Im Single-Haushalt geht etwas verloren

„Das Zusammenleben in einer studentischen WG ist prägend und es wäre schade, wenn es verloren gehen würde.“

Immer mehr junge Leute wollen allein leben, in Einzelzimmern oder Apartments: So wertet es das Studentenwerk der Universität Göttingen aus den Bewerbungen für eine Unterbringung aus. Während laut einer Aufstellung des Landesamtes für Statistik landkreisweit die Zahl der Singlehaushalte abnimmt, machten diese in der Universitätsstadt im vergangenen Jahr genau zwei Drittel aller Haushalte aus.

Als ehemaligen Göttinger Studenten überrascht mich diese Zahl, entspricht sie doch nicht meiner Erfahrung. Und aus einem speziellen Grund fällt mir diese Entwicklung negativ auf: Solch ein Interesse am Alleinleben ist für mich – und wohl auch für diejenigen, die danach streben – unvereinbar mit einer Wohngemeinschaft, der Urform studentischen Zusammenlebens. Und es beraubt sie damit wertvoller Erfahrungen, die die Studienzeit ausmachen und auch persönlich bereichern.

Der Wunsch, unabhängig zu sein und das in den eigenen vier Wänden, ist zwar nachvollziehbar. Aber ich halte es für illusorisch, anzunehmen, dass es nur Vorteile hat, sich im privaten Wohnbereich mit niemandem mehr auseinandersetzen zu müssen.

Das Zusammenleben in einer studentischen WG ist prägend und es wäre schade, wenn es verloren gehen würde. Viele Leute lernen dort Freunde kennen, man muss sich außerdem miteinander arrangieren, etwa Putzdienste verteilen. Und Kompromisse finden, wo die Ansichten der Mitbewohner auseinander gehen.

In vielen Belangen funktioniert die WG wie ein Mikrokosmos für das Leben, ob später im Beruf oder in der Familie. Überall, wo Menschen miteinander zu tun haben, geht es auch darum, Kompromisse zu verhandeln und zu finden. Und neben den praktischen Vorzügen der Gemeinschaft ist es manchmal auch einfach schön, zum Beispiel mit jemandem in der Küche zusammenzusitzen und sich über Professoren und Kommilitonen zu unterhalten.

Es wundert mich sehr, dass viele junge Menschen das anscheinend nicht zu schätzen wissen. Umso schöner ist es, dass die Zahl der Singlehaushalte kreisweit abnimmt und – insgesamt betrachtet – die Menschen daher wohl häufiger mit anderen zusammen wohnen.

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