Braunschweig. Beim Hauptwettbewerb „Heinrich“ des Festivals gewann der belgische Beitrag „When it melts“ beide Preise - hat er das verdient?

Dass es zwei Siegerpreise im Hauptwettbewerb des Filmfests gibt, hat mir noch nie eingeleuchtet. Das Besondere an der Reihe ist ja gerade, dass das Publikum den Gewinner bestimmen darf. Der Publikumspreis „Heinrich“ wird aber abgewertet, indem noch eine Fachjury einen anderen Film aus derselben Reihe kürt. Vor allem wohl, damit der Sponsor Volkswagen Financial Services namentlich ins Spiel kommt, oder?

In diesem Jahr war es aber erstmals anders. Publikum und Jury wählten den gleichen Film: den belgischen Beitrag „When it melts“ von Veerle Baetens. Muss ja der Hammer sein! Beim Festival natürlich verpasst. Jetzt noch mal nachgeguckt. Und: ja.

Am Beginn der Pubertät

Ein Sommer auf dem Dorf. Ferien. Unbeschwerte Jugend, Radfahren, Baden, Albernsein, harmlose Spiele im Heu. Aber auch das erste Frühlingserwachen, der Beginn der Pubertät, scheue Mädchenschwärmerei, präpotentes Jungsgeprotze.

Die 13-jährige Eva hat sich mit zwei Jungs zu drei Musketieren zusammengetan. In einen von ihnen ist sie heimlich verliebt. Sie ist aber eher eine Einzelgängerin, schüchtern, zurückhaltend, emotional auf sich allein gestellt. Oft am Rand (liebenswert unsicher auf der Suche nach sich selbst zwischen Kind und Frau: Rosa Marchant). Bald zeigen sich Risse in der Idylle. Evas Mutter ist Alkoholikerin. Die Atmosphäre daheim wird immer unheilvoller. Eva ist hilflos, will ihre kleine Schwester beschützen. Der Bruder ihres heimlichen Geliebten ist früh tödlich verunglückt

Blutiger Horror

Eines der Spiele im Heu geht so, dass einer den anderen ein Rätsel aufgibt. Wer es nicht lösen kann, muss ein Kleidungsstück nach dem anderen ausziehen. Das ergibt beklemmende Szenen.

Dann kommt eine wohlstandsverwahrloste Lolita mit Pferd ins Dorf. Eva macht sich unschuldig schuldig an ihr, sie nimmt grausam Rache. Die beiden Jungs sind ihre willigen, gierigen, brutalen Erfüllungsgehilfen. In dem Moment schlägt die bittersüße Feriengeschichte in blutigen Horror um. Ein Mädchen wird kaputt gemacht fürs Leben. Man sieht sie Jahre später als junge Frau, einsam, schweigsam, verloren. Sie kehrt noch einmal in das Dorf zurück, das sie abweist. Leben kann sie dort nicht mehr – und auch nirgendwo sonst.

Bestialische Sexualität

Der Film häuft vielleicht etwas zu viel Tragik auf. Auch ist er im Grunde eine Anklage der männlichen Sexualität, die hier als besitzergreifend und bestialisch von Anfang an erscheint – quasi von Natur aus. Aber der Film ist so zum Heulen traurig im Zerbrechen einer jungen Seele, dass man ihm unmöglich keinen Preis geben konnte.