Spannungen

Ukraine-Konflikt erklärt: "Die Alarmglocken sind schon an"

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Nationaler Sicherheitsberater: USA sind auf alle Ukraine-Szenarien vorbereitet

Nationaler Sicherheitsberater: USA sind auf alle Ukraine-Szenarien vorbereitet

Die USA sind nach Angaben des Nationalen Sicherheitsberaters Jake Sullivan auf alle Szenarien im Ukraine-Konflikt eingestellt. Angesichts eines russischen Truppenaufmarsches an der Grenze zur Ukraine fürchtet der Westen, Moskau könnte das Nachbarland angreifen.

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Berlin  Ein massiver Hackerangriff zeigt: Die Ukraine kommt nicht zur Ruhe. Warum ein Krieg droht und was der milde Winter damit zu tun hat.

  • In der Ukraine wächst die Kriegsangst. In der Nacht auf Freitag gab es einen Großangriff auf Regierungswebseiten
  • Russland hielt in den vergangenen Tagen erneut Militärmanöver ab
  • Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko kritisierte in "Bild" das Zögern der Bundesregierung, sein Land mit Abwehrwaffen aufzurüsten.
  • Die USA sind nach eigenen Angaben darauf vorbereitet, ihre Partner zu verteidigen
  • Russland fordert Antwort auf seine Forderung nach Sicherheitsgarantien

Die Spannungen in der Ukraine-Krise nehmen zu. Wir erklären den Konflikt und warum die Kriegsangst berechtigt ist.

Kriegsangst: Woher komm sie?

Die Konzentration von Truppen auf beiden Seiten der russisch-ukrainischen Grenze führt zu Ängsten. Die USA nahmen Verhandlungen mit Russland auf, "weil auch in Washington die Sorge groß ist, dass die Bedrohung real und mehr als eine Drohkulisse sein könnte", sagte Ronja Kempin, Sicherheitsexpertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, unserer Redaktion.

Allerdings hat sich die russische Position nach den Gesprächen - in Genf mit den USA, in Brüssel im Russland-Nato-Rat und zuletzt in Wien bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) - eher verhärtet. "Die Unsicherheit, die Aufregung ist nicht unberechtigt", analysiert Kempin, "alle Alarmglocken sind schon an".

Wie groß ist der Truppenaufmarsch?

Fachleute schätzen, dass Russland rund 100.000 Soldaten in Grenznähe gebracht hat, ferner Panzer, Artillerie, Raketenwerfer, Flugabwehrsysteme. Als die russischen Militärs im Frühjahr 2021 für ein Manöver Truppen von Sibirien nach Westen verlegten - zum Beispiel Teile der 41. Armee - wurden sie nach Abschluss nicht zurücktransportiert.

Nach US-Berichten hat Russland zuletzt Kampfflugzeuge, Transporthubschrauber und Hubschrauber in die Region gebracht. Das ist besonders alarmierend, weil ein Einmarsch vermutlich mit Luft- und Raketenangriffen beginnen würde. Die Gegenwehr ist schwer einzuschätzen: wie viele Soldaten die Ukraine aufgestellt hat; wie sie ausgerüstet sind; wie es um ihre Kampfmoral steht. Wegen des milden Wetters blieb der harte Winterfrost aus. Das erschwert eine Bodenoffensive: Auf schlammigen Boden kommen schwere Militärfahrzeuge schlecht voran.

Wie reagiert der Westen?

Definitiv nicht militärisch. Das haben die Amerikaner klar gemacht. Die Nato würde aber im Konfliktfall ihre Präsenz zum Schutz ihrer östlichen Mitglieder verstärken. Gegenüber Polen oder den Staaten im Baltikum wäre das Bündnis zum Beistand verpflichtet - hier verläuft eine rote Linie. Bei einer Eskalation in der Ukraine würde man es bei massiven politischen und ökonomischen Sanktionen belassen. Jack Sullivan, Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, drohte Moskau auch mit einer Aufrüstung der Ukraine.

Was droht Deutschland?

Im Kriegsfall würde ein Flüchtlingsstrom gen Westen einsetzen, zumal in Deutschland schätzungsweise 130.000 Ukrainer leben. Einen Rückstoß würde die Industrie spüren. Im Ranking der deutschen Handelspartner rangiert Russland auf Platz 15. Das Pipeline-Projekt Nordstream 2 würde zum Erliegen kommen.

Unabhängig davon, ob der russische Präsident Wladimir Putin den Gashahn abdrehen würde oder nicht, müsste Deutschland im Konfliktfall von sich aus Russland boykottieren. Es ist kein Zufall, dass Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) zuletzt immer wieder Gespräche angemahnt haben.

Was treibt Putin um?

Schon im Sommer veröffentlichte Putin einen Aufsatz, in dem er der Ukraine im Grunde das Recht absprach, ein eigenständiger Staat zu sein. Die Mindesterwartung ist, aus der Ukraine eine Art Pufferzone zu machen. Auf keinen Fall soll sich das Land dem Westen zuwenden, Mitglied der EU oder gar der Nato werden. Mit dem Untergang der Sowjetunion wurde Russland politisch zurückgedrängt; Putin arbeitet auf eine Revision hin.

Putin: Blufft er nur?

Eines hat er erreicht: Augenhöhe mit den USA. Die verhandeln mit ihm über die Sicherheit in Europa, wohlgemerkt: über die Köpfe der Europäer hinweg, die nicht am Verhandlungstisch sitzen.

Nachdem Russland bereits 2014 die Krim-Halbinsel annektiert hat, könnte auch eine Teilung der Ukraine ein Kriegsziel sein. Das würde zur Stärkung der Separatisten in der Ost-Ukraine und zur Schaffung eines Korridors zur Halbinsel führen, die bisher von Russland aus nur über eine Brücke, per Schiff oder Flugzeug zu erreichen ist. Der Westen rätselt darüber, ob Putin blufft, "nur" eine Drohkulisse aufbaut. Doch hat Putin auch in Tschetschenien, Georgien oder im Syrien-Konflikt keine militärischen Interventionen gescheut.

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