Das Torfhausmoor: Ein Lebensraum, geprägt vom Moos

Torfhaus.  Seit tausenden Jahren wächst das Torfhausmoor, bietet seltenen Tieren Heimat und speichert gewaltige Mengen Kohlenstoff.

Blick über das Große Torfhausmoor. Die weißen Büschel im Vordergrund sind Samenstände des Scheidigen Wollgrases.

Blick über das Große Torfhausmoor. Die weißen Büschel im Vordergrund sind Samenstände des Scheidigen Wollgrases.

Foto: Siegfried Wielert

Für unsere Vorfahren waren Moore mystische Orte, Tore zu den Ahnen und zur Götterwelt. Die alten Germanen verehrten ihre Götter im Moor und versenkten Opfergaben in den unergründlichen Tümpeln. Und auch menschliche Körper fand man in den norddeutschen Hochmooren, gut erhalten und mit Haut und Haaren konserviert: die Moorleichen. Es gibt Geschichten von Moorgeistern – Irrlichtern, die Wanderer ins Verderben locken wollen. Doch nicht nur Unglück, sondern auch Hinrichtung, Menschenopfer oder rituelles Begräbnis können eine Erklärung für das Schicksal dieser Menschen sein. Zu Tage kamen diese Funde beim Torfabbau. Torf wurde traditionell vor allem als Heizmaterial verwendet.

„Wir wissen nicht, welche Geheimnisse die Moore im Harz bergen, weil sie nicht genutzt wurden“, sagt Nationalpark-Ranger Dirk Gronowski, der eine Wandergruppe rund um das Große Torfhausmoor führt. Ob Tor zu den Göttern oder einfach eine herrliche Landschaft: Dem blauen Himmel fühlt man sich dort an einem sonnigen Herbsttag im Oktober mit Blick auf den Brocken jedenfalls nah. Die Moore im Harz sind weitgehend intakt, die meisten wurden nicht trockengelegt oder durch den Torfabbau zerstört.

Am Torfhausmoor wurde dies aber zumindest versucht, wie Gronowski beim Blick auf eine einst abgetorfte Fläche am Beginn des Rundweges um das Moor berichtet. Heute ist dort eine von Bäumen umrandetet Wiese. Der Ort Torfhaus hat seinen Namen vom Torfabbau. 1713 bis 1786 wurde das Moor zur Torfgewinnung genutzt. Die Harzer Bergleute wollten damals das organisches Sediment, wie in Norddeutschland seit langem gängige Praxis, als Brennstoff nutzen. „Der Torfkörper wurde angestochen und die Soden rausgetragen. In den sogenannten Torfhäusern wurden die dann aufeinandergestapelt. Das waren große Scheunen, zur Seite offen“, erläutert Gronowski. Der Wind sollte den Torf trocknen.

Aber die Witterung im Harz machte den Bergleuten einen Strich durch die Rechnung: „3000 Millimeter Niederschlag im Jahr, 300 Nebeltage, ständig hohe Luftfeuchtigkeit. Es ist nicht gelungen, den Torf zu trocknen.“ So wurden die Torfsoden über die Radau und die Oker auf Flößen bis nach Wolfenbüttel transportiert. „Was für ein Aufwand. Ökonomisch unsinnig“, stellt der Ranger fest. Der Torfabbau im Harz wurde deshalb bald wieder aufgegeben. „Darum findet man heute noch intakte Moore.“ Die Harzer Moore zählen sogar zu den besterhaltenen in Deutschland und konnten sich im Vergleich zu denen in der norddeutschen Tiefebene ihre Ursprünglichkeit bewahren.

Für den Nationalpark sind sie ein wahrer Schatz und waren einer der Gründe, überhaupt so ein großes Schutzgebiet auszuweisen. Rund 2.000 Hektar des Nationalparks sind vermoort. Ein Viertel davon sind besonders seltene weitgehend waldfreie Hoch- und Niedermoore. „Es sind nahezu unbeeinflusste Lebensräume“, betont Gronowski. Moore gehörten deshalb auch zu den ersten Flächen im Nationalpark, die aus dem aktiven Naturschutz-Management herausgenommen und ganz sich selbst überlassen wurden. Das Torfhausmoor zählt zu den Regenmooren und hat eine mehrere tausend Jahre alte, über sechs Meter dicke Torfschicht. Regenmoore, auch Hochmoore genannt, werden im Gegensatz zu Niedermooren ausschließlich aus Niederschlägen und durch aus der Luft eingetragene Mineralsalze versorgt.

Die Torfmoose sind sehr effektive Wasserspeicher

Die Entstehung der Hochmoore ist einer kleinen Pflanze zu verdanken: Dem Torfmoos. Torfmoose sind wahre Spezialisten, die an die extremen Bedingungen ihres Lebensraumes – nass, nährstoffarm und sauer – angepasst sind. Die meisten Moore liegen im Westteil des Hochharzes zwischen 700 und 1.100 Meter Höhe, denn dort fällt genug Regen. Feucht-kühle Bedingungen und undurchlässiger Untergrund ließen nach der Eiszeit vernässte Bereiche entstehen, in denen Torfmoose seitdem prächtig gedeihen. Im Harz gibt es rund 25 verschiedene Arten dieser wurzellosen Moose. Die Moose können selbst in geringsten Konzentrationen vorkommende Nährstoffe aufnehmen. Zudem können sie konkurrierende Pflanzen im Wuchs behindern, indem sie selbst für ein saures Milieu in ihrer Umgebung sorgen. Die Moose sind sehr effektive Wasserspeicher: Sie können in speziellen Speicherzellen, die aufquellen, mehr als das 30-fache ihrer Trockenmasse an Wasser speichern und so auch Trockenperioden überstehen. „Wie ein kleiner Wassertank“, sagt Gronowski. Außerdem haben die Pflanzen eine große Oberfläche, an der Wasser anhaftet. Er demonstriert die Saugfähigkeit, indem er ein kleines Büschel Torfmoos ausquetscht. „Der ganze Lebensraum hier ist ein großer Schwamm.“

Torfmoose können zudem praktisch unbegrenzt wachsen: Während die grüne Pflanze nach oben wächst, stirbt sie unten wegen des Luftabschlusses ab. Aufgrund des Sauerstoffmangels und des hohen Säuregrads im feuchten Bodensubstrat wird das tote Pflanzenmaterial aber nur unvollständig zersetzt, erklärt der Ranger. Daraus entsteht im Laufe der Zeit Torf. Und das Moor wächst Schicht für Schicht in die Höhe, daher die Bezeichnung Hochmoor. „Die Torfschicht wächst durchschnittlich einen Millimeter pro Jahr“, sagt Gronowski. „Im Torfhausmoor ist die Schicht bis zu 6,5 Meter hoch.“ Das Moor ist wahrhaftig ein Fenster in die Vergangenheit, jedenfalls für Wissenschaftler: In Bodenproben kann man die Vegetation von vor sechseinhalbtausend Jahren untersuchen, Pflanzenteile, Pollen und Blüten wurden konserviert. Sie erlauben Rückschlüsse auf den damaligen Lebensraum.

Die Radau, ein Nebenfluss der Oker, entspringt im Moor. Die Bäche, die aus den Mooren gespeist werden, sind rotbraun gefärbt. Viele Wanderer halten dies irrtümlich für eine Folge eines hohen Eisengehaltes, erzählt Gronowski. Tatsächlich sind es Huminstoffe aus dem Moor, die das Wasser färben. Wo es über Hindernisse wie Steine sprudelt, werden diese organische Substanzen aufgeschäumt. Für Fische ist dieses rote Wasser in den Oberläufen der Flüsse noch zu sauer, sie tauchen erst weiter flussabwärts auf, wo es vermischt und der pH-Wert höher ist. Gleichwohl habe das Wasser oben bei den Mooren, etwa das in der Abbe, Trinkwasserqualität, sagt Gronowksi und ergänzt augenzwinkernd: „Es wirkt aber abführend.“

Diese Gebirgsbäche werden von vielen Wasserinsekten bevölkert, deren Larven sich dort entwickeln, zum Beispiel Köcherfliegen oder Steinfliegen. Das wiederum lockt die Wasseramsel an, die tauchend nach ihrer Beute jagt. Das Moore ist ein besonderer Lebensraum, Heimat für einen weiteren Spezialisten: Den Rundblättrige Sonnentau, eine insektenfressende Pflanze, deren Blätter mit Klebedrüsen besetzt sind, an denen Insekten hängen bleiben. Auch das eine Anpassung an die nährstoffarme Umgebung.

Eine weitverbreitete Charakterpflanze der Hochmoore ist das Scheidige Wollgras mit seinen typischen wattig-weißen Samenständen. Mit seinen faserig zerfallenden Blättern trägt es mit zur Torfbildung bei. Ebenfalls charakteristisch für die Moore sind Heidel-, Krähen-, Preisel- und Moosbeeren. Von letzteren ernährt sich ein vom Aussterben bedrohter Schmetterling, der hier noch vorkommt, der Moosbeeren-Grauspanner und auch der ebenfalls seltene, seit der Eiszeit dort heimische Hochmoor-Perlmutterfalter. Seine Raupen fressen die Triebe der Moosbeere. Sie finden im Harz einen der letzten Zufluchtsorte.

Weitere Kostbarkeiten aus dem Insektenreich sind zwei Libellenarten, die eigentlich an arktisch-alpine Lebensbedingungen angepasst sind, sich aber auch im rauen Harzer Klima wohl fühlen: die Arktische Smaragdlibelle und die Alpen-Smaragdlibelle. Beide sind sehr selten in Mitteleuropa und in Deutschland stark gefährdet. Die Larven dieser Libellen entwickeln sich in den vielen kleinen Wasserstellen im Moor. Durch ihre Ursprünglichkeit und das eher skandinavisch geprägte Klima haben die Harzer Moore als Rückzugsraum für seltene Arten eine europaweite Bedeutung für Naturschutz und Wissenschaft.

Trockenheit und steigende Temperaturen bedrohen den Lebensraum

Doch auch dieser Lebensraum ist vom Klimawandel bedroht: Die langen Trockenperioden der vergangenen Jahren machen der Vegetation und den Tieren ohnehin zu schaffen. Wasserabhängige Ökosysteme reagieren besonders empfindlich auf wärmere und trockenere Jahre. Außerdem wird das Moor selbst beschädigt: „Bei Trockenheit kann Luftsauerstoff in den Boden eindringen und es beginnt ein Zersetzungsprozess: Das Moor kompostiert“, erklärt der Ranger. Die steigenden Temperaturen vertreiben außerdem kältebevorzugende Arten wie die Smaragdlibellen, deren Bestände bereits zurückgehen. Die Veränderungen, die sich vollziehen, lassen sich auch an der Ausbreitung der Rasigen Haarsimse, einem Gras, erkennen. „Für Botaniker ist das ein Anzeichen, dass das Wachstum der Moore stagniert.“

Der Verlust von Mooren trägt wiederum zum Klimawandel bei, denn Moore sind unverzichtbare Kohlenstofflager und -speicher: „Die Moore auf der Erde sind neben den Ozeanen die größten CO2-Senken“, betont Gronowski. Moore speichern doppelt soviel Kohlenstoff wie alle Wälder der Welt. In Deutschland enthält eine 15 Zentimeter mächtige Torfschicht auf gleicher Fläche in etwa gleich viel Kohlenstoff wie ein 100-jähriger Wald, berichtet der Naturschutzbund Nabu auf seiner Homepage. Das bedeutet: Geht in einem Moor die Torfmächtigkeit um einen Meter zurück, müsste zum Ausgleich das Sechsfache an Fläche aufgeforstet und 100 Jahre ungestört wachsen.

Allein Torfhausmoor lagert gespeichertes Pflanzensubstrat aus 6500 Jahren, das zersetzt wird, wenn das Moor austrocknet: „Das geht alles in die Atmosphäre.“

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