Harzer Kanarienvögel waren in der ganzen Welt bekannt

St. Andreasberg  Die Kanarienvogelzucht boomte im 19. Jahrhundert in St. Andreasberg. Noch heute gilt der der Harzer Roller Kennern als besonderes Tier.

Ein 27 Tage alter Kanarienvogel. Die Jungvögel bleiben 31 Tage bei der Mutter, bis sie vollkommen selbstständig sind.

Ein 27 Tage alter Kanarienvogel. Die Jungvögel bleiben 31 Tage bei der Mutter, bis sie vollkommen selbstständig sind.

Foto: Jochen Klähn

Mit dem Begriff Harzer Roller verknüpft so mancher Genießer eher etwas Essbares. „Doch unser Harzer Roller aus St. Andreasberg hat bis auf seine Herkunft nichts mit dem gleichnamigen Harzer Käse gemein“, verrät der ehemalige Museumsleiter des Bergwerkmuseums Grube Samson und Gründer des Harzer-Roller Kanarienvogelmuseums, Jochen Klähn. Seit Ende 2017 ist er im Ruhestand, führt aber aus Eigeninteresse noch immer regelmäßig Besucher und Schulklassen durch die Ausstellungsräume.

„Ich wohne nebenan, da bietet sich das an. Außerdem war es mein Vater, der nach seiner Rückkehr aus dem Krieg 1951 hier in St. Andreasberg das Bergwerksmuseum eröffnete und es dann 30 Jahre lang geleitet hat.“ Als dieser in Rente ging, hat Klähn das Ruder übernommen und es bis zu seinem 79. Lebensjahr geleitet. „2001 habe ich im Rahmen der 50-Jahr-Feier des Bergwerksmuseums das Harzer Roller-Kanarienvogelmuseum eröffnet.“

Seitdem hat Klähn zahlreiche Artefakte und Informationen rund um die Kanarienvogelzucht zusammengetragen, zum Beispiel eine Gesangskanarienlehrorgel, unterschiedliche Vogelbauer, darunter einen besonders eleganten aus Frankreich, alte Fotos aus der Blütezeit der Kanarienvogelzucht in St. Andreasberg, Werkzeuge und Maschinen zum Bau von Vogelkäfigen aus Holz sowie diverse Literatur, Fotos und Informationen über das Züchten von Kanarienvögeln aus der ganzen Welt. Für sein Engagement wurde ihm 2015 der vom Regionalverband Harz ausgelobte Naturparkpreis verliehen.

„Kurt Pätzold aus Berlin, ein passionierter Züchter und Sammler, hat unserem Museum nach seinem Tod auch seine komplette Sammlung vermacht“, so Klähn. „Fast fünfzig Prozent unserer Ausstellungsstücke stammen von ihm.“ Seit 2001 hat das Museum sogar einen eigenen Förderverein.

Teil des Bergwerkmuseums

Das Kanarienvogelmuseum ist Teil des Bergwerkmuseums und Erlebniszentrums Grube Samson, das heute von Christian Barsch und Hans-Günter Schärf geführt wird. Die Grube Samson ist das letzte noch erhaltene Bergwerk des historischen Harzer Erzbergbaus und gehört seit 2010 als Teil der Oberharzer Wasserwirtschaft zum Unesco-Weltkulturerbe. Das Harzer-Roller-Museum befindet sich im Gaipel, der ehemaligen Werkswohnung des Schachtaufsehers, darunter geht es rund 810 Meter in die Tiefe. „Denn in der Grube Samson wurde bis 1910 Silbererz gefördert. Aus ihm wurde Schmuck hergestellt und Silbermünzen geprägt wie der Andreastaler“, erzählt Klähn.

Die Grube Samson besitzt auch das größte Wasserrad Europas. Es hat einen Durchmesser von zwölf Metern. „Mit ihm wurde damals das Silbererz aus dem Bergwerk geschafft, mit dem etwas kleineren Wasserrad der Lift für die Bergleute angetrieben. Heute wird im Schacht mit zwei Kraftwerken Strom erzeugt, der rund 80 Prozent des gesamten Strombedarfs der Bergstadt abdeckt, das Wasser dazu kommt aus dem nah gelegenen Oderteich.“

Doch für alle Fans des Kanarienvogels lohnt sich vor allem auch ein Besuch im Harzer-Roller-Museum, das sich über drei Etagen und elf Räume verteilt. Hier erfährt der Besucher alles über die Geschichte des gelben Vogels von 1485 bis heute sowie über dessen Haltung und Zucht in einer spannenden Ausstellung. Besichtigt werden kann auch eine alte Vogelbauerwerkstatt und eine original St. Andreasberger Vogelküche.

Tatsächlich spielte der Kanarienvogel bereits während der Blütezeit des Bergbaus in St. Andreasberg eine wichtige Rolle. „Bergleute nahmen schon damals Finken und später Kanarienvögel in speziellen Körben mit unter Tage.“ Die Vögel sollten sie vor toxischen Gasgemischen, wie Kohlenmonoxid in der Luft warnen, so genannte böse Wetter, die beim Abbau des erzhaltigen Gesteins im Schacht entstehen können. „Diese sind geruchlos und damit lebensgefährlich für die Bergleute“, so Klähn. „In Australien sind die Tiere sogar heute noch teilweise im Einsatz.“

Niedergang des Bergbaus

Doch die eigentliche Erfolgsgeschichte des Harzer Rollers beginnt erst mit dem Niedergang des Bergbaus. „Zugewanderte Bergleute aus Imst in Tirol brachten 1730 Kanarienvögel als Stubenvögel mit in den Harz. Zu der Zeit boomte die Kanarienvogelzucht bereits in vielen Teilen Europas und Deutschlands. An der Nordseite des Harzes bis Braunschweig und an der Südseite bis Bodungen und Duderstadt wurden damals Kanarienvögel gezogen, heißt es in dem Buch „Der Kanarienvogel“ von Caesar Rhan. „Und auch im Bergstädtchen St. Andreasberg entwickelte sich zu dieser Zeit mit der Kanarienvogelzucht ein lukrativer Wirtschaftszweig parallel zum Bergbau“, erzählt Klähn. Um 1824 wurden in Sankt Andreasberg bereits jährlich 4.000 Kanarienvögel verkauft. Und um 1850 hatte sich die Bergstadt im Harz zum Mekka des gelben Vogels gemausert. 1883 züchteten bereits mehr als 350 Familien in St. Andreasberg in ihren Wohnungen Kanarienvögel. „1866 wird in St. Petersburg sogar eine eigene Verkaufszentrale für den Harzer Roller errichtet“, so Klähn. „Für einen Kanarienhahn bekam man damals rund 15 bis 24 Mark, für eine Henne 1,50 Mark. Für die Bergleute, die für eine Schicht von zehn Stunden unter Tage rund 2 Mark bekamen, war das ein lukrativer Zuverdienst.“

Die gelben Singvögel wurden später von St. Andreasberg sogar in die ganze Welt verkauft. „Zwischen 1882 und 1883 verschiffte beispielsweise der Großhändler C. Reiche rund 120.000 Kanarienhähne nach New York, 10.500 nach Südamerika, 5.600 nach Australien und 3.000 nach Südafrika. Etwa 30.000 gingen zudem ins europäische Ausland und 12.000 wurden innerhalb Deutschlands verkauft“, berichtet Klähn. Und auch in Grünenplan bei Alfeld im Weserbergland gab es damals zwei erfolgreiche Kanarienvogelhändler namens Ruhe und Reiche, wobei man munkelt, dass Karl Reiche bereits im Alter von 13 Jahren Kanarienvögel nach Bremen brachte und bereits mit 15 Jahren seine Vögel nach Amerika verkaufte. Oft wurden die Kanarienvogelhändler auf ihren Reisen von ihren Frauen begleitet, die sich auf der Überfahrt um das Wohl und die Fütterung der Tiere kümmerten. Gezüchtet wurden die Kanarienvögel in einer so genannten Vogelküche, in einer „Käfighecke“, dabei handelte es sich um ein oder mehrere Käfige mit einer Länge von einem Meter und einer Höhe von 70 Zentimetern.

Die Zuchtperiode begann am Fastnachtsdienstag, am Bergdankfest, wenn die Bergleute die Kirche besuchten. Zu dieser Zeit ließen die Frauen daheim die Hähne zu den Weibchen, die man bereits 14 Tage zuvor in den Käfig gesetzt hatte. „Kanarienvögel brüten rund 13 Tage und bleiben 31 Tage bei der Mutter, bis sie vollkommen selbstständig sind“, weiß Klähn, der eigentlich jedes Jahr im Museum selbst Kanarienvögel züchtet.

Zu verdanken ist der Ruhm des trällernden Vogels dem Andreasberger Kanarienvogelzüchter und Bergmann Wilhelm Trute, der auf dem örtlichen Friedhof seine letzte Ruhe fand und der damals in einem der kleinen Bergmannshäuschen wohnte und gegen den Willen seiner Eltern und seiner jungen Frau Minna mit der Kanarienvogelzucht begann.

Ihm ist das in St. Andreasberg am Ortsausgang in Richtung Clausthal-Zellerfeld stehende Trute Denkmal, ein überdimensionaler Vogelkäfig mit Gedenkstein, gewidmet. „Trute kam in den Besitz eines besonders edlen Zuchtpaares. Seine Geschäftsidee konnte aber nur funktionieren, weil ihm unter anderem der Berliner Händler W. Mieth regelmäßig seine Tiere abnahm“, erzählt Klähn.

Zuchtpaar mit vielen Nachkommen

Aus diesem ersten Zuchtpaar stammen alle von ihm gezüchteten Harzer Roller, denn Trute züchtete nur aus diesem Stamm und ausschließlich mit selbstgezogenen Weibchen. „Dabei kreuzte Trute nur gelbe Kanariengirlitze, weil sie seiner Meinung nach am schönsten singen. Er trainierte den Kanarienvögeln tiefere wohlklingendere Töne an und eliminierte dadurch die hohen und schrillen Töne.“

Doch wie brachte Trute den Kanarienvögeln die richtigen Töne bei? „Trute setzte die gezüchteten Hähne in einen Zuchtkäfig und spielte ihnen perfekte Melodien auf dem Grammophon vor. Später als er bereits grandiose Sänger herangezüchtet hatte, setzte er den Zuchthähnen diese perfekten Vorsänger vor die Nase“, verrät Klähn das Geheimnis.

Natürlich hatte Trute auch eine Menge Neider, doch die Sangeskunst der von ihm gezüchteten Männchen blieb unschlagbar. Seine Vögel wurden in Züchterkreisen auch Edelroller genannt, denn sie konnten minutenlang Strophe für Strophe in einer gewünschten Reihenfolge trällern. Dabei bestand ihr Repertoire aus vier Haupt- und vier Nebentouren, allen voran die „Hohlrolle“, die dem Vogel seinen Namen gab, gefolgt von der Knorre, der Pfeife und der Hohlklingel sowie den vier Nebentouren: Wassertour, Klingel, Schockel und Klingeltour. Züchter aus aller Welt zahlten für einen Harzer Roller stolze Preise von bis zum 100 Mark und mehr.

Neben dem Harzer Roller gibt es heute weitere Gesangskanarien, wie den American Singer. Er vereint durch einen besonders schönen Gesang, ein weiches Gefieder und eine gute Haltung alle gewünschten Zuchtqualitäten, ist aber außerhalb Amerikas eher selten anzutreffen. Der belgische Wasserschläger hingegen ist etwas kräftiger als der Harzer Roller und hat einen mehr schluchzenden Gesang. Der Timbrado aus Spanien ist besonders für sein helles Timbre berühmt, das wie eine Glocke klingt. Er wurde aus dem Harzer Roller, wilden Girlitzen und den Nachfahren der ersten Kanarienvögel gezüchtet und ist heute ebenfalls in den USA beliebt.

Transport in Reffs

Für den Transport und die Verschiffung des Harzer Rollers nach Übersee benötigten die Züchter in St. Andreasberg damals spezielle Käfige und Tragegestelle, so genannte Reffs, mit denen eine Person bis zu 210 kleine Vogelbauer transportieren konnte. Meist zu Fuß wurde ein Reff, das bis zu 60 Kilo schwer sein konnte, bis an die Weser oder nach Hamburg transportiert, von wo es schließlich in die Welt verschifft wurde.

Damit die Vögel während des Transports nicht unnötig gestresst wurden, erfand Henry Bartels die Vogellake, ein spezielles Tuch aus Leinen, das den Käfig und damit den Vogel nach außen hin abschirmte und bis heute im Einsatz ist. Ein Vuchelheisle, also ein Vogelbauer, wurde aus 66 Einzelteilen aus stabilem Fichtenholz in mühevoller Kleinarbeit zusammengebaut. Dabei half die ganze Familie mit, auch die Kinder.

Der Jahresertrag einer „Vogelhäuserfabrik“ kam bei 500 bis 600 Vogelbauern auf etwa 16 bis 20 Taler. Auch damit verdienten viele Bergmannsfamilien sich ein Zubrot neben der Kanarienvogelzucht. Daraus entwickelten sich teils auch lukrative Handwerksbetriebe, die ihre Vogelkästen in die ganze Welt verkauften. Mit Beginn des ersten Weltkrieges kam jedoch die Vogelzucht in St. Andreasberg nahezu zum Erliegen.

Heute wird der Harzer Roller in St. Andreasberg nur noch von einigen wenigen aktiven Züchtern gehalten. Ziel ist es noch immer, mit den Vögeln an Gesangs-Wettbewerben wie den Harzer oder Deutschen Meisterschaften teilzunehmen. Erzielt werden können rund 360 Punkte, wobei immer vier Hähne gleichzeitig vom Punktrichter bewertet werden. Die Harzer Tradition des Finkenmanövers, das jedes Jahr an Pfingsten stattfindet, ist übrigens bereits älter als die Kanarienvogelzucht in St. Andreasberg und steht mit der Kanarienvogelzucht nicht direkt im Zusammenhang. Es ist ein uraltes Brauchtum, das vermutlich durch Bergleute aus Franken und dem Erzgebirge in den Harz gelangte. Seit 2014 ist es als immaterielles Kulturgut der Unesco gelistet.

In diesem Finkenwettstreit treten Buchfinken im Singen gegeneinander an. Der Buchfink, der die schönsten Schläge abgibt, so wird der Gesang eines Finken genannt, gewinnt den Wettbewerb. Auch zu dieser Tradition können Besucher auf Anfrage einen eigens dafür eingerichteten Ausstellungsraum, das Finkenmuseum, besuchen.

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