Braunschweig. Horror und derbe Komik mischen sich im Grand Guignol im Lindenhof: Kaspar Hauser zwischen pöppelnden Kleinbürgern und Stinkefinger.

Bumsdorf ist überall, könnte man mit Wilhelm Raabe sagen, der Braunschweiger war mit kleinbürgerlicher Mentalität bestens vertraut und ihr amüsantester Kritiker im 19. Jahrhundert. Derber zugespitzt führt uns das Theater Grand Guignol im Braunschweiger Lindenhof eine durchaus gegenwärtig scheinende Kleinbürgerlichkeit vor Augen: Professor Einar Dönninghaus forscht im Erdreich und in den Abwässerkanälen, Gattin Katrine gefällt sich als Malerin und Intellektuelle, ist aber auch sehr darauf bedacht, dass die Contenance, das Bild nach außen stimmt.

Und da hat sie allerhand zu tun, denn Einar beschäftigt sich auch viel mit dem Pöppel und seinem Stuhlgang. Von ihren Höhenflügen hält er herzlich wenig. Derweil rückt sein Bruder, der Stadtrat, Katrine anzüglich nahe. Die Konstellation ist angelehnt an Ibsens „Volksfeind“, wo der um Reinheit der Kurquellen bemühte Badearzt ebenfalls gesellschaftlich und finanziell von seinem Bruder, dem Stadtvogt, abhängt und von diesem unter Druck gesetzt und gar aus der Stadtgesellschaft ausgestoßen wird, als er unangenehme Wahrheiten veröffentlicht.

Wenn der Zögling aufmüpfig wird

Aber zum Helden der Wahrheit eignet sich dieser Einar in Simon Paul Schneiders Grand-Guignol-Stück „Kaspar oder das Loch in der Welt“ nun gerade nicht. Und Schneider braucht diese Anspielung auch gar nicht, weil er eigentlich ein Stück über Kaspar Hauser erzählt, den historischen Waisen aus Nürnberg, das Findelkind mit rudimentären Bildungsansätzen und geheimnisvoller Indentität. Einen solchen Kaspar nämlich bringt der Stadtrat den Dönninghausens ins Haus, und das ist ja Konflikt genug.

Insofern ist es bei dieser Premiere wie schon bei anderen Stücken des Autors und Regisseurs Schneider: Etwas umständlich, etwas lang, wenn auch stets gut formuliert. Und vor allem gut gespielt: Selbst wenn man auf die Fäkal-Scherze verzichten könnte, zeichnet Nikolaij Janocha die Pedanterie des Abwasser-Forschers mit großer Stringenz und nachher auch aggressiver Strenge gegenüber dem aufmüpfigen Kaspar. Und Nina El-Karsheh trifft hervorragend den Ton der genervten Gattin, eigentlich irgendwie Künstlerin, aber dann doch gesellschaftshörig und eigennützig. Dass Kaspar sich ihrer Zuneigung entzieht, dann offen rebelliert, nimmt sie ihm geradezu übel, dreht herrschsüchtig auf.

Nina El Karsheh (links) und Annegret Taube in der jüngsten Grand-Guignol-Produktion „Kaspar oder das Loch in der Welt“ im Braunschweiger Lindenhof.
Nina El Karsheh (links) und Annegret Taube in der jüngsten Grand-Guignol-Produktion „Kaspar oder das Loch in der Welt“ im Braunschweiger Lindenhof. © Braunschweig | Emilia Schmucker

Wie dankbar muss ein Findelkind oder Flüchtling sein

Annegret Taube muss sich als Kaspar vor allem erstmal wegducken. Wohl weil man eine Schauspielerin besetzt hat, wird auch Kaspars Geschlecht diskutiert. Fast durchgängig vermummt, hätte man sie jetzt einfach mal als Junge lesen können, der Name sollte als Zitat aus dem Grand-Guignol-Spiel sicher erhalten bleiben. Taube gelingt es, das Ängstlich-Demütige des Findelkinds mit undurchsichtiger Herkunft immer wieder ins Verstockte und manchmal eben auch Herausfordernd-Überlegene kippen zu lassen. Da ist dann, siehe Stinkefinger, nicht mehr so sicher, ob Kaspar wirklich nur falsch verstanden hat oder nicht durchaus richtig kombiniert. Das kommt der Kasperl-Figur oder einem Till schon nahe. Kaspar sagt auch dann die Wahrheit (etwa über die erlahmte Ehe der Dönninghausens), wenn Höflichkeit Schweigen geböte.

Gegen Ende, wenn die Zieheltern Dankbarkeit einfordern und auf der Einhaltung ihrer Gesellschaftsregeln beharren, wird der Text durchlässig für Diskussionen über die Integration von Flüchtlingen. Dies wäre aber das Thema gewesen, das eine ausführlichere Erörterung nötig gemacht hätte. Wenn ehemalige Geflüchtete in Deutschland für die Errichtung eines Kalifats demonstrieren, während andere vor eben diesem IS-Kalifat geflüchtet sind, bedarf es mehr, als Kleinbürger der Bigotterie und Korruption zu verdächtigen, dann liegen die Probleme auf der anderen Seite, und man muss ernsthaft über unabdingbare Regeln einer Gemeinschaft nachdenken. An der man freilich auch die Gemeinschaft messen darf. Kaspar wird plötzlich wieder ausgestoßen, Psycho-Horror, der mehr Platz verdient hätte.

Was es mit dem großen Loch und dem Rumoren hinter den Wänden auf sich hat, blieb schleierhaft. Die Darstellendenschar aber zieht in den Bann.

Wieder am 15., 16., 22., 23. November, 5., 6., 13., 14. Dezember, 19.30 Uhr, im Lindenhof Braunschweig.
Karten unter www.grand-guignol.de