Hier kann man auf den Spuren der Harzer Mythen wandern

Braunlage.  Auf dem Naturmythenpfad in Braunlage können Besucher viel über die Naturmythen sowie Märchen und Sagen des Harzes lernen.

Cordula Dähne-Torkler erklärt das Geheimnis der hölzernen Wassertropfen.

Cordula Dähne-Torkler erklärt das Geheimnis der hölzernen Wassertropfen.

Foto: Inken Paletta / HK

In der warmen Jahreszeit laden zahlreichen Wanderrouten im Nationalpark Harz dazu ein, auf Entdeckungsreise zu gehen. Ein besonderes Erlebnis für Menschen, die sich für Naturmythen sowie Märchen und Sagen des Harzes interessieren, ist der Naturmythenpfad bei Braunlage. Über abwechslungsreiche Wald- und Wanderpfade, auf Trittsteinen über kleine Bäche und entlang des Odertaler Silberteiches führt der Naturlehrpfad quer durch den Nationalpark. Rund zehn Stationen und eine Waldbibliothek laden zum Mitmachen und Informieren ein. „Wir möchten besonders Familien mit Kindern und Schulklassen dazu animieren, sich näher mit der Natur auseinanderzusetzen. Und natürlich wollen wir auch für den Naturschutz sensibilisieren“, erzählt Cordula Dähne-Torkler von der Nationalparkverwaltung.

Entwickelt wurde der Pfad nach Umweltbildungskriterien in Zusammenarbeit mit dem Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen (heute: Deutsche Angestellten Akademie) sowie den Künstlern Wolfgang Buntrock und Frank Nordiek vom Atelier Land Art aus Hannover. Fördergelder für das Projekt erhielt der Nationalpark Harz aus EU-Mitteln des EFRE sowie aus Geldern des Projektes „Natur erleben in Niedersachsen“.

„Wir freuen uns besonders, dass wir durch die Kooperation mit dem Bildungswerk auch Langzeitarbeitslosen eine neue Aufgabe vermitteln konnten“, freut sich Dähne-Torkler. „Alle Projektteilnehmer waren mit Freude und Spaß bei der Sache. Wir konnten förmlich sehen, wie gut es ihnen tat, endlich wieder eine sinnvolle Aufgabe zu haben.“

Märchen, Sagen und Mythen rund um die Natur entdecken

Mythen gehören wie Sagen und Märchen zum ältesten Kulturgut. „Sie dienten unseren Vorfahren dazu, sich ihre Umwelt und die Macht der Natur zu erklären“, erklärt Dähne-Torkler. Startpunkt des Lehrpfades ist üblicherweise an der Station „Wolf“. Gerade der Mythos vom „bösen Wolf“ habe sich durch Märchen wie „Rotkäppchen und der Wolf“ oder „Der Wolf und die sieben Geißlein“ tief ins Gedächtnis eingebrannt. „Mit diesem Mythos möchten wir brechen und auf die Rolle des Wolfes in unserem Ökosystem eingehen und auch auf seine Gefährdung durch den Eingriff des Menschen in seinen Lebensraum.“ Allerdings ist diese Station aufgrund von Waldentwicklungsmaßnahmen erst wieder im nächsten Jahr begehbar. „Der Borkenkäfer hat uns leider einen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass wir die Station verlegen müssen. Aber es gibt ja noch eine Vielzahl weiterer Stationen entlang unseres Lehrpfades.“

Zuerst geht es ein Stück den Waldweg entlang, dann links auf einen schmalen Trampelpfad immer tiefer in den Wald hinein. Als sich die hohen, dunkelgrünen Fichten lichten, fällt der Blick auf eine kleine Lichtung mit vier Holzstühlen und einer riesigen Bodenplatte aus unterschiedlichen Schieferfragmenten. Der Platz wirkt wie ein kleines Theater – und das ist gewollt. „Hier an unserer Märchenstation im Erzähltheater sollen die Besucher ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sie können hier entweder mit Hilfe der Textfragmente oder auch ganz frei ihr eigenes Märchen erfinden. Wer möchte kann uns sein Märchen später per Mail zuschicken.“ Puzzelnd können sich Besucher hier auch das Märchen „Die Anemonen“ von Karl Ewald oder die berühmte Harzer Volkssage „Der Wolfsbrunnen“ erschließen.

Jede Station des Naturlehrpfades wird durch die Waldbibliothek und Zusatzmaterial im Internet ergänzt. „Damit möchten wir zusätzliches Wissen zu den einzelnen Mythen vermitteln“, erzählt Dähne-Torkler und schlägt ein hölzernes Buch auf, das auf einem Baumstumpf liegt. „Hier erfahren die Besucher zum Beispiel mehr über den Ursprung von Märchen und Sagen, aber auch was sie unterscheidet.“

Der Mythos vom Weltenbaum und die Kraft der heilenden Fichte

Weiter führt der Weg durch dichtes Tannengrün zur nächsten Station „Mythos Baum“. Eine knorrige, alte Esche wacht hier über die Lichtung. „Der alte Baum symbolisiert den sagenumwobenen Weltenbaum Yggdrasil aus der nordischen Mythologie“, verrät die Nationalparkmitarbeiterin. „Er ist die Verbindung zwischen der Welt der Götter, der Riesen, der Totenwelt sowie unserer.“ Seine drei Wurzeln, die durch drei hölzerne Schilder mit den Inschriften „Asgard“ (Himmel), „Midgard“ (Erde) und „Hel“ (Unterwelt) symbolisiert werden, verraten, dass der Baum das Tor zwischen den Welten darstellt. Seine drei Wurzeln werden von den Nornen, den Schicksalsgöttinnen, bewacht. „Sie sind, ebenso wie der Weltenbaum, ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Wer Lust hat, kann hier mit Grashalmen oder Stöcken selbst am Weltenwebstuhl sein Schicksal weben“, so Dähne-Torkler.

Auf dem Weg zum zweiten Teil der Station machen kleine Holzschilder auf die unterschiedlichen Baummythen aufmerksam. „Die Menschen wiesen früher der Fichte zum Beispiel eine heilende Wirkung gegen Gicht zu“, weiß Cordula Dähne-Torkler. Hölzerne Liegen laden zum Verweilen ein. „Dies ist einfach ein idealer Ort, um ein paar Minuten innen zu halten und die Natur auf sich wirken zu lassen.“

Von Wassergeistern und der Macht der Natur

Dann geht es aus dem Wald heraus zurück auf den Waldweg. Etwas später taucht ein kleiner Bachlauf auf. Hier an der Station „Bach“ können die Besucher den Mythen der Wassergeister – wie Nymphen, Nixen, Sirenen und der Undine – auf die Spur kommen. „Die vier Hörtrichter an dieser Station laden dazu ein, das Rauschen und Plätschern des Baches, also dem Gesang der Wassergeister, zu lauschen. Die Waldbibliothek hält Zusatzwissen über die Sagen der Zauberwesen bereit.“ Hier wird der Besucher unter anderem darüber informiert, dass er am nahe gelegenen Silberteich nicht nur mehr über den Mythos Wasser in der Vergangenheit und Gegenwart erfahren wird, sondern auch über den Lebensraum echter Nymphen, der Larven der Libelle.

Über einen kleinen Pfad, der vom Waldweg abzweigt, erreicht der Besucher den kleinen Teich im Odertal, der früher die Erzbergwerke mit Wasser versorgte und heute Teil des Unesco Weltkulturerbes ist. Verschlafen liegt er in der Mittagssonne. Hier befindet sich auch die Stempelstelle Nr. 148 der Harzer Wandernadel. Auf einer großen Schale voll Wasser, die im Boden eingelassen ist, steht geschrieben: „Alles Sein entspringt dem Wasser, alles Sein endet im Wasser, alles Sein braucht Wasser.“ Dähne-Torkler erklärt: „Das Sprichwort stammt aus dem Buddhismus. Viele Mythen in ganz unterschiedlichen Kulturen ranken sich um das Thema Wasser.“ Hölzerne Wassertropfen, die elegant von den Bäumen hängen, geben nach dem Benetzen mit Wasser weitere interessante Fakten rund um das Thema Wasser preis.

Weiter geht der Weg vorbei an der derzeit gesperrten Station „Mythos Vogel“. „Nach dem bedauerlichen Unfall im vergangenen Jahr wollen wir sie neugestalten. Die Sicherheit auf dem Lehrpfad ist uns sehr wichtig“, betont Dähne-Torkler. „Grundsätzlich kann man Unfälle natürlich nicht ausschließen, aber durch unsere regelmäßigen Kontrollen können wir mögliche Gefahrenquellen rechtzeitig erkennen.“

Dann taucht nach einer Weile ein gigantisches Holzportal mit zwei drei Meter hohen Toren und schmiedeeisernen Beschlägen in Sichtweite auf. Tritt der Besucher hindurch, so gibt der Blick eine gigantische Windwurffläche frei. „Diese Station beschäftigt sich mit der Macht der Natur, der Ehrfurcht des Menschen gegenüber den Naturgewalten, aber auch ihrer vermeintlichen Beherrschbarkeit“, erzählt Dähne-Torkler. Angesprochen wird hier auch der Klimawandel. „Die beiden Feuerlöscher über dem zweiten Holzportal auf der linken Seite symbolisieren, dass es in puncto Klimaschutz bereits kurz vor zwölf ist und wir dringend handeln müssen.“ Auch ein weiterer Spruch setzt sich damit auseinander und macht nachdenklich: „Würden Sie sich auch über einen Nordseestrand bei Goslar freuen?“ Dähne-Torkler meint: „Genau das wollen wir erreichen, dass der Besucher sich zu dieser Thematik Gedanken macht.“

Der Wald im Wandel der Zeit, der Wunschbaum und das Labyrinth

Die nächste Station widmet sich dem „Mythos Wald“. Begrüßt wird der Wanderer hier mit dem Zitat des römischen Historikers und Senators Tacitus: „Das Land (…) ist im Ganzen aber entweder durch die Wälder erschreckend oder durch die Sümpfe grässlich.“ Der Weg führt entlang zahlreicher Holzstelen sowie über einen kleinen Bachlauf. Der Besucher reist hier durch die Zeit. Er erfährt, welche Bedeutung der Wald für die Germanen, die Römer und die Menschen im Mittelalter hatte und wie sie ihn genutzt haben. Thematisiert werden auch die verheerenden Auswirkungen des Harzer Bergbaus auf den Wald und die Bedrohung des Waldes durch den Borkenkäfer sowie die Notwendigkeit des Schutzes der Harzer Waldlandschaft und die Gründung des Nationalparks Harz.

Angelehnt an diese Station entfaltet an der nächsten Station eine junge Buche, der so genannte „Wunschbaum“, umrahmt von einem Kreis aus Schieferplatten und Steinen, seine mystische Kraft. Hier darf jeder seine Wünsche auf eine Schieferplatte ritzen und sie links und rechts in die alten Baumstümpfe stecken und sie so dem Wunschbaum übergeben. Einige Besucher scheinen an die Kraft des Baumes zu glauben. Auf einer Schieferplatte ist „Kein Krieg“, auf einer anderen „Gesundheit“ zu lesen. „Erfreulich ist für uns, dass sich viele Leute gar nicht, wie erwartet, eher materielle Dinge wünschen, sondern tatsächlich sehr elementare Dinge wie Frieden, Glück, Erfolg oder Gesundheit“, so Dähne-Torkler. An den Wunschbaum schließt sich an der nächsten Station das Labyrinth an.

Am Eingang wird der etwas tieferliegende, alte Kaiserweg mit einer kleinen Bohlenbrücke gekreuzt: Auf der Eingangsbohle steht in Großbuchstaben „Du selbst“ geschrieben. Erreicht der Besucher schließlich die Mitte des Labyrinths stellt eine weitere Holzbohle die Frage „Wer bist Du?“ Die Nationalparkmitarbeiterin erklärt: „Wir wollen den Besucher hier auffordern, ein wenig mehr über sich selbst und das eigene Leben nachzudenken. Das Labyrinth ist ja sozusagen auch ein Symbol für das Leben beziehungsweise den eigenen Lebensweg, der manchmal auch sehr verschlungen sein kann.“ Das Labyrinth ist die letzte Station des Naturmythenpfades.

Am Ausgang verlässt der Besucher die Welt der Naturmythen und kehrt mit seinen neu gewonnen Eindrücken und Informationen in die Gegenwart zurück. Dabei schreitet er zunächst noch durch drei Holztore, die ihm drei essenzielle Fragen mit auf den Weg geben, die zum Nachdenken anregen: „Bist Du Teil der Natur? Ist Dein Lebensraum Teil der Natur? Und ist die Natur Teil Deines Lebensraumes?“ Dähne-Torkler. „Wir wollen den Besucher dazu animieren, dass er sich auch im Anschluss noch weiter mit dem Thema Natur auseinandersetzt und zum Beispiel für sich klärt, welchen Stellenwert die Natur in seinem Leben einnimmt“.

Der Startpunkt des Naturmythenpfades befindet sich rund 600 Meter entfernt vom Nationalpark-Wandertreff an der Jugendherberge Braunlage. Parkplätze stehen an der Wetterwarte sowie am Sportplatz an der Von-Langen-Straße zur Verfügung. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist der Wanderweg zu erreichen, zum Beispiel mit den beiden Linien der HVB 264 (Wernigerode-Schierke/Braunlage) oder 262 (Benneckenstein-Braunlage) sowie mit der KVG-Linie 820 (Bad Harzburg-St. Andreasberg). Die Haltestelle befindet sich in der Von-Langen-Straße. Weitere Informationen gibt es unter www.nationalpark-harz.de oder bei der Tourist-Information in Braunlage, Elbingeröder Straße 17, unter Telefon 05520/93070, oder per E-Mail an tourist-info@braunlage.de, sowie unter www.braunlage.de.

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