Auf der Suche nach der verschwundenen Stiefschwester

Rhumspringe.  1944 verschwand die Schauspielerin Ina Benita. Ihr Stiefsohn recherchiert die Familiengeschichte und war mit einem Filmteam in Rhumspringe.

Ina Benita auf einem alten Filmplakat. 

Ina Benita auf einem alten Filmplakat. 

Foto: Archiv Ingo Pasch

Bereits vor mehr als sieben Jahren hat Ingo Pasch (79) in Rhumspringe recherchiert. Der ehemalige Minister für Tourismus in Slowenien war auf der Suche nach Mitglieder seiner Familie. Sein Vater Hans Georg war nach der Scheidung – seine Ehefrau war mit den Zwillingssöhnen Ingo und Boris nach Slowenien gezogen – in der Nähe von Rhumspringe Opfer eines Raubmordes geworden. Unklar war der Verbleib seiner neuen Ehefrau Ina, die er am 3. Juni 1945 in Hohegeiß geheiratet hatte, und der Stiefgeschwister von Ingo und Boris. Nun, nach viereinhalb Jahren, ist Boris Pasch zurückgekehrt – mit neuen Erkenntnissen und einem polnischen Team, das einen Film über die Stiefmutter der Zwillinge dreht.

Ina Pasch, wie sie nach der Heirat hieß, sei vor dem Krieg eine der bedeutendsten Schauspielerinnen Polens gewesen, berichtet der polnische Journalist Marek Teler, der mit dem Kamerateam nach Rhumspringe gereist war. Das Land habe zwei Filme zum Festival in Cannes geschickt, in einem habe Ina Benita, so ihr Künstlername, eine Hauptrolle gespielt. Ihr Gesicht erschien auf dem Titel von Polens wichtigster Kinozeitschrift. In ihrem Heimatland habe sie als tot gegolten, erklärt Teler, gestorben in den Wirren des Warschauer Aufstandes 1944, als sie mit einem Kind auf dem Arm in einen Kanal gegangen sei. So hätten es Zeugen ausgesagt.

Nach Rhumspringe geflohen

Doch Benita war geflohen – nach Rhumspringe. In Hohegeiß im Harz heiratete sie 3. Juni 1945 Hans Georg Pasch, und brachte zwei Kinder zur Welt: Thaddeus, Teddy genannt, und Rita-Anna. Laut einer Geburtsurkunde, die Ingo Pasch fand, wurde das Mädchen am 28. Juli 1945 im Krankenhaus in Duderstadt geboren – lebend, wie die Urkunde nahe legt. Am folgenden Tag wurde sie laut diesem Dokument aus dem Krankenhaus entlassen. Fortan verliert sich ihre Spur.

Hans Georg Pasch fiel im selben Jahr einem Raubmord zum Opfer. Auf Weisung der britischen Besatzer habe er seinen Lkw verkaufen müssen, berichtet sein Sohn Ingo. Nach der Rückfahrt mit dem Bus sei er schon an der Haltestelle von drei Männern aus einem nahegelegenen Zwangsarbeiterlager empfangen worden, die ihn ausrauben wollten. Er habe wohl zuerst fliehen können. Doch am Waldrand auf halber Strecke zwischen Rüdershausen und Hilkerode sei er schließlich erschlagen worden. Eine kleine Erinnerungstafel hat Ingo Pasch inzwischen dort aufgestellt.

Mit ihrer Tat gebrüstet

Ina Benita begab sich wochenlang auf die Suche nach ihrem Mann, vermutlich habe sie sogar seine Leiche gefunden, sagt Ingo Pasch. Die Täter hätten sich mit ihrer Tat gebrüstet, berichtet Ingo Pasch von seinen Recherchen. Doch wo sein Vater begraben ist, ist weiterhin im Unklaren.

Belegt hingegen ist inzwischen der Verbleib seiner Stiefmutter. „Vor drei Jahren wusste noch niemand von der Geschichte der Schauspielerin“, sagt Jacek Papis, der bei dem aktuellen Filmprojekt Regie führt. Stolz seien die Polen auf Ina Benita gewesen, mit Marilyn Monroe sei sie verglichen worden. Doch man habe ihr auch Kollaboration mit den deutschen Besatzern vorgeworfen. „Es hieß, sie sei mit einem Wehrmachtsoffizier zusammen gewesen.“

Andere Landsleute hätten sie allerdings verteidigt, berichtet der Journalist Marek Teler, der die Geschichte der Schauspielerin recherchierte. Sie habe Kontakt zu Deutschen gehabt, um bedrohten Landsleuten zu helfen.

Benita hatte nach dem Tod ihres Mannes Rhumspringe verlassen, ein Jahr habe sie dort gewohnt, sagt Pasch. Sie sei für sechs Jahre nach Paris gezogen, schon als Teenager sei sie in Frankreich zur Schule gegangen. Später sei sie für ein Jahr nach Algerien gegangen, dann nach Marokko. In Casablanca heiratete sie einen US-amerikanischen Offizier und ging mit ihm in die USA. Dort lebte sie mit zwei Söhnen bis zu ihrem Tod 1984. Erst im vergangenen Jahr traf Ingo Pasch seinen Halbbruder. Sein Traum: ein Treffen aller Geschwister.

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