Spillner: „Lebensqualität ist wichtiger als ein hoher Verdienst“

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Christian Felber und Kim Spillner (rechts). 

Christian Felber und Kim Spillner (rechts). 

Foto: Julian Missling / Privat

Osterode.  Kim Spillner von Harzkind referierte zur Gemeinwohl-Ökonomie des Initiators Christian Felber im Rahmen des „Zukunftsforum Harz“ in Hochschule Harz.

Die Hochschule Harz in Wernigerode hatte im Rahmen des „Zukunftsforum Harz“ zum Vortrag „Wirtschaft neu denken, Erfolg lässt sich nicht nur an Geld messen“ eingeladen.

Der aus Österreich angereiste Christian Felber, Initiator der „Gemeinwohl-Ökonomie“, Bestseller-Autor und Aktivist, stellte sein gemeinwohlorientiertes Wirtschaftsmodell vor. „In den meisten Ländern geben die Verfassungen vor, dass das Wirtschaften dem Allgemeinwohl gelten soll. Das aktuelle Wertesystem der Wirtschaft jedoch deckt sich in keinem Punkt mit diesen Werten“, so Felber. Erfolg werde derzeit lediglich mit eingeschränktem Fokus auf Bruttoinlandsprodukt, Gewinn und Rendite betrachtet, es gehe um die Bereicherung Einzelner. Der Erfolg eines Unternehmens müsse vielmehr an zentralen Werten wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Mitbestimmung gemessen werden. Weltweit mehr als 2.000 Unternehmen unterstützen bereits die Gemeinwohl-Ökonomie nach Felber. Rund 500 davon sind Mitglied oder haben bereits eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Der Aktivist unterstrich auch den Aktionskreis der Bewegung: „Im letzten Jahr konnte eine Stelle in Brüssel für die Gemeinwohl-Lobby geschaffen werden.“

Beispiel aus der Praxis

Als Beispiel aus der Praxis referierte anschließend Kim Spillner, Prokurist bei der Osteroder Werbeagentur „Harzkind“, die genauso wie das zugehörige Unternehmen „Harzkind – Der Shop“ seit 2017 Mitgliedsunternehmen in Felbers weltweit agierendem Verein „International Federation for the Economy for the Common Good“ ist.

Spillner beschrieb, wie die Werte der Gemeinwohl-Ökonomie in den verschiedenen Unternehmensbereichen bereits umgesetzt werden. Im Shop achte man besonders darauf, dass die Zulieferer fair und nachhaltig produzieren. „Nahezu jedes Bekleidungsstück im Harzkind-Shop besteht aus 100 Prozent Bio-Baumwolle oder recyceltem Material und ist vegan. Unsere Zulieferer sind ‚Fair Wear‘ oder ‚GOTS‘ zertifiziert. Das bedeutet strenge unangekündigte Kontrollen in den Herstellerbetrieben“, so Spillner. Das Betreiben einer Website, wie die des Harzkind-Online-Shops, sorge für einen erheblichen CO2-Ausstoß. Aus diesem Grund werde die Website in einem Rechenzentrum gehostet, welches mit garantiertem Ökostrom aus Wasserkraft betrieben werde. „Auch unseren Kunden bieten wir seit kurzem das klimapositive Hosting auf deutschen Servern an. Für jede Website wird tatsächlich ein Baum gepflanzt.“

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Intern habe man flache Hierarchien bei Harzkind, eine hohe Transparenz und Mitbestimmung. Jeder Mitarbeiter könne sich frei einteilen, wann und wo er oder sie arbeitet, jede Person werde mit Respekt und auf Augenhöhe behandelt. „Arbeitszeit ist Lebenszeit. Wenn hier alles stimmt und man sich wohlfühlt, spielt das Geld nur noch eine kleine Rolle und ein eventuell höherer Verdienst bei anderen Arbeitgebern, zum Beispiel in größeren Städten, kann das längst nicht aufwiegen“, so Spillner.

Es gäbe aber auch noch einige Herausforderungen zu stemmen, wie zum Beispiel der komplett plastikfreie Versand der Bekleidung, der sich durch die Zulieferer und deren Abläufe schwierig darstelle. Auch sei es immer wieder ein Balanceakt, Gemeinwohl und Wirtschaftlichkeit unter einen Hut zu bringen.

Felbers Konzept beinhaltet, dass Unternehmen, die nachweislich gemeinwohlorientiert arbeiten, Steuererleichterungen und zum Beispiel Vorzüge bei Ausschreibungen erhalten sollen. Es sei geplant, dass beide Harzkind-Unternehmen im Jahr 2021 eine Gemeinwohl-Ökonomie Bilanz nach Felbers Modell erstellen und veröffentlichen.

Der Vortrag war eine Halb-Präsenz-Veranstaltung und ist deshalb auch weiterhin online zu finden auf dem YouTube-Kanal der Hochschule Harz.

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