Kommentar

Azubi-Mangel: Zu wenig Zeit, das System zu hinterfragen

„Schon als Kinder werden wir von der Leistungsgesellschaft auf Spur gebracht. Wo bleiben die Schulfächer Resilienztraining und Lebensweg-Management?“

„Was willst Du werden, wenn Du groß bist?“ Noch bevor ich in die Schule kam, hatte ich diese Frage mindestens einmal gehört. Schon als Kinder werden wir von der Leistungsgesellschaft auf Spur gebracht. Schulabschluss, Berufswahl, Geldverdienen, um die Familie zu ernähren – Zeit zum Hinterfragen bleibt uns wenig.

In der Schule sollen wir fürs Leben lernen. Doch zwischen Goethe-Lektüre und Funktionsgleichung-Lösen, zwischen Englisch-LK und Bio-Prüfung: Wo bleiben Fächer wie „Resilienztraining“, „Lebensweg-Management“ oder „Glücksorientierte Zukunftsgestaltung“? Solche Fächer klingen absurd oder weichgespült in Ihren Ohren? Das liegt daran, dass Sie selbst Opfer des Systems sind.

Wann hören wir auf zu fragen: „Was willst Du werden?“ Als mache der Beruf den Menschen zu dem, der er ist – nicht andersherum. Wir sollten vielmehr fragen: „Was ist Dir wichtig im Leben? Was macht Dich glücklich?“ oder „Womit möchtest Du in den nächsten Jahren Deine Tage verbringen?“

Wir müssen anfangen unseren Nachwuchs als sensible Individuen mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen, Talenten, Wünschen und Bedürfnissen zu betrachten, mit ganz unterschiedlichen Definitionen eines glücklichen Lebens – die sich durchaus von dem der Eltern, der Lehrenden oder der breiten gesellschaftlichen Masse unterscheiden darf.

Und wir müssen aufhören sie wie leere Gefäße zu behandeln, die schnell und effizient mit standardisierter Bildung gefüllt und auf den Arbeitsmarkt gespuckt werden, wo sie möglichst ohne zu murren bis zur Rente ihren Beitrag leisten sollen. Dann löst sich das Problem von selbst. Dann wählen junge Menschen mutige, individuelle Wege. Dann ergibt sich Vielfalt in der Berufswahl von ganz alleine.