Schule überblickt sie auch die Lage ihrer Kollegen. Wie die meisten Schulen in Niedersachsen nutzt auch das EMAG den Schulserver „IServ“, eine Plattform für digitalen Unterricht und Videokonferenzen. „Wie viele andere Schulen sind wir noch nicht an das schnelle Glasfasernetz angeschlossen, das limitiert unsere technischen Möglichkeiten. Der Server für IServ bricht oft ein und ist nicht erreichbar, dann muss ich mich neu einwählen, das kostet einfach Zeit“, berichtet Susanne Herting.

Die technischen Voraussetzungen an den Schulen sind nur ein Problem

„Emails speichern wir immer zwischen, sonst gehen die im Fall eines Serverabsturzes verloren.“ Aus Gründen der Datensicherheit sei die Schule verpflichtet IServ zu nutzen und könne auch bei Ausfällen nicht auf andere Programme ausweichen. Für Susanne Herting sind die technischen Voraussetzungen aber nicht das einzige Problem. „In vielen Familien gibt es vielleicht zwei Computer, aber vier Menschen, die momentan damit arbeiten müssen. Um das zeitlich zu entzerren, haben wir Wochenpläne eingeführt. Das heißt: Wir schicken am Montag die Aufgaben für die ganze Woche, so dass in den Familien die Nutzungszeit der Geräte besser geplant und eingeteilt werden kann.“

Die Lehrerin versteht die Frustration der Eltern. Doch die Lehrkräfte leisten viel mehr als sonst: An Wochenenden kontrollieren sie die Aufgaben der vergangenen Woche und bereiten die kommenden vor. Internetaffine Lehrer bieten im so genannten „Digitalcafé“ neben ihrer regulären Arbeitszeit Kollegen Hilfe am Computer an. „Eine junge Kollegin gibt abends Videoschulungen für Digitalunterricht, nachdem sie ihr Kind ins Bett gebracht hat“, erzählt Herting. Neben den vielen zusätzlichen Aufgaben sei vor allem das Gefühl, mit dem Unterricht derzeit nicht alle erreichen zu können, eine psychische Belastung. Es gibt viel zu beklagen; so seien etwa auch die Websites von Schulbuchverlagen immer wieder überlastet, was die Beschaffung von Lehrmaterial erschwere. Oder dass Lehrer immer noch ihre privaten Endgeräte für die Arbeit nutzen müssen. Susanne Herting und ihre Kollegen lassen sich aber nicht entmutigen: „Wir verstehen das als Teamaufgabe.“

Für die IT-Infrastruktur ist die Politik verantwortlich

Die vielfach kritisierte IT-Infrastruktur an Schulen muss verbessert werden, da sind sich der Lernplattform-Anbieter IServ und Susanne Herting einig. Das Braunschweiger Unternehmen schließt seine Server indes als Fehlerquelle auf Anfrage dieser Zeitung aus. Auch wenn am ersten Schultag nach den Ferien die Funktion für Videokonferenzen ausfiel, sei die Leistung der anderen Plattformfunktionen grundsätzlich nicht eingeschränkt gewesen.

Unternehmenssprecher Frank Vollmer erklärt, dass IServ über die Weihnachtszeit in Voraussicht auf den weiteren Lockdown die Serverzahl verzehnfacht hat: „Digitale Schule läuft.“ Vollmer weiß aber auch, dass den Bildungsbetrieb weiter zu technisieren eher Marathon als Sprint wird. Für die Verbindungsprobleme der Schulen macht er deren teilweise veraltete Ausstattung oder die Internetverbindungen verantwortlich – es sind noch lange nicht alle Schulen an das schnelle Glasfasernetz angeschlossen. Da muss sich die Politik den Laufschuh schnüren.

Die Schüler haben ganz unterschiedliche Ausstattungen zu Hause – einheitliche Lösungen gibt es also nicht

Susanne Goerz von der Hauptschule Neustädter Tor in Osterode profitiert zur Zeit von ihrer Eigeninitiative während des ersten Lockdowns im Frühjahr: Die Lehrerin hatte damals mehrfach alle ihre Schüler zu Hause besucht, konnte so das häusliche Umfeld und auch die jeweiligen technischen Voraussetzungen kennenlernen: „Jetzt weiß ich, wer einen Drucker zu Hause hat und wer nicht, wer in Ruhe lernen kann und bei wem das schwieriger ist. Weil ich das nun weiß, kann ich mich aber entsprechend darauf einstellen und mich mehr kümmern.“ Dafür habe sie keine geregelten Arbeitszeiten mehr. Von 7 Uhr am Morgen bis 23 Uhr abends telefoniere sie mit Schülern, „ich habe nur noch das Telefon in der Hand“, berichtet Susanne Goerz.

Neben ihrer siebten Klasse betreut sie noch eine Abschlussklasse im Präsenzunterricht, an solchen Tagen fehle ihr dann der Vormittag für die Betreuung ihrer Siebtklässler. Außerdem seien die bestellten Endgeräte für den Digitalunterricht noch nicht angekommen – ein Problem, das viele Schulen teilen. Immerhin funktioniere die Schreibfunktion der Lernplattform IServ, die auch die Hauptschule Neustädter Tor nutzt. „Die Videokonferenzen laufen aber nicht stabil, Ton und Bild sind oft nicht synchron und manchmal bleibt das Bild ganz stehen“, so Goerz. Sie schafft durch die Distanz nicht das gleiche Pensum, nicht die gleiche Lernfürsorge wie im Präsenzunterricht. Das bedauert sie. Aber: „Eltern bedanken sich für unseren Einsatz, alle wissen, das gerade jedem mehr abverlangt wird.“

Lehrkräfte leisten zur Zeit viel unsichtbare Arbeit

Die Grundschule Gemeinde Bad Grund war bis April des vergangenen Jahres weitgehend eine analoge Schule. Seitdem wird an dem Standort auch IServ genutzt, zumindest für den Mailverkehr. Denn der Unterricht basiert größtenteils weiter auf analogen Aufgaben, wie die Schulleiterin Iris Keller und die beiden Lehrerinnen Kristin Loth und Karen Lotze in einem Telefonat berichten: „Als wir im Herbst den Unterricht während des ersten Lockdowns gemeinsam mit den Eltern evaluiert haben, kam heraus, dass viele der Eltern sich analoge Formen wünschen.“ Den Kindern noch erklären zu müssen, wie etwa die Aufgaben am Tablet funktionieren, überfordere viele. Ohnehin seien nicht alle Familien mit entsprechenden Geräten ausgestattet. Nun kommen die Eltern zu Wochenbeginn bei der Grundschule vorbei und nehmen Aufgaben – etwa herkömmliche Arbeitsblätter – mit.

Doch auch ohne Videokonferenzen und Digitalunterricht ist die Arbeitsbelastung derzeit größer. Kristin Loth und Karen Lotze sind auch für den technischen Support an der Schule zuständig und haben damit allerhand zu tun: „Wenn zum Beispiel jemand sein Passwort für IServ vergessen hat, müssen wir uns darum kümmern. Und das passiert schon mehrmals am Tag“, berichten sie. Und Schulleiterin Iris Keller erzählt von dem größeren Planungsaufwand: „Die sich ständig ändernden Maßnahmen machen die Stundenplanung nach kurzer Zeit hinfällig. Das ist ein großer organisatorischer Aufwand, der für den Papierkorb ist.“ Karen Lotze ergänzt: „Wir haben zur Zeit Planungssicherheit für zwei Wochen, aber Aufwand wie für ein ganzes Halbjahr.“

Lehrer bringen den Schülern Aufgaben nach Hause: „Wir machen das alle gerne“

Christoph Karpstein von der Kooperativen Gesamtschule (KGS) in Bad Lauterberg unterrichtet in verschiedenen Klassenstufen des Gymnasial- und Realschulzweiges. Er ist unter anderem Sportlehrer. Da kommen ihm die modernen technischen Möglichkeiten sehr entgegen: „Mit verschiedenen Apps können wir etwa Lauftrainings organisieren oder kleine Sporteinheiten für zu Hause. Demnächst wollen wir noch eine Challenge-App probieren, ein bisschen Wettbewerb gefällt den Schülern.“ In den anderen Fächern mache sich die unzeitgemäße digitale Ausstattung der Schulen aber manchmal bemerkbar. Er selbst müsse noch seinen Privatrechner für den Distanzunterricht nutzen, datenschutzrechtlich sei das wenigstens bedenklich. Als die Videofunktion von IServ zum Schulstart ausfiel, konferierte Christoph Karpstein per Whatsapp mit seinen Klassen – „auf den kleinen Bildschirmen der Smartphones ist das nicht ideal.“ Um allen Schülern gerecht zu werden, fahren einige Lehrkräfte der KGS derzeit zu Hause bei den Familien vorbei und geben Aufgaben ab, berichtet er weiter. „Das ist natürlich ein Mehraufwand. Aber wir machen das alle gerne.“

Göttinger Studie zur Arbeitsbelastung durch Digitalisierung an Schulen

Derweil hat die „Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften Universität Göttingen“ eine Studie ins Leben gerufen, die sich der Digitalisierung in Schulen und vor allem den Erfahrungen und der Arbeitsbelastung von Lehrkräften dabei widmet. „Der Fragebogen nimmt etwa 45 Minuten in Anspruch, das ist schon sehr lang für so eine Studie. Es wird aber rege teilgenommen. Das zeigt auch, dass es da ein Bedürfnis nach Evaluierung gibt“, sagt Dr. Frank Mußmann, Leiter der Kooperationsstelle, auf Anfrage dieser Zeitung. Das Ergebnis der Studie soll Anfang Juni veröffentlicht werden.

Seit dem Pandemiebeginn im Frühjahr vergangenen Jahres berichten Lehrkräfte teilweise von 60 bis 70 Stunden Wochenarbeitszeit. Viele haben selbst Kinder, die sie zu Hause betreuen müssen, während sie sich um ihre Klassen kümmern.

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