Braunschweig. Im Weihnachtsstück „Drei Frauen im Schnee“ wollen Best Ager ihren Spaß. Es darf nur keiner wissen. Kann das gutgehen?

Ein altes, verschneites Hotel in den Alpen. Ein versprengtes Häuflein von Reisenden, das den bodenständigen Direktor und seine Auszubildende mit seinen Befindlichkeiten auf Trab hält. Und all diese scheinbar Fremden, das wird allmählich klar, verknüpfen verborgene Bande. „Drei Frauen im Schnee“, der Weihnachtspaß der Braunschweiger Altstadt-Komödie, hätte das Zeug zum Krimi. Stattdessen ist es ein Herzenswärmer. Zwar kommen auch in Angela Burmeisters Schwank jede Menge Geheimnisse und kleine Sünden ans Licht. Aber anders als in Mordsfällen werden die Protagonisten durch ihre Enthüllungen nur sympathischer.

Im Zentrum des Geschehens im Hotel „Edelweiß“: drei Frauen. Stefanie Engel, lebenslustige Anfangfünfzigerin mit Esoterik-Faible, ist für eine romantische Auszeit mit ihrem vielbeschäftigten Anwaltsgatten angereist - doch statt seiner erwartet sie an der Rezeption nur ein Brief, in dem er die Trennung verkündet. Hinter den breiten Schultern des Hoteldirektors versteckt sich derweil Lena Engel, die ihr Jura-Studium abgebrochen hat, um ausgerechnet im „Edelweiß“ eine Ausbildung zu beginnen - was ihre Mutter keinesfalls erfahren darf.

„WildeOrchidee46“ datet „Hirschbock54“

Kaum ist die fürs Erste auf ihr Zimmer abgerauscht, schneit auch noch Lenas Großmutter Renate alias „WildeOrchidee46“ herein, die im „Edelweiß“ in aller Heimlichkeit ein Blind Date mit ihrer Internetbekanntschaft „Hirschbock54“ verabredet hat - was natürlich auch niemand wissen darf. Schon gar nicht Tochter Stefanie, die jetzt zum bassen Erstaunen Renates die Lobby quert. Renate hechtet in die Sauna, während Dr. Heinz Jäger aka „Hirschbock54“ rüstig das Hotel betritt - und in Stefanie seine „WildeOrchidee46“ vermutet. Die flüchtet sich vor seinen Avancen in einen Spaziergang mit dem charmanten Hoteldirektor, auf den sie längst ein Auge geworfen hat.

Es sind also alle Beziehungsfäden hinreichend verknotet für ein flottes Versteck- und Verwechslungsspektakel. Der Höhepunkt ist erreicht, als Großmutter Renate aus der Sauna taumelt und sich umgehend auf „Wildbock54“ stürzt - allerdings nicht aus Leidenschaft, sondern um sich in seinen Armen vor Enkelin und Rezeptionistin Lena zu verbergen. Was der brünstige Dr. Jäger zur Gaudi des Komödienpublikums natürlich anders deutet.

Da wird noch eine heiße Affäre draus: Werner H. Schuster als
Da wird noch eine heiße Affäre draus: Werner H. Schuster als "Wildbock54" und Gaby Blum als "WildeOrchidee46" im Schwank "Drei Frauen im Schnee" in der Komödie am Altstadtmark.  © Altstadt-Komödie | Dominique Leppin

Sex im Alter? Aber ja!

Mit dem Titel ihres romantischen Schwanks und auch hier und dort im Stück spielt Autorin Burmeister auf einen Klassiker der Verwechslungsliteratur an, Erich Kästners „Drei Männer im Schnee“. Während der allerdings augenzwinkernd Sozialkritik übt - reicher Hotelbesitzer wird in einem seiner Nobelbetriebe mit einem armen Schlucker verwechselt, beide werden entsprechend behandelt -, will Burmeister zwei andere Punkte machen. Erstens: Frauen haben ein Recht auf Spaß. Zweitens: Liebe und Sex im Alter? Aber ja! Um es mit „Hirschbock54“ zu sagen: „Auch der Spätherbst des Lebens hat noch schöne warme Tage“.

Autorin und Darsteller haben das reifere Publikum der Altstadt-Komödie bald geschlossen auf ihrer Seite. Auch weil Gaby Blum (Renate) und Nicole Belstler-Boetcher (Stefanie) die Gratwanderung schaffen, die Marotten ihrer vom Leben geprüften Frauenfiguren komödiantisch auszuspielen, zugleich aber ihre Würde und Liebenswürdigkeit zu wahren. Es sind überhaupt nur liebenswerte Protagonisten involviert: Jana Koch ist als kesse Hotel-Azubine und aufgeschlossene Tochter bzw Enkelin der amourös aufgewühlten Mutter und Großmutter eine Augenweide, Marko Pustisek als jovialer Direktor des alteingesessenen Familienbetriebs ein Sympathieträger. Werner H. Schuster gibt Heinz „Wildbock54“ Jäger als uneitel-ehrbaren Casanova alter Schule.

Souveräner Boulevard im heimeligen Bühnenbild

Nach der Pause hängt das amouröse Spektakel etwas durch, well es nun vor allem darum geht, die vielen Verwicklungen aufzuklären, zu begründen und alles passgenau dem Happy End zuzuführen. Das geht zu Lasten des Tempos und des Wortwitzes. Da könnte Regisseur Christian H. Voss in seiner sonst souveränen Boulevard-Inszenierung im heimeligen Bühnenbild noch straffen. Und natürlich ist diese romantisch verschneite Welt der Liebelei, Toleranz und Hilfsbereitschaft auch viel zu schön und perfekt konstruiert, um nur ansatzweise wahr zu sein. Aber in dunklen Zeiten tut das auch mal ganz gut. Der Premierenapplaus fällt kräftig aus.