Wolfsburg. Auf der Bühne ist eine Theaterversion des Filmklassikers zu sehen. Wie die Umsetzung gelingt und ob sich der Besuch lohnt.

320 Dezibel soll er erreicht haben, der Vulkanausbruch des Tambora im Jahr 1815, zumindest errechnete man das im Nachhinein. In der Liste der lautesten Geräusche der Welt steht er deshalb ganz oben. Nur knapp darunter dürfte sich am Freitag das Scharoun-Theater in Wolfsburg einordnen. Denn als der Prinz seinem Aschenbrödel durch den ganzen Saal hinterherläuft, weisen ihm um die 800 Kinderkehlen lautstark den Weg. „DA LANG“, und natürlich geht er woanders hin, „NEIN, DA LANG“, wo lang noch mal?, „NA HIER LANG“, kreisch, die Kinder stehen auf, zeigen auf die richtige Tür, hüpfen auf und ab, es ist eine helle Freude, und irgendwie kann man als Erwachsener nicht aufhören zu lachen.

Zum einen über die wundervolle, kindliche und ansteckende Freude am Theatergeschehen. Die an sich schon der beste Indikator dafür ist, dass das diesjährige Wolfsburger Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ wirklich eine gelungene Sache ist. Zum anderen auch darüber, dass das Theater endlich mal wieder so voller Leben ist. Fast alle Plätze besetzt, und dann auch noch fast ausschließlich von jungen Menschen, da strahlt das Theaterherz.

Wolfsburger Weihnachtsmärchen orientiert sich am Film-Klassiker

Die Inszenierung hat daran auch ihren Anteil. Das Aschenbrödel-Märchen ist ja als Film-Klassiker in der Weihnachtszeit vermutlich generationsübergreifend bekannt. Diesem Film folgt das Theaterstück in der Geschichte und den meisten Details; im Vergleich zur Grimm‘schen Version hat das Aschenbrödel deutlich mehr Handlungsfreiheit und Charakter. Die Liebesgeschichte zwischen Prinz und Waisin wird dadurch, dass beide sich schon vor dem Ball am Königshof einige Male im Wald treffen, plausibler. Fee Zweipfennig spielt die Protagonistin locker-spritzig, frech und forsch, ein schöner Kontrast zum passiven und bemitleidenswerten Aschenputtel der Grimms.

Nicht nur Aschenbrödel, sondern auch die Persönlichkeit von Prinz und Stiefschwester „Dorchen“ gewinnen in Jürgen Beck-Rebholz‘ Inszenierung. Der Prinz, gespielt von Marvin George, hat glaubhaft gar keine Lust aufs Heiraten und seinen gemütlich-gestrengen Vater, den König (Rudolf Schwarz) zwar lieb, will aber nicht dessen Nachfolge als herumsitzender Herrscher antreten. Und Dorchen (Wenja Imlau) ist zwar fies zu ihrer Stiefschwester, wird ihrerseits von ihrer Mutter aber auch nicht gerade ernst genommen. Am Ende wehrt sie sich endlich gegen deren Regiment, man möchte ihr gratulieren: Als die Gutsherrin (Maria Brendel) versucht, ihr den zu engen Schuh an den Fuß zu zwängen, entfährt ihr glatt ein „Ich hab keinen Bock mehr, Mama!“, und sie haut ab. Gut für sie!

Weihnachtsmärchen in Wolfsburg: In diesem Jahr ohne Musiknummern

Risiken ist die Regie mit „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ nicht eingegangen. Einmal deshalb, weil der Stoff bekanntermaßen beliebt ist. Zum anderen, weil der hier nur unwesentlich abgewandelt wird. Keine grundlegenden neuen Botschaften. Auch auf Musiknummern wird in Wolfsburg in diesem Jahr verzichtet. Dafür bringt die Theaterversion einen bestimmten Witz in die Geschichte, die dem Film fehlt und setzt Akzente, die in die Zeit passen: eben mit der Ermächtigung seiner Frauenfiguren.

Das liegt vor allem an Nikolai Radke (spielt den Präzeptor und den Diener Vinzek) und Rudolf Schwarz, das eingespielte, man möchte sagen, Comedy-Duo des Wolfsburger Weihnachtsmärchens. Radke mit seiner urkomischen, quecksilbrigen Art und dem Talent für Situationskomik. Schwarz mit seiner liebenswerten, fast bärigen Darstellung des kauzigen Königs, die Platz für tolpatschigen Charme lässt. Beide sind in Wolfsburg bewährt und werden nicht langweilig.

Bühnenbild in Wolfsburg überzeugt

Vor allem aber glänzt die Inszenierung (im wahrsten Wortsinn) durch das fantastische Bühnenbild, die Requisiten und die Kostüme. Hier hat sich das Wolfsburger Team mal wieder größte Mühe gegeben: Ein glitzender Märchenwald mit einem urig hölzernen Gutshaus darin setzt die Stimmung schon von Anfang an träumerisch fest, schließlich gibt es noch ein wunderschön detailreich gestaltetes Miniatur-Schlösschen zu sehen, das leider nur am Schluss einer einzigen Szene einen Auftritt hat. Der Höhepunkt in Sachen Ausstattung kommt aber von oben: Nicht nur Jagdkostüm und Kleider werden über die Vertikale in das Bühnengeschehen abgeseilt, sondern auch zwei flatternde, leuchtende Täubchen, die dem Aschenbrödel (zugegebenermaßen etwas ungeschickt) beim Linsenlesen helfen.

Als gäbe es nicht schon genug zu loben, gelingt es der Inszenierung außerdem, das Publikum völlig einzufangen. Was bei 800 Kindern vorrangig im Grundschulalter keine leichte Aufgabe ist. Dafür verzichtet das Stück in vielen Fällen auf die vierte Wand; Darsteller sprechen die Zuschauer direkt an, zur Begrüßung des Königs müssen alle aufstehen und sich verneigen, und schließlich eben verfolgt der Prinz seine Braut durch den Zuschauerraum. Das kommt gut an: Lautstark. Das Ende kommt dann allerdings etwas abrupt: Und ruckzuck ist das Theater wieder leer - und still.

Das Weihnachtsmärchen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ wird bis zum 22. Dezember fast täglich und zum Teil mehrmals am Tag im Scharoun-Theater Wolfsburg gezeigt. Die nächsten Termine: Samstag, 15. November und Sonntag, 16. November, 15 Uhr; Mittwoch, 22. November, 9 und 11.30 Uhr. Alle Termine auf theater.wolfsburg.de.