Braunschweig. Die Gewinnerin des Schauspieler-Preises aus Belgien spricht vor der Ehrung über ihre Filme, ihre Leidenschaften und Clint Eastwood.

Es wäre schon Eintrittsgeld wert zu sehen, wie Cécile de France die Reaktionen bei der Fahrt in einem modernen Kirmes-Karussell spielt: Das schreckweite Aufreißen der Augen, das schockheftige Zukneifen. Hände vors Gesicht, dann das Hochwerfen und Wegstrecken der Arme bei gleichzeitigem Kreischen – dann das erlösende Lachen, Kopf im Nacken. Sie macht das aber ohne Publikum, in einer kargen Kammer des Hotels Steigenberger. Nur für mich.

Die Szene ist aus zwei Gründen typisch für die 48-jährige Belgierin, die in diesem Jahr beim Filmfest den europäischen Schauspielerpreis bekam. Zum einen, weil sie eine ist, die sehr genau formulieren will, was sie meint und denkt. Die sich einlässt auf Fragen ohne Floskeln und ihre Antworten präzise auf den Punkt bringen will (was durchaus nicht bei allen bisherigen Preisträgerinnen der Fall war).

Weil unsere Konversation auf Englisch das nicht immer so zulässt, wie sie es sich wünscht, aber auch kein Dolmetscher zur Hand ist, sucht sie oft nach dem richtigen Wort, massiert mit den Fingerspitzen ihre Stirn, fällt manchmal auch ins Darstellerische, lässt den Körper sprechen. Die Frau mit den schmalen, markant und zart zugleich modellierten Gesichtszügen und den großen Augen hat keine Divenaura, sie hat eine Intensität der Präsenz.

Das ist der zweite Punkt: Cécile de France spielt sehr körperlich. Ob sie in Clint Eastwoods „Herafter“ von den Wassermassen eines Tsunamis verschlungen wird, in „Eine größere Welt“ in tiefer Trauer in die Magie des mongolischen Schamanismus gerät oder in „Wild wie das Meer“ als herbe Fischersfrau von der äußeren Gewalt des Meeres und der inneren Gewalt eine amour fou ergriffen wird.

Als Frau zwischen zwei Männern in dem Fischer-Drama „Wild wie das Meer“..
Als Frau zwischen zwei Männern in dem Fischer-Drama „Wild wie das Meer“.. © filmfest | laure chichmanov

Und geradezu beängstigend in dem Horrorstreifen „High Tension“, in dem sie sich und eine Freundin als sehr junge, sehr schmale Studentin atemlos keuchend, panisch, dreckig, blutverfilzt vor einem bestialischen Killer in einem rostigen Lieferwagen retten muss.

Womit wir wieder beider Kirmes wären. Sie findet es nicht problematisch, in Zeiten von Krieg und Gewalt in der Welt solch bluttriefende Streifen zu zeigen. Für „High Tension“ habe sie die meiste Post bekommen, von Leuten aus allen Erdteilen, erzählt sie. „Menschen in der ganzen Welt mögen diese Filme“ – wie eben eine Fahrt im Extrem-Karussell. „Diese Lust am Entsetzen ist drin im Menschen, auch das gehört zum Universum.“

Lustspendend, befreiend seien solche Filme aber eben nur, weil es eine reine Schaulust ist, weil wir wissen, dass der Horror gespielt ist, nicht echt. „Und weil wir sicher sein können, dass wir heil herauskommen! Konfrontiert mit dem Tod – das ist eine heftige Art, sich lebendig zu fühlen. Eine Art Exorzismus.“

Ist unser Eindruck richtig, dass Sie sich ihre Rollen körperlich zueigen machen?

Ja, ich komme vom Theater her. Einer meiner Lehrer war Schauspieler und Assistent bei dem legendären Theatermagier Peter Brook. Der hat mich gelehrt, wie wichtig das Körperliche ist, um eine Figur, die man spielt, wirklich zu begreifen. Brooks Lehre ist, Körper und Geist stimmig zusammenzuführen. Deswegen beschäftige ich mich bei jedem Charakter, den ich spiele, auch penibel mit dem Kostüm, den Haaren, dem Make up, den Schuhen. Das ist wie bei Kindern, wenn sie Cowboys spielen. Alles beginnt mit einer Sehnsucht. Das Kind möchte jemand anderes sein.

Die Regisseurin ihres Films „Eine größere Welt“ hat gesagt, sie habe Sie als Hauptdarstellerin haben wollen, weil sie „eine animalische Seite “ in sich hätten. Hat sie recht?

Das mag sein. Wir Menschen waren ja alle einmal Tiere am Beginn unserer Entwicklung. Wenn ich spiele, fühle ich eine stärkere Verbindung mit der Natur. Ich bin verbunden mit einem Wolf.

Ihre Figur trauert um einen geliebten Mann. Im Auftrag einer Filmfirma soll sie für einen Soundtrack in die Mongolei reisen. Dort trifft sie unter Nomaden auf eine Schamanin. Während einer Trommelzeremonie fällt Ihre Figur heftig zitternd in Trance. Eine äußerst intensive Szene. War diese Trance bei Ihnen echt oder nur gespielt?

Die Schamanin war ja echt. Wir lebten mit ihr in der Mongolei in Zelten. Und so kam diese Trance tatsächlich in dem Moment der Zeremonie über mich. Aber es war nicht so ein völliges Weggetreten-Sein wie bei einem Drogenrausch. Man kann es erleben und zugleich kontrollieren.

Ihre Figur reist später zurück, um selbst in den Schamanismus initiiert zu werden. Am Ende findet sie den geliebten Mann für einen Augenblick unter Wasser wieder – und kann ihn loslassen. Hat der Schamanismus Ihr Leben verändert?

Nun, die Frau, auf deren wahrer Geschichte der Film beruht, hat darum gekämpft, dass die Hilfe von Schamanismus anerkannt wird. Meine Figur wird in der Zivilisation ja nur verspottet und mit Medikamenten versorgt. Ich glaube, dass man ein größeres Universum für möglich halten sollte, ohne es letztlich erklären zu können. Man sollte sich dem öffnen, man sollte sein Bewusstsein dafür in unserer durch und durch materialistischen, cartesianisch begriffenen Welt weiten. Persönlich bleibe ich aber lieber Schauspielerin, um eben jene Verbindung zwischen Ich und der unsichtbaren Dimension des Kosmos spielerisch zu erkunden. Da kannst du wie ein Maler oder ein Bildhauer eine Art Kabel sein, durch welches Emotionen zu anderen strömen und zum Publikum.

Eine Ihrer Vorgängerinnen als Europa-Preisträgerin war die deutsche Schauspielerin Barbara Sukowa…

Oh, ich kenne sie, habe mit ihr den „Schwarm“ gedreht.

Sie hat mir beim Gespräch vor der Preisverleihung gesagt: „Schauspieler sind Medien“.

Ja, ich glaube, sie hat Recht. Das ist etwas ganz Wesentliches an unserem Beruf.

„Der Schwarm“ ist bei der Kritik weitgehend durchgefallen. Selbst der Buchautor Frank Schätzing mochte den Film nicht.

Ja, wir haben einiges geändert und auch modernisiert. Meine Rolle einer Molekularbiologin etwa ist im Buch ein Mann. Wir wollten mehr diversifizieren, Menschen aus allen Kontinenten wurden gecastet. Das fand ich einen guten Weg. Es müssen ja nicht immer nur weiße Männer über 50 sein.

Wie ist es, mit einem Giganten wie Clint Eastwood zu drehen?

Er hat so eine große Ruhe, er ist im Frieden mit sich selbst. Er bringt viel Liebe mit, nicht nur für seine Schauspieler, sondern für alle am Set. Er lässt dich machen, wie du es für richtig hältst. Er hat ein unglaubliches Vertrauen in das, was du tust. Dadurch holt er das Beste aus jedem heraus. Das ist faszinierend, aber natürlich auch eine große Verantwortung.

Ihr Filmpartner in „Hereafter“ ist Weltstar Matt Damon. Wie war es, Matt Damon zu küssen?

Das war eine professionelle Angelegenheit. Wenn ich den Mann spielen sehe, bewundere ich seine ungeheure Präzision und Professionalität. Aber am Set ist er überhaupt kein Star, er ist wirklich ganz normal und sehr respektvoll.

In ihrem jüngsten Film spielen Sie Marthe, die Frau des Malers Pierre Bonnard. Sie war seine Muse, sein Modell und selbst Malerin.

Ja, sie war eine rätselhafte Frau, und ihre Bilder sind so wundervoll!

Als Künstler-Gattin Marthe Bonnard.
Als Künstler-Gattin Marthe Bonnard. © filmfest | Carole Bethuel

Meinen Sie, Marthes Werken wird durch den Film jetzt eine größere Aufmerksamkeit zuteil?

Ich hoffe. Sie hat ja nicht gemalt um berühmt zu werden. Das war ihr egal. Es gibt eine schöne Dauerausstellung ihrer Malerei in Le Cannet am Mittelmeer.