Wie eine Familie über Jahrzehnte durch die Mauer getrennt wurde

Rhumspringe.  Manfred Hose hat Familie in Thüringen, die er nur unter großen Anstrengungen besuchen konnte. Am Tag nach der Wende wartete dann eine Überraschung.

Erstes Treffen im Westen: Die Familie von Manfred Hose aus Bischofferode und Gotha bei ihrem ersten Besuch am 10. November 1989 in Rhumspringe. Mit auf dem Foto ist auch Manfred Hoses Mutter.

Erstes Treffen im Westen: Die Familie von Manfred Hose aus Bischofferode und Gotha bei ihrem ersten Besuch am 10. November 1989 in Rhumspringe. Mit auf dem Foto ist auch Manfred Hoses Mutter.

Foto: Privat

Von Rhumspringe nach Weißenborn-Lüderode sind es gerade einmal 12 Kilometer. 15 Minuten fährt man mit dem Auto, über Hilkerode, Brochthausen und Zwinge. Dass die Fahrt deutlich länger dauern kann, weiß Manfred Hose aus eigener Erfahrung. Der 60-Jährige erinnert sich noch gut daran, als der Eiserne Vorhang das Eichsfeld und seine Familie trennte. Er erinnert sich noch gut an die Abenteuerfahrten in den Osten – und an den Tag nach dem Mauerfall.

Manfred Hose ist ein waschechter Rhumspringer. Seine Großeltern stammten beide aus dem Ort an der Rhumequelle kurz hinter Pöhlde, zogen später jedoch nach Bischofferode im thüringischen Teil des Eichsfelds. Als Viehhändler kaufte Hoses Großvater dort ein Haus und betrieb später eine Metzgerei und ein Gasthaus. Manfred Hoses Vater und dessen Geschwister wurde hier geboren. „Mein Vater ist dann aber nach Rhumspringe zurückgekehrt und hat hier geheiratet“, berichtet er. Ein Bruder kehrte ebenfalls zurück und ließ sich in Nesselröden nieder.

Ein Teil der Familie lebte nun im abgeriegelten thüringischen Eichsfeld, der andere Teil auf westdeutscher Seite. Mitten hinein in diese Umstände wurde 1958 in Rhumspringe Manfred Hose geboren.

Bis 1973 sei „nicht viel gelaufen“, sagt Manfred Hose. Besuche habe es keine gegeben, zumal sich Weißenborn-Lüderode in der Sperrzone befand – das Betreten dieses fünf Kilometer breiten Bereichs an der Grenze war nur unter besonderen Bedingungen gestattet. „Wir konnten nicht einreisen“, sagt der heute 60-Jährige. Die Eltern hätten Pakete geschickt, mit allem, was der Familie in der DDR fehlte, erinnert sich Manfred Hose.

Nur ein einziges Mal habe sein Vater nach Weißenborn reisen dürfen – zur Beerdigung seiner Mutter. Gleiches galt für die Gegenbesuche: Nur einmal waren zwei von Manfred Hoses Onkeln im Westen – als der Onkel aus Nesselröden schwer verunglückte. „Sie haben eine Sondergenehmigung bekommen, um ihren Bruder besuchen zu können.“

Erst mit Einführung des kleinen Grenzverkehrs 1973 waren wieder Besuche bei der Familie möglich, die inzwischen – nach dem Tod des Großvaters – nach Weißenborn gezogen war und dort eine Metzgerei führte.

Die erste Reise in die DDR unternahm die Familie noch mit einem Bus nach Leinefelde, mit dem eigenen Auto durften die Hoses nicht einreisen, das sei erst später erlaubt worden. Zwei bis drei Mal im Jahr habe man die Familie in Weißenborn oder Gotha danach besucht, wo es einen weiteren Onkel aus der Hose-Familie hin verschlagen hat. „Wir mussten immer vor Mitternacht zurück sein. Es gab nur Tagesvisa, die 24 Stunden gültig waren. Es konnte richtig Stress geben, wenn man nicht rechtzeitig zurück war.“

Für Manfred Hose waren die Besuche in die DDR immer ein Abenteuer, sagt er. „Die Passkontrollen, die Zollkontrollen, das lange Warten an der Grenze, die versmogte Luft – das ist hängen geblieben“, erzählt er. „Wir haben manchmal eineinhalb oder zwei Stunden an der Grenze warten müssen.“ Die DDR sei ihm stets Grau in Grau vorgekommen. „Das war ganz charakteristisch.“

Seine Familie habe sich nicht von den Angehörigen im Osten unterschieden, wohl aber die Lebensumstände. So erinnert er sich, dass es in den Kaufhäusern kaum Waren gab. Einfach mal ins Restaurant Essen gehen – undenkbar. Und während die Auslagen beim Schlachter im Westen prall gefüllt waren, durfte sein Onkel in seiner Metzgerei nur Wurst verkaufen.

Den 9. November – den Tag, an dem die Mauer nach 28 Jahren schließlich fiel – haben Manfred Hose und seine Familie in Rhumspringe im wahrsten Sinne verschlafen. „Es lief sehr unspektakulär ab“, erinnert er sich. „Wir haben abends gehört, dass die Grenzen offen sein sollen, mehr aber auch nicht“, erinnert er sich. Der nächste Tag, der 10. November, dagegen barg eine freudige Überraschung: „In der Mittagszeit standen plötzlich mein Onkel und meine Tante sowie mein Cousin mit Frau und Tochter mit ihrem Lada vor unserer Haustür.“ Die Freude sei groß gewesen. Und dann stand plötzlich der Gothaer Onkel mit seiner Familie vor der Tür – purer Zufall. Beide Familien hatten sich unabhängig voneinander auf den Weg gemacht.

In der Anfangszeit nach dem Mauerfall habe es zwischen den Familien regen Kontakt gegeben. Man habe sich häufig gesehen. Später sei das dann abgeflaut. „Es wurde wesentlich ruhiger. Zu DDR-Zeiten haben wir uns öfter gesehen, als nach dem Mauerfall.“ Woran das liegt, wisse er nicht, sagt Manfred Hose – vielleicht weil es nicht mehr so spannend sei, kein Abenteuer, kein stundenlanges Warten an der Grenze, keine Anträge. Nur 15 Minuten Fahrt von Rhumspringe nach Weißenborn.

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