Braunschweig. 35 Jahre war er Kulturredakteur bei der Braunschweiger Zeitung, 25 Jahre leitete er das Ressort. Was seine Ära ausgezeichnet hat.

„Was steht denn im Blättchen“, pflegte noch in den 1980er Jahren das hiesige Bildungsbürgertum zu fragen. Gemeint war damit natürlich diese Zeitung, aber mehr noch als der Sport- oder Lokalteil die Kulturseiten. Die kulturbeflissenen Damen und Herren der Stadt-Gesellschaft spielten auf das Feuilleton an, das „Blättchen“ im wörtlichen Sinn.

Denn die Lagen und Ligen der Eintracht wechselten wie die Ratsmehrheiten, aber wenn im Staatstheater ein Gretchen barbusig über die Bühne hüpfte, an der Leistung des unantastbaren Staatsorchesters auch nur ein Gran bekrittelt wurde oder im Kunstverein die Wände aufgeschlagen wurden, dann krachte es im Gebälk des kulturellen Überbaus, und schuld daran waren wahlweise die Theaterleitung, überkandidelte Künstler – oder der Kritiker.

Martin Jasper - ein prägnanter, meinungsstarker Schreiber

Also nicht zuletzt: Martin Jasper. Der gebürtige Remscheider hatte nach seinem Germanistik- und Philosophie-Studium in Aachen im August 1985 ein Volontariat bei dieser Zeitung begonnen. Zwei Jahre später wird er Feuilleton-Redakteur und macht sich schnell einen Namen als prägnanter, präziser und meinungsstarker Schreiber. 1998 wird er als Nachfolger von Rolf Heckelsbruch Leiter des Ressorts.

Damals sind Staatstheater-Premieren breit diskutierter Gesprächsstoff, vom Unternehmer über die Lehrerin bis zum gewerkschaftlich organisierten Arbeiterehepaar mit Volksbühnen-Abo. Und Jasper ist als Feuilleton-Chef mitten drin, mal bewillkommnet, mal angefeindet – aber immer respektiert. Denn in seinen Theater-, Kunst- und Buchkritiken geht es ihm stets um Lesbarkeit, aber auch um Unterhaltungswert, der in der Schönheit der Formulierung wie in der Streitbarkeit markanter Thesen liegen kann.

Martin Jasper bei der Verabschiedung des früheren Staatstheater-Intendanten Wolfgang Gropper.
Martin Jasper bei der Verabschiedung des früheren Staatstheater-Intendanten Wolfgang Gropper. © Privat | Privat

Ein kritischer Geist, kein Claqueur

Er ist Feuilletonist von ganzer Seele. Und doch entscheidet er als Ressortleiter, den tradierten Begriff Feuilleton durch den breiteren der Kultur zu ersetzen. Was von Teilen der Leserschaft skeptisch beäugt wird. Aber der neue Kulturchef will betonen, dass die Palette größer und farbenreicher geworden ist. Rock, Pop, Schlager, Poetry Slam, engagiertes Laienspiel, Performance – Jasper begegnet allen Formen erfahrenswillig und erkenntnishungrig, selbst wenn die Veranstaltenden nur Spaß im Sinn hatten. Insofern bleibt er Feuilletonist auch als Kulturchef, nämlich ein Reporter des kulturellen Zeitgeschehens, des Zeitgeists, auch Zeit-Ungeists, und ihr Deuter, Sortierer, Werter. Er geht in Veranstaltungen nie als bloßer Nacherzähler, schon gar nicht als Claqueur.

Bei der Analyse von Kunstevents oder Popkonzerten bleibt er nicht dabei stehen zu dokumentieren, wie sehr alle mitsangen und feierten. Sondern er schöpft daraus oft Material für ein klassisches Feuilleton, nämlich die Einordnung all dieser Phänomene, um der Verfasstheit der Gesellschaft nachzuspüren.

Für den Kritiker zählen keine Vorschusslorbeeren

Jasper übernimmt keine vorgefertigten Meinungen. Vorschusslorbeeren zählen nicht. Bejubelt und hochgejazzt wird genug, meint er. Man sei umstellt von Superlativen. Aber: Stimmen der Preis und das Produkt? Das wägt er ab. Kritisch. Sehr kritisch. Oft auch lustig. Manchmal beißend komisch.

Sein Leitsatz: Bloß nicht bestätigen, was sowieso alle denken; einen originellen Ansatz finden; auch mal eine abweichende These wagen. Das belebt das Geschäft und vor allem die Diskussion.

Dabei ist Jasper Überzeugungstäter. Er liebt die Literatur, die Kunst, die Musik, das Schauspiel, den Film. Weil die Meisterwerke aller Genres Lichtstrahlen werfen in die Unergründlichkeit des Lebens, weil sie bewegen und erheben können – oder einfach nur prächtig unterhalten. Meisterwerke muss nicht heißen: die Schöpfungen der Großen. Es kann auch die widerborstige Inszenierung einer jungen Regisseurin im Kleinen Haus sein, die schräge Ausstellung einer lokalen Künstlerin im BBK, der berührende Debütfilm eines polnischen Regisseurs beim Filmfest.

Eine Lieblingsbeschäftigung des Kulturchefs: lesen.
Eine Lieblingsbeschäftigung des Kulturchefs: lesen. © Peter Sierigk | Peter Sierigk

Als Kulturchef der Region verpflichtet

Ihnen gilt Jaspers besonderes Augenmerk, ihnen fühlt er sich verpflichtet als Kulturchef einer großen Regionalzeitung. Sie will er seinen Leserinnen und Lesern ans Herz legen. Aber dafür müssen sie auch sein Herz und Hirn bewegen. Wer das nicht tut, muss Jaspers abgewogenes, aber doch klares, teils scharfes Urteil hinnehmen. Denn sich ein Urteil zu bilden und es zu begründen, empfindet er als Gebot der Redlichkeit: dem Lesepublikum, aber auch den Kunstschaffenden gegenüber. Denn nur wenn abgetönt und differenziert wird, kann Herausragendes auch als solches erkannt werden.

Mehr als 35 Jahre prägt Jasper die Kulturberichterstattung dieser Zeitung. Er begleitet, analysiert und kommentiert die Staatstheater-Krise um den glücklosen Generalintendanten Jürgen Flügge, stößt in einer Kolumne mit dem Titel „Streitkultur“ heftige Debatten um Konzeptkunst an, beleuchtet und forciert den Gelehrtenzwist um die aufsehenerregende Troja-Ausstellung im Landesmuseum, begleitet die Geburt des Filmfestvereins, greift in Debatten um den Wiederaufbau des Schlosses samt Großkaufhaus ein.

Eine vergleichbare Ära wird es wohl nicht mehr geben

Aber Jasper schreibt auch Essays und Leitartikel über die Relevanz von Luther und Lessing, über Glaubenszweifel, die Zweckentfremdung des Theaters als pädagogische Anstalt und das Medienphänomen Karl-Theodor zu Guttenberg. Debattenfeuilleton ist seine Sache. Folgerichtig mischt er auch im Literarischen Quintett mit, einem zeitweise sehr populären Braunschweiger Debattierclub.

Die neuen technischen Möglichkeiten, solche Formate künftig auch digital als interaktiven Stream umzusetzen, findet Jasper spannend. Anderen Entwicklungen, die angesichts des medialen Wandels vor allem auf Tempo, Bilder, Schlagzeilen, Popularität setzen, steht er skeptisch gegenüber. Sie passen nicht recht zu seiner auf Hintergründigkeit, sprachlicher Präzision und kritischer Distanz gründenden Idee von Journalismus.

Fast 40 Jahre hat Jasper in diesem Sinn für diese Zeitung gearbeitet und ihren Kulturteil geprägt. Nun geht er in den Ruhestand. Die Medienwelt wandelt sich. Eine vergleichbare Ära wird es wohl nicht mehr geben.