Online-Vernissage der Volkshochschule von Neonazis gehackt

Duderstadt.  Bei der Präsentation von Kunstwerken erscheinen verfassungsfeindliche Symbole. Die Polizei ermittelt auch wegen Drohungen gegen jüdische Studierende.

Die Online-Präsentation Volkshochschule (VHS) Göttingen-Osterode wurde gehackt, unübersehbar von Neonazis. Verfassungsfeindliche Symbole erschienen auf dem Bildschirm und eine dumpfe Stimme beginnt zu sprechen vom „Kampf“.

Die Online-Präsentation Volkshochschule (VHS) Göttingen-Osterode wurde gehackt, unübersehbar von Neonazis. Verfassungsfeindliche Symbole erschienen auf dem Bildschirm und eine dumpfe Stimme beginnt zu sprechen vom „Kampf“.

Foto: Jochen Lübke / dpa

Aufgrund der Corona-Pandemie hat die Volkshochschule (VHS) Göttingen-Osterode die Präsentation von Kunstwerken der „Werkstatt Malerei“, ein von VHS-Dozentin Emmie Reinecke geleiteter Kurs, in diesem Jahr virtuell vorgenommen. Wer dabei sein wollte, musste sich am Sonntag, 22. November, ins Web begeben und war über einen Link und dank Zoom Gast der Veranstaltung. Diesen Weg nahmen offenbar auch Hacker: Sie störten die Veranstaltung am Ende mit verfassungsfeindlichen Inhalten. Die Polizei hat die Ermittlungen aufgenommen.

Die Werkstatt Malerei zeigt alljährlich eine Ausstellung ihrer Werke von November bis Januar im Rathaus in Ebergötzen. Corona-bedingt geht das in diesem Jahr nicht. Also bekamen alle, die Interesse hatten, die Ausstellungseröffnung zu verfolgen, einen Link zugeschickt beziehungsweise konnten ihn auf der VHS-Homepage finden. Im Anschluss an eine Begrüßung erfolgt die Präsentation der Kunstwerke. In zwölf Minuten ziehen die Gemälde in einer Videoshow über den Bildschirm.

Verfassungsfeindliche Symbole

Doch die Präsentation wird gehackt, unübersehbar von Neonazis. Verfassungsfeindliche Symbole erscheinen auf dem Bildschirm und eine dumpfe Stimme beginnt zu sprechen vom „Kampf“. „Oh mein Gott“, ruft Emmie Reinecke entsetzt aus, bevor die Veranstalter die Übertragung abrupt beenden. Eine Straftat, zweifellos. Die zur Anzeige gebracht werden sollte? „Auf jeden Fall“, sagt ein Polizeisprecher auf Nachfrage des Göttinger Tageblatts. Und auch wenn es für die Strafermittlungsbehörden nicht einfach sei, die Verantwortlichen ausfindig zu machen und ein Fahndungserfolg nicht unbedingt zu erwarten sei, sei es wichtig, über Vorfälle dieser Art die Polizei und auch die Öffentlichkeit zu informieren.

Einen Fall von Drohungen gegen jüdische Studierende in Göttingen gab es Mitte November, wie Mitglieder der jüdischen Hochschulgruppe und des Verbandes Jüdischer Studierender Nord (VSJNord) jetzt auf dem Instagram-Profil des VSJNord veröffentlicht haben: „Am 15.11.20 haben unbekannte Personen antisemitische Nachrichten im Hof der Synagoge in Göttingen hinterlassen“, heißt es auf Instagram. Die Studierenden hätten gerade für den Mizwa-Tag, dem internationalen jüdischen Aktionstag für gute Taten, gebacken, als sie von Passanten auf die Nachricht aufmerksam gemacht worden seien. Diese hätten aus mehreren großen, mit Buntstift gemalten Hakenkreuzen und einem Brief mit Drohungen bestanden, dass die Polizei die Menschen bei „Heil-Hitler-Rufen“ und dem Zeigen von Hakenkreuz nicht beschützen werde. Nach Anzeigeerstattung ermitteln in dem Fall inzwischen die Staatsschützer der Göttinger Polizei wegen „Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“.

„Dies ist kein Einzelfall, und es kommt nicht nur in Göttingen immer wieder zu diesen alltäglichen antisemitischen Übergriffen – besonders wenn jüdisches Leben öffentlich sichtbar wird. Und das sogar, wenn sich Studierende gemeinsam für einen gemeinnützigen Zweck zum Backen in der Synagoge treffen“, heißt es in dem Post auf der Social-Media-Plattform Instagram im Internet.

Polizeisprecherin Jasmin Kaatz schildert die Vorkommnisse so: Am vergangenen Sonntag habe gegen 16.50 Uhr ein Passant auf dem Grundstück der jüdischen Gemeinde mehrere aus Pappkarton hergestellte „Sprechblasen“ gefunden. Diese lagen direkt am Zaun. Auf ihnen waren bunt gemalte Hakenkreuze und ein Text zu sehen.

Polizei geht von psychischer Erkrankung des Täters aus

Die Polizei habe die Pappschilder sichergestellt und inzwischen den mutmaßlichen Verursacher ermittelt, so Kaatz. Dabei handele es sich um einen Mann aus Nordhessen.„Der 55-Jährige hat nach vorliegenden Erkenntnissen keine antisemitische Einstellung. Es gilt als sicher, dass die Motivation seines Handelns auf einer psychischen Erkrankung und einer daraus resultierenden Verhaltensstörung beruht“, erläutert Kaatz. Von einer ideologischen Verwendung im Sinne einer rechtsgerichteten Gesinnung sei wegen der geführten Ermittlungen nicht auszugehen.

„Bei antisemitischen Vorfällen erwarten wir eine sorgfältige Aufarbeitung und Strafverfolgung durch Polizei und Justiz“, forderte Marie Kollenrott, Mitglied im Vorstand des grünen Stadtverbandes und Landratskandidatin, am Freitagabend. Viel zu oft verstecke sich antisemitisches Handeln nachträglich hinter angeblicher Unzurechnungsfähigkeit des oder der Täter. „Daher fordern wir weitergehende Aufklärung zu den Geschehnissen am Mitzvah-Tag und dem Tatverdächtigen“, sagte Kollenrott.

In Kooperation mit der Jüdischen Gemeinde Göttingen und der Polizeiinspektion Göttingen hat es für das Gemeindehaus in der Vergangenheit eine technische Beratung gegeben. Mit der Stadtverwaltung erfolgten Abstimmungen hinsichtlich baulicher und verkehrsrechtlicher Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheitslage an den jeweiligen Objekten. Polizei und jüdische Gemeinden seien in engem Kontakt und handeln anlassbezogen, gab die Pressestelle der Polizeidirektion Göttingen im Oktober an.

Für den Bereich der Polizeiinspektion Göttingen seien in den Jahren 2011 bis 2017 Straftaten mit antisemitischem Hintergrund „im oberen einstelligen Bereich“ erfasst worden, so die Polizei weiter, in den Jahren 2018 und 2019 „im unteren zweistelligen Bereich“. Für 2020 sei bislang keine steigende Tendenz zu erkennen. Bei den Straftaten handele es sich hauptsächlich um Volksverhetzung, Gewaltdelikte gebe es keine.

Der Verein „Antifaschistisches Bildungszentrum und Archiv Göttingen“ (ABAG) verzeichnet in seiner Chronik für das laufende Jahr bis September neun antisemitische Vorfälle in den Landkreisen Göttingen, Northeim, Eichsfeld. Meist handelt es sich um Propagandadelikte mit Bezug zu antisemitischen Verschwörungsmythen rund um Corona und QAnon. Die Chronik listet nach ABAG-Angaben „eine Auswahl an extrem rechten Vorfällen und Aktivitäten“ in der Region auf.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder