Von Gemütlichkeit bis Moos: Rentier-Einmal-Eins im Reinhardswald

Hofgeismar  Reporterin Inken Paletta ging mit den Tundrarentieren des Lapplandlagers auf Wanderung durch den Tierpark Sababurg.

Sie heißen Biejjie, Sirkka, Aaeva, Nulippa, Neele, Ylla, Tyra, Sölvie und Jäppe, haben knuffige Schnauzen und treue Augen. Die Rede ist von zahmen Rentieren, die sich im Björkträsk des Tierparks Sababurg, einem kleinen Birkenwäldchen im nordhessischen Reinhardswald, wo die Vegetation fast wie in ihrer Heimat Lappland ist, wie zu Hause fühlen.

„Bis auf Nuppa tragen alle ein Geweih, denn Rentiere sind die einzige Hirschart, bei denen Männchen und Weibchen ein Geweih haben“, erklärt Uwe Kunze von RENRAJDvualka den Rentierfans, die sich an diesem Tag zum Rentierführerschein im Tierpark Sababurg eingefunden haben.

Ein vielfältiges Natur- und Erlebnisangebot

Der Rentierführerschein ist Teil des vielfältigen Natur- und Erlebnisangebotes, für das Uwe Kunze und seine Frau Brigitte bereits im Jahr 2017 mit dem Premiumzertifikat für überdurchschnittliche Umweltbildung vom Deutschen Wildgehege Verband ausgezeichnet wurden. „Jeder, der sich für Rentiere und die Kultur der Samen interessiert, kann nach vorheriger Anmeldung mitmachen“, so Kunze. „Wir nehmen immer nur eine kleine Gruppe auf, damit möglichst jedes Gästepaar ein eigenes Rentier führen kann.“

Unter den Teilnehmern sind auch die Tierpfleger Laurence und Danilo Rösch vom Augsburger Zoo. „Der Augsburger Zoo möchte Rentiere anschaffen. Wir haben erfahren, dass der Tierpark Sababurg Rentiere hält. Beim Rentierführerschein können wir den Rentieren ganz nah sein, eine Menge über sie lernen und uns noch dazu mit einem waschechten Experten über die Rentierhaltung austauschen“, freut sich Danilo Rösch.

Denn Kunze, der mit Brigitte seit 12 Jahren das Lapplandlager im Tierpark Sababurg führt, ist Rentierexperte und weit über die Grenzen Nordhessens als Rentierflüsterer bekannt. Seine Verwandtschaft, die in Mittådalen/Ålme-Gasjien-Johke, einem kleinen Rentierdorf in Nordschweden, lebt, gehört zu den Fjell-Samen und besitzt eine Herde von 7 500 freilebenden Rentieren. „Rentiere sind für zehn Prozent der samischen Ureinwohner noch heute das Fundament ihrer Existenz“, erzählt er, nachdem er uns mit einem gutgelaunten „Buerie Biejjie“ (Schwedisch: Guten Tag) an der Elchlodge begrüßt hat.

Der Rentierführerschein: Unterricht im Rentier-Einmal-Eins

Von dort geht es gemeinsam zum Gehege, wo die Ankömmlinge bereits neugierig von den Rentieren beäugt werden.

Natürlich hat Uwe Kunze Rentierflechte dabei: „Die mögen sie besonders gerne“, erzählt der Experte. Über hölzerne Stege führt der Weg ins Lapplandlager von RENRAJDvualka. „Falls ein Rentier stehen bleibt, einfach ein wenig anschieben“, lacht er und führt die lustige Karawane aus Menschen und Rentieren auf eine kleine Lichtung im Birkensumpf. Dort befinden sich drei Lavvus, eine Feuerstelle mit altem Ofen sowie Holzbänke mit Rentierfellen.

Im Lauf des kurzweiligen Nachmittages erfahren die Gäste, dass der Tierpark eng mit der Kultur der Samen verknüpft ist und dass das Denkmal der „Wilden Lappenfrau“ daran erinnern soll. Sie lernen auch ganz viel über die Tundrarentiere der Gattung „Rangifer tarandus tarandus“, zu denen Uwe und Brigittes Rentiere gehören, zum Beispiel, dass Rentierbullen bereits um die Weihnachtszeit ihr Geweih abwerfen, das bis zu 14 Kilo schwer werden kann und dass Rentiere auf ihrer Wanderung ganze Fjorde durchschwimmen.

Bevor es aber mit den Tieren auf Tour geht, gehört auch ein kleines Rentier-Einmal-Eins dazu. „Rentiere sind Fluchttiere“, erklärt Uwe Kunze, „Ihr müsst deshalb im Umgang mit ihnen Bescheid wissen. Wenn Gefahr droht können sie bis zu 60 Stundenkilometer schnell werden.“

Geräusche, wie das Aufspannen eines Regenschirms hätten die Tiere in der Vergangenheit schon einmal erschreckt. Der Rentierflüsterer weiht die Gäste auch in die Sprache der Rentiere ein: „Mit „Bua“ könnt Ihr sie locken und mit „Vänta“ ausbremsen. Ihr solltet auf unserer Tour immer das Verhalten der Tiere im Auge behalten, im Notfall könnt Ihr das Seil dann etwas kürzer nehmen und ihnen Schutz hinter Euch gewähren, dann beruhigen sie sich schnell.“

Auf Tour mit Rentieren durch den Reinhardswald

Nach der ausführlichen Einweisung dürfen wir den Rentieren das Geschirr anlegen und los geht es auf Entdeckungstour durch den Tierpark. Schnell merken wir, wie die Entspanntheit der Tiere auf uns übergeht und wie wir tatsächlich anfangen die Welt aus Rentieraugen zu sehen.

Immer wieder müssen wir anhalten, denn das ein oder andere schmackhafte Moos oder zarte Pflänzchen muss natürlich vertilgt werden. Flink und geschickt wandern die felligen Schnauzen der Rentiere über den Boden. „Da bekommt Fast-Food eine ganz andere Bedeutung“, lacht Astrid Bönning-Götte, die gerade Rentier „Ylla“ am Halfter führt. „Und das, obwohl sie nur unten Zähnchen haben, oben hingegen nur eine Art Lederkauleiste, mit dem sie das Moos von den Stämmen und vom Boden schnappen“, verrät Uwe. Er erklärt auch, dass frisches Gras im Frühling für Rentiere gefährlich ist und Äpfel für sie zwar eine Delikatesse sind, aber äußerst schlecht für die Zähne und damit nicht Teil des regulären Speiseplans sind. Das erklärt wohl auch, warum Nuppa, das Rentier ohne Geweih, so genüsslich an meiner Tasche knabbert.

Geschichten über die Sami am Lagerfeuer

Nach einer erlebnisreichen Rentiertour durch den Tierpark erreicht die Gruppe wieder den urigen Birkensumpf. Gemeinsam geht es ins Lavvu, das Nomadenzelt der Samen, wo bereits ein Feuer lodert, um das sich alle versammeln. Von Uwe Kunze erfährt die Runde viel über die Kultur der Samen, die Urbevölkerung Lapplands, die noch heute verteilt über Norwegen, Schweden, Finnland und die Kola-Halbinsel in Russland lebt. Zum Beispiel, dass diese früher sesshaft waren und Rentiere jagten, wenn die Herden auf ihrem Weg von den Sommer- zu den Winterweiden vorbeizogen. Vor etwa 1 000 Jahren zähmten sie dann die ersten Tiere und folgten nomadisierend den Herden auf ihren jährlichen Zugrouten.

„Rund sieben bis acht Personen vom Kleinkind bis zur Oma leben während dieser Zeit gemeinsam im Zelt, auch im tiefsten Winter, bei Minusgraden weit unter dem Gefrierpunkt“, erzählt Kunze. Die Feuerstelle wird nur zum Kochen angeheizt. Nach dem Essen zieht sich jeder schnell in seinen warmen, mit Rentierfell ausgepolsterten Schlafsack zurück. Früher nutzten die Samen vor allem zahme Rentiere als Zugtiere für Zelt und Proviant. „Heute dienen Motorschlitten zum Transport und moderne GPS-Technologie hilft, die Herde zu orten“, erzählt er. „Auch die Samen müssen eben mit der Zeit gehen.“

Nach diesem spannenden Ausflug in die Welt der Samen überreicht Uwe Kunze jedem einzelnen feierlich die bereits erwartete Urkunde, den Rentierführerschein. „Ein wirklich tolles Erlebnis“, bestätigt auch Tina Ulm, Naturparkführerin aus dem Vogelsberg. „Ich habe mich bei Uwe im Björkträsk wirklich rentierwohl gefühlt und komme bestimmt noch einmal wieder.“

Natürlich lohnt sich im Anschluss auch ein Besuch des Tierparks, der noch weitere nordische Tiere wie Elche, Wölfe, Vielfraße, Greifvögel sowie weitere spannende Bewohner zu bieten hat.

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