Braunschweig. Annette von Boetticher und Wolfenbüttels Ex-Bibliotheksdirektor Georg Ruppelt stellen in ihrem Buch „Dichterwald“ Wald-Dichtung vor.

Wer hat dich, du schöner Wald, aufgebaut so hoch da droben? Waldeinsamkeit, die mich erfreut, so morgen wie heut’ in ew’ger Zeit. Singe, wem Gesang gegeben, in dem deutschen Dichterwald! – Endlich mal ein Buch, das uns alle die Zitate wieder einordnet, die noch so in den dunklen Kammern unserer Hirne tönen.

Annette von Boetticher und Georg Ruppelt, lange an der Wolfenbütteler Herzog-August-Bibliothek tätig und zuletzt Direktor der Leibniz-Bibliothek in Hannover, haben mit ihrem „Dichterwald“ nicht nur eine gelungene Textsammlung zu verschiedensten Aspekten des Themas Wald vorgelegt, sondern sie liefern auch die zeitgemäße Einordnung all dieser Phänomene einschließlich ihrer aktuellen Bedeutung. Insofern steckt in 412 Seiten nicht nur jede Menge Dichtung drin, sondern auch ein gerüttelt Maß an Fakten.

Wald als nationaler Identifikationsmythos

Das fängt mit der Wahrheit an, dass sich unser Buch tatsächlich von der Buche ableitet, zwischen deren Buchendeckel man lose Papierseiten zu klemmen pflegte. Und die Buchenstäbchen, aus denen die Germanen ihre Runen-Vorhersagen lasen, wurden unsere Buchstaben. Da scheint also wirklich ein enger Zusammenhang zwischen deutschem Wald und deutscher Kultur zu bestehen. Für die zivilisierten Römer waren die Völker aus den damals noch undurchdringlichen Wäldern und Sümpfen primitive Waldmenschen.

Die drehten später den Spieß um und machten daraus ihren Identifikationsmythos – der Wald wurde neben Sprache, Dichtung und Musik zum einenden Band einer zerstückelten Nation, die sich gegen fremde Besatzungen und eine restaurative Aristokratie behaupten musste. Da weht zur Zeit der Befreiungskriege reichlich Pathos durch den Wald, wenn etwa Theodor Körner 1813 „Die Eichen“ zum Symbol des Freiheitswillens erhebt: „Deutsches Volk, du herrlichstes vor allen, deine Eichen stehen – du bist gefallen!“

Caspar David Friedrichs „Der Chasseur im Walde“ steht für die romantische Wald-Auffassung auch in der Dichtung.
Caspar David Friedrichs „Der Chasseur im Walde“ steht für die romantische Wald-Auffassung auch in der Dichtung. © Olms-Verlag | Olms-Verlag

Ruppelt und Boetticher verstehen es, solche Lieder knapp zu sortieren, machen klar, wo der Waldmythos nachträglich zur nationalsozialistischen Waldideologie überformt wurde. Besonders, wenn Hermann der Cherusker beschworen wird: „Heil Cherusker, dir! Furchtbar und ewig steht, gleich dem Brocken, dein Ruhm!“, dichtet der 1819 gestorbene Graf Leopold zu Stolberg. Der üppige Ton steht heute nicht mehr für Qualität. Dagegen erfrischen Heinrich Heines satirische Reime zum selben Thema: „Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben, das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben. … Die deutsche Nationalität, sie siegte in diesem Drecke.“

Nachhaltige Wald-Zucht und Harzer Hüttenrauch-Schäden

Nun erläutern die Autoren aber erhellend, dass neben der politischen Unsicherheit im 19. Jahrhundert auch der Wald zum ersten Mal bedroht war, „Waldsterben“ tauchte am Horizont auf, Verlustängste mochten den Dichterton schärfen.

Schon lange, so erläutert Ruppelt im Nachwort, machen sich Forstmänner Gedanken über die Vereinbarkeit von Holzwirtschaft und Erholungswald. Carl von Carlowitz’ „Anweisung zur Wilden Baum-Zucht“ von 1713 spricht zum ersten Mal von „nachhaltender Nutzung“. Förster Reuß und Lehrer Schroeder erklären bereits 1883 die „Oberharzer Hüttenrauchschäden“, während parallel Christian Friedrich Wagner „Den gefällten Wald“ besingt und Paul Heyse in seiner „Waldchronik“ klagt: „Allen Wundern abhold ist die Zeit, öder Tod beschleicht die Waldeshallen“.

Einsamer Waldflüchtling, gezeichnet von Fritz Philipp Schmidt im „Hausbuch Deutscher Lyrik“ von Avenarius, 1920. 
Einsamer Waldflüchtling, gezeichnet von Fritz Philipp Schmidt im „Hausbuch Deutscher Lyrik“ von Avenarius, 1920.  © Olms Verlag | Dichterwald

Erst fielen die Bäume für die Industrialisierung, dann für Autobahnen, heute schon für Fahrradschnellwege. Dichterinnen und Dichter haben dagegen neben dem ökologischen auch den seelischen Mehrwert der Bäume in Worte zu fassen versucht. „Waldgespräche“ heißt das Kapitel mit Rose Ausländers schöner Selbstaussprache eines Baumes: „Mein Herz ist grün und sommerjung und voll von warmem Leben und will der weiten Winterwelt die große Freude geben.“ Diese gefühlskalte Winterwelt ist unsere Gesellschaft zu jeder Jahreszeit. Man würde allen Abholzwütigen Conrad Ferdinand Meyers „Jetzt rede du!“ zu lesen wünschen, das Ehrfurcht vor dem Gewachsenen lehrt: „Du warest mir ein täglich Wanderziel, viellieber Wald, in dumpfen Jugendtagen… Jetzt rede du! Ich lasse dir das Wort! Verstummt ist Klag’ und Jubel. Ich will lauschen.“

Waldeinsamkeit als Seelentrost

Der Weg in die Natur macht nur Sinn, wenn man auch bereit ist, auf sie zu hören, statt sich in Ausflugsattraktionen zu betäuben. „Waldeinsamkeit“ ist das Stichwort, die Seelentrost und Kräftigung bringt. Wald ist auch Rückzugsort für die Unverstandenen, die Ausgegrenzten, Menschen mit besonderem Gespür für Mysterien.

Die Dichtungen sind voll von unglücklich Liebenden, von zu Unrecht (oder zu Recht) Verfolgten, von heilkundigen Weiblein und Dämonen, die sich Waldeindringlingen gegenüber mal hilfreich, mal verführerisch, mal gefährlich zeigen. So haben die Autoren auch Märchen und Räubergeschichten, teils auszugsweise, in ihren „Dichterwald“ aufgenommen, stehen Hänsel und Gretel neben Schillers Räubern.

Die Waldfrauen haben ein eigenes Kapitel, wo sie als Hexe, aber auch als schönes Naturwesen vorkommen wie bei Mathilde Raven: Ihre hingebungsvolle Waldfrau trifft auf einen arroganten Knaben, der sie zurückweist, weil sie „nicht Perl’ noch Geschmeide“ hat. Ihre Blumen und Bäche verachtet er. Die Besinnung kommt zu spät, sie ist verschwunden, und die Blumen lassen die Köpfe hängen.

Wobei der Förster das Liebes-Pärchen ertappt

Else Galen-Gubes Waldhexe ist zwar verführerisch, trägt aber vampirische Züge, will sie doch ihre Zähne in des Jünglings nackte Brust graben. Und da wären wir endlich beim Thema Waldeslust. Im Wald herrscht die freie Liebe, aber in der Walddichtung eher die Andeutung. Man muss sich da aus Moosbett und Vogelsang manches zusammenreimen. Wir vermissen Walthers „Tandaradei“. Christian Morgenstern ist bei „Hier im Wald mit dir zu liegen“ am ausführlichsten, entwirft eine detaillierte Kuss-Dramaturgie. Lustig-knapp macht’s Wilhelm Busch: „Sie pflückte Beeren ohne Zahl, er schnitt was in die Rinde. Der pflichtgetreue Förster sieht’s. Er zieht sein Buch, er nimmt Notiz.“

Was Ruppelt und Boetticher alles gefunden haben, ist grandios. Die kurzen Einführungen sind lehrreich, die Bilder oft hübsch, aber nicht immer gut platziert für den Gedichttextlauf. Die zeitliche Beschränkung aufs 18. und 19. Jahrhundert ist, so Ruppelt, auch Urheberfragen geschuldet. Gibt es eine aktuelle Klimawandel-Dichtung? Oder hat Karl May es ein für alle Mal gesagt: „Hör auf, hör auf, die Wälder zu zerstören, sonst wirst mit ihnen du auch untergeh’n!“

Annette von Boetticher, Georg Ruppelt: „Dichterwald. Literarische Streifzüge“. Olms-Verlag, 412 Seiten, 29,80 Euro.