Wolfsburg. Heimspiel für den Popmusiker: Im Hallenbad steht er vor ekstatischen Fans. Was den Auftritt im Wolfsburger Hallenbad besonders machte.

Einer der großen Pluspunkte des Hallenbads in Wolfsburg ist: Der große Konzertraum hat eine leichte Vertiefung in der Mitte, weil sich hier früher das Nichtschwimmerbecken befand. Zwar birgt dieser Umstand auch eine leichte Unfallgefahr (Treppen), vor allem aber ergibt sich ein Hauch von Amphitheater-Atmosphäre. Und so kann auch ein kleiner Mensch mit 1,60 Meter Körpergröße noch etwas vom Bühnengeschehen sehen, wenn die Band überpünktlich beginnt und keine Zeit mehr zum Nach-Vorne-Kämpfen bleibt.

Das wäre an diesem Montagabend sowieso schwierig, denn der Raum ist voll von Hardcore-Bosse-Fans. Innerhalb kürzester Zeit war das Club-Konzert unweit der Heimat des gebürtigen Braunschweigers, der in Cremlingen aufgewachsen ist und zum Nationalstolz der ganzen Region beiträgt, ausverkauft. Wer ein Ticket ergattern konnte, meinte es ernst – und das zeichnet diesen Abend genauso aus wie die dargebotene Show.

Bosse spricht sein treues Publikum im Wolfsburger Hallenbad direkt an

Zurück auf Anfang: Einlass 19 Uhr, man kommt erst mal an, holt sich ein Bier, wälzt sich durch die Menschen zur Garderobenschlange, die in dieser Jahreszeit eine beachtliche Länge aufbaut. Bestimmt 20 Meter Konzertgäste stehen hier noch, als plötzlich um kurz vor 20 Uhr Bosse auf die Bühne kommt. Keine Vorband, keine Vorwarnung, da schaut man schon etwas bedröppelt, noch unbefreit von seiner Wintermontur.

Die abgelegt zu haben, erweist sich dann aber als unerlässlich, denn es wird ein heißes Konzert. Los legt Bosse mit „Royales Morgenblau“ von seinem neuen Album „Übers Träumen“, ein mäßiger Song zum erstmal Ankommen. Es folgt „Die Befreiung“ vom vorletzten Album „Alles ist Jetzt“, ein Song zum Warmwerden. Danach wendet sich ein gut gelaunter Bosse erstmals ans Publikum. „Wie kann es sein, dass ich mich in zwei Songs schon dreimal versungen habe?“, fragt er lachend sein Publikum – damit ist die Stimmung gesetzt, man nimmt sich selbst nicht so ernst, das ist alles Spaß und Freude, echt und wahrhaftig.

Bosse spielt sechs Songs aus dem neuen Album „Übers Träumen“: Und viele alte Hits

Das Rezept geht auf. Ein redefreudiger, warmherziger, kumpeliger Typ auf der Bühne, eine sympathische Band, die auch noch gut spielen kann, und dazu ein paar hundert eingefleischte Fans: Schon nach kürzester Zeit verwandelt sich die Grube im Konzertraum in eine hüpfende, singende und schwitzende Menschenmasse. Die Texte können eh alle. Wer das einmal erlebt hat, kennt den Dopamin-Rausch: Mitten unter Leuten, die die Musik genauso feiern wie man selbst, die Songs lauthals mitsingen, tanzen, den Star direkt vor Augen – man hört darin auf, Individuum zu sein, spürt sich durch Musik und Menge aufgefangen in einem zugleich ekstatischen und beruhigenden Gefühl der Transzendenz. Sowas vergisst man nicht so schnell.

Und so dürfte sich dieser Abend in die Geister der Bosse-Fans für lange Zeit einprägen. Bosse spielt (nur) sechs Songs aus seinem neuen Album, streut ansonsten Lieblinge aus den älteren Platten mit ein, erzählt mal einen Schwenk zur Entstehungsgeschichte der Lieder, plauscht mit Band und Publikum. Auch ihm wird warm, nicht nur ums Herz, durch Tempo und Intensität der Show. „Ich schwitze so viel, ich kann bald das ganze Becken füllen“, sagt er, „dann können wir zusammen schwimmen.“ Macht er dann auch wahr, als er ein paar Songs später ein Bad in der Menge nimmt, zur johlenden Begeisterung seiner Anhänger.

Das Wolfsburger Publikum will Bosse und seine Band nicht gehen lassen

Musikalisch kommt vieles, das auf Platte clean und reduziert klingt, in Wolfsburg rockiger und tanzbarer rüber. Auf eine heiße erste Konzertphase folgt ein entspannterer Mittelteil, der auch mal langsamere Nummern wie „Augen zu“ nur mit Akustikgitarre oder die Ballade „Loslassen lernen“ zulässt. Im letzten Drittel nimmt die Show dann wieder Fahrt auf – spätestens mit Bosses Superhit „Schönste Zeit“ lässt sich auch sie oder der Letzte im Saal vom wogenden Auf und Ab der Körper mitnehmen. Den Refrain lässt ein sichtlich gerührter Bosse sein Publikum singen, es schallt von allen Seiten. Der Ton jetzt und den ganzen Abend über: Exzellent. Jedes Wort ist zu verstehen, die Musik nicht übersteuert, aber erdend.

Und dann ruft das Publikum die Band zurück, mit einem Sprechchor aus dem Song „So oder so“, den Bosse eigentlich schon gespielt hat. Irgendjemand hat damit angefangen, und plötzlich singen es alle, und klatschen dazu. Bosse und Band hören sich das eine Weile an, und stimmen dann mit ein (hier wird dann klar, dass sich das Publikum in der Tonart vertan hat, aber sei‘s drum). Ein spontanes Trompeten-Solo, ein Schlagzeug-Solo und ein Cello-Solo später sind alle selig. Tolle Spontaneität vonseiten der Musiker als Antwort auf einen mitreißenden Enthusiasmus im Publikum. Es folgen die Zugaben, den Refrain aus „Der letzte Tanz“ müssen Band und Sänger auch nach mehrmaliger Verabschiedung doch noch einmal spielen, bevor die Fans sie gehen lassen. Was für ein Abend!