Maskenpflicht: Wie kommunizieren jetzt Hörbehinderte?

Göttingen.  Der Blick auf den Mund des Gegenübers hilft Hörbehinderten. Der Umgang mit der Maskenpflicht ist daher eine Herausforderung für Teile der Betroffenen.

Elisabeth Klemens: „Das Gebärden über der Maske ist noch ein Problem. Das braucht Übung.“

Elisabeth Klemens: „Das Gebärden über der Maske ist noch ein Problem. Das braucht Übung.“

Foto: Privat

Ob beim Einkaufen, in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Gang zum Arzt – das Tragen von Gesichtsmasken gehört in Niedersachsen aktuell zum Alltag. Für die Kommunikation zwischen hörbehinderten und hörenden Menschen kann dieser Schutz zu einer weiteren Barriere werden.

„Ein ungestörter Blick auf das Gesicht ist wichtig für die Kommunikation“, sagt Elisabeth Klemens, Beraterin für den Hörgeschädigten-Regionalverband Südniedersachsen (GVSN) in Göttingen. Viele Schwerhörige seien auf das sogenannte Absehen des Mundes angewiesen. Sie beobachteten die Lippenbewegungen ihres Gegenübers, um das Gehörte besser zu verstehen. Auch einige gehörlose Klienten von Klemens benutzten die Technik im Kontakt zu Hörenden. Normalerweise begleite die Beraterin diese bei Terminen, hilft bei behördlicher Kommunikation oder bei Alltagsproblemen. Derzeit findet die Beratung nur per E-Mail, Chat und Videotelefonie statt.

Für Tanja Herbst stellen die Masken eine andere Herausforderung dar. Die 47-Jährige lebt und arbeitet in Nörten-Hardenberg und ist seit ihrem zweiten Lebensjahr taub. Sie kommuniziert mit der Deutschen Gebärdensprache (DGS). Das Ablesen spielt für sie, wie für viele andere Gehörlose, eine untergeordnete Rolle. „Durch das Ablesen versteht man nur 30 Prozent des Gesagten“, gebärdet sie im Video-Interview mit Dolmetscher. Doch gerade in der DGS sind das Mundbild und die Mimik ein Teil der Sprache. Sie ergänzen die Bedeutung der Hand-Gebärden. „Das ist mit einer Maske schon sehr anstrengend“, so Herbst.

Neben der Gebärdensprache kommuniziert sie schriftlich und mit Hilfe von Dolmetschern – ein großes Problem sieht sie im sozialen Kontakt: „Wenn jemand eine Maske trägt, kann ich nicht erkennen, wenn ich angesprochen werde. Das ist unangenehm, da ich Menschen so unbewusst ignoriere.“

Elisabeth Klemens und ihre Berufskollegin Martina Cicek vom Integrationsfachdienst der AWO Göttingen testen derzeit vollständig durchsichtige Gesichtsvisiere, hinter denen das ganze Gesicht zu erkennen ist. Sie ermöglichen sowohl das Ablesen als auch die Gebärdensprache. „In einem ersten Test haben sich die Visiere bewährt“, berichtet Cicek, die Klienten – derzeit ausschließlich kontaktlos – in Fragen rund um den Arbeitsplatz berät. Eine Trennscheibe und Visiere für alle Beteiligten sollen Termine in Zukunft wieder ermöglichen.

Vertreter der Gehörlosen-Community plädieren für eine flächendeckende Versorgung mit den transparenten Masken. „Wir klären gerade, wie und wo wir mehr von den Visieren bekommen können“, sagt Klemens.

Corona-Krise verstärkt Barrieren

Klemens hofft, dass sie die persönliche Beratung bald wieder aufnehmen kann, denn „die Corona-Krise verstärkt die Isolation von Hörgeschädigten.“ Das gelte besonders für ältere Menschen, die sich nicht über Smartphones und soziale Medien mit anderen vernetzen könnten. „Zu einigen Menschen, die vorher regelmäßig kamen, habe ich jetzt nur sehr wenig Kontakt“, sagt Klemens.

Auch die jüngere Tanja Herbst beschreibt die Pandemie als „eine drastische und einschneidende Situation“ für Hörgeschädigte und Gehörlose. „Wir sind eine Minderheit. Von daher ist der soziale Kontakt zu Gleichgesinnten besonders wichtig und das fällt jetzt weg“, so Herbst. „Jetzt werden die sozialen Medien wie Facebook und Instagram verstärkt genutzt, um in Kontakt zu bleiben und auch, um wichtige Informationen zu bekommen.“

Die Informationsversorgung ist derzeit eine Barriere für hörbehinderte Menschen. „Am Anfang gab es nur wenige Dolmetscher auf den wichtigen Pressekonferenzen“, so Herbst. Das habe sich nach Protesten von Betroffenen gebessert. „Das ist aber immer noch zu wenig. Wir bekommen wichtige Informationen erst sehr spät.“ Das Problem sieht sie im Fehlen eines gesellschaftlichen Bewusstseins für die Situation von hörbehinderten Menschen: „Wir werden als Gruppe wahrgenommen, aber sind nicht Teil der Gesellschaft.“ Von der Politik erhofft sie sich deshalb mehr Verständnis und Dialog: „Ich wünsche mir, dass nicht nur über, sondern mit uns gesprochen wird.“

Tipps

Die Einbeckerin Lela Finkbeiner sieht das Problem weniger in den Masken als in der gesellschaftlichen Debatte über sie. „Kommunikation ist eine beidseitige Angelegenheit und ein Vorgang, der nicht allein auf die Lippenbewegung reduziert werden kann“, sagt die 46-Jährige, die freiberuflich in Fragen der Kommunikation zwischen gehörlosen Patienten und medizinischem Personal berät. Sie ist seit ihrem 21. Lebensjahr taub und sieht in der Debatte um die Mundschutzpflicht das Risiko einer weiteren Stigmatisierung für Gehörlose. Immer wieder lese sie Überschriften, in denen Masken als Problem „für“ Hörgeschädigte beschrieben werden. „Aber wenn die Kommunikation gestört wird, betrifft das alle Beteiligten.“ Finkbeiner sieht ihre Gehörlosigkeit nicht als Behinderung. In der Gesellschaft brauche es mehr Sensibilität und alternative Wege der Verständigung.

So gelingt die Kommunikation: „Zunächst ist es wichtig, Kommunikation als einen beidseitigen Prozess zu verstehen“, rät Finkbeiner. „Alle sind für gelingende Kommunikation verantwortlich.“ Für die Begegnung im Alltag rät sie zur Gelassenheit: „Kommunizieren Sie, wie Sie kommunizieren möchten. Sprechen Sie die Kommunikationssituation an. Gestikulieren Sie.“ Praktisch sei es, Stift und Block dabei zu haben, um schriftliche Kommunikation zu ermöglichen. Nützlich seien auch Spracherkennungs-Apps, die Sprache in Text übersetzen. Bei Terminen könne man sich vorab um einen Ferndolmetscher bemühen. Elisabeth Klemens empfiehlt Geschäftsinhabern, ihre Verkäufer mit durchsichtigen Masken auszustatten oder ein Schild zu installieren, auf das hörgeschädigte Kunden zeigen können, wenn sie das Mundbild oder schriftliche Kommunikation wünschen.

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