Braunschweig. Junge Tiktokerinnen nehmen Einfluss auf den Buchmarkt. Wie der Buchhandel reagiert und warum es Ärger mit einem Jurymitglied gab.

Booktok ist ein Trend auf der Social-Media-Plattform Tiktok, der auch die Frankfurter Buchmesse erreicht hat. Booktoker sind eine Subgemeinschaft auf Tiktok, die Videos über Bücher dreht. Die meist jungen Nutzerinnen veröffentlichen weniger als 30 Sekunden kurze Clips, in denen sie Bücher vorstellen und rezensieren. Die vorgestellten Bücher fallen überwiegend in die Genres „Fantasy“ für junge Erwachsene und „New Adult“, das sich mit den Themen Liebe, Freundschaft, Selbstfindung und dem Erwachsenwerden auseinandersetzt.

Woher kommt der Booktok-Trend?

Die Booktok-Community gründete sich auf Tiktok ungefähr 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie in den USA. Die meist jungen Leserinnen tauschen sich offen, ehrlich und wertschätzend über Bücher und ihre Inhalte aus.

Buchhandlungen haben erkannt, dass der Booktok-Hype den Verkauf von Büchern ankurbelt. Sie gehen auf den Trend ein, schaffen eigene Booktok-Regale in ihren Buchhandlungen und bedienen ihre Social-Media-Kanäle mit den Booktok-Bestsellerlisten. So etwa die Buchhandlung Graff in Braunschweig, aber auch die Stadtbüchereiin Wolfenbüttel. Die Booktok-Bestsellerlisten haben sie zudem ausgehängt sowie eigene Regale mit den Booktok-Büchern bestückt, die gerade im Trend sind. Auch Thalia führt die Booktok-Bestsellerliste auf seiner Webseite.

Wie beeinflusst Booktok den Buchhandel?

Wir fragten Frederick Wrensch, Geschäftsführer der Graff-Buchhandlung, wie sehr soziale Netzwerke und das Internet den lokalen Buchhandel beeinflussen würden. „Sie machen ihn unvorhersehbarer, gerade Tiktok. Einige Bücher verkaufen sich plötzlich total gut, weil sie viel auf Tiktok zu sehen sind. Es entstehen Bestseller über diese neue Plattform. Manche Titel, die eigentlich nur in einer kleinen Auflage gedruckt wurden, müssen in viel höherer Auflage nachgedruckt werden, weil sie auf Tiktok so sehr abgehen“, berichtet Wrensch.

Einzelhändler betrachten Booktok inzwischen als eine organische Marketingmethode, da die überwiegend weiblichen Buchfans die Bücher unbedingt haben wollen, die gerade angesagt sind, um Teil der Community zu sein.

Bücher und Social Media – wie geht das zusammen? Die Antwort lautet: Booktok.
Bücher und Social Media – wie geht das zusammen? Die Antwort lautet: Booktok. © dpa | Arne Dedert

Was löste die Kritik der Booktok-Szene an Denis Scheck bei der Frankfurter Buchmesse aus?

Auch die Frankfurter Buchmesse hat den Trend aufgegriffen. Erstmals kooperierte die Messe vergangenes Jahr mit Tiktok. Ende Oktober wurden die ersten Tiktok-Book-Awards in Deutschland verliehen. In mehreren Kategorien standen jeweils fünf Bücher auf einer Auswahlliste, über die Leserinnen und Leser per App abstimmen konnten, ganz basisdemokratisch. Dennoch gab es Kritik in der Booktok-Gemeinschaft, und zwar an der Vorauswahl, insbesondere in der Kategorie „Community Buch des Jahres“. Hier hatten Tiktok und die Frankfurter Buchmesse den Literaturkritiker und Journalisten Denis Scheck ausgesucht, die Shortlist festzulegen. Scheck (58) bespricht in seiner Sendung „Druckfrisch“ in der ARD jeden Monat die Titel der Spiegel-Buchbestsellerliste.

In einem Video, das im Netz kursiert, wirft Scheck augenscheinlich die Bücher, die in der Booktok-Bestsellerliste weit oben ranken, in den Mülleimer. Er wählte für seine Shortlist lieber Sachbücher und Bücher, die seit Jahren eher in der Ü30-Generation kursieren („Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl) sowie klausurrelevante Bücher der Abiturjahrgänge aus. „Alles Bücher, die in unserer Booktok-Community überhaupt keine Rolle spielen“, sagt Emma Grunwald, Booktokerin aus Meine.

Literaturkritiker Denis Scheck (links) im Gespräch mit Schriftsteller und Friedenspreisträger Salman Rushdie während der Literaturgala der Frankfurter Buchmesse.
Literaturkritiker Denis Scheck (links) im Gespräch mit Schriftsteller und Friedenspreisträger Salman Rushdie während der Literaturgala der Frankfurter Buchmesse. © dpa | Andreas Arnold

Die Gewinner/innen der Tiktok-Book-Awards 2023:

#BookTok Autor/in des Jahres: Jana Crämer
#BookTok Community Buch des Jahres: Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl (Kailash)
#BookTok Creator/in des Jahres: Tabea Grunert
#BookTok Verlag des Jahres: dtv-Verlag
#BookTok Bestseller des Jahres: Das Kind in dir muss Heimat finden von Stefanie Stahl (Kailash)

Alle Gewinnerinnen erhielten ein Preisgeld in Höhe von jeweils 5.000 Euro sowie einen Thalia-Gutschein im Wert von 500 Euro. Der dtv-Verlag erhielt Tiktok-Ad-Credits im Wert von 10.000 US-Dollar.

Wir sprachen mit ihr über den Booktok-Trend, die Aufregung um Denis Scheck und ihre Lieblingsbücher.

Hallo Emma! Deinem Booktok-Account bei Tiktok folgen inzwischen 8000 Nutzer, und du hast mehr als 625.000 Likes für deine Videos erhalten. Seit wann betreibst du deinen Kanal, und wie bist du zur Booktok-Community gekommen?

Ich habe letztes Jahr im April damit begonnen, da war ich 18. Während Corona wurde Tiktok sehr groß, und es gab gute englische Accounts, die über Bücher redeten. Ich lese schon immer sehr viel und habe mich sofort verstanden gefühlt. Dann dachte ich mir, das ist etwas, worüber ich auch sprechen könnte.

Hast du auch schon einmal negative Reaktionen auf deine Buchvorstellungen erhalten?

Bisher sind die Leute alle sehr lieb und freuen sich mit einem. Die Community ist sehr positiv und bestärkt einen. Und so habe ich mich dann auch irgendwann getraut, auch mein Gesicht in den Videos zu zeigen.

Wie viele Bücher liest du pro Woche, pro Monat?

Pro Woche ungefähr zwei bis drei Bücher, im Monat momentan acht bis zwölf Bücher.

Wow, Respekt! Und wo liest du sie am liebsten?

Tatsächlich im Bett. Nach der Arbeit komme ich nach Hause und lese erst einmal. Und dann vorm Schlafengehen noch einmal. Es gibt Tage an den Wochenenden, da bleibe ich am liebsten den ganzen Tag im Bett und lese nur.

Gehst du noch zur Schule?

Ich habe im April mein Abi gemacht und studiere ab nächstem Jahr Medienmanagement an der Ostfalia. Gerade arbeite ich bei Graff in Braunschweig als Aushilfe und betreue auch den Tiktok-Account von Graff. Mit dem Geld kann ich mir nun selbst meine Bücher kaufen, vorher hat mir meine Mutter immer die Bücher bezahlt. Ein Buch kostet ungefähr 15 bis 20 Euro. Das gönne ich mir.

Warum ist es wieder „in“, Bücher zu lesen?

Bücher lesen ist auch Self-care und Me-time. Wenn ich ein Buch in die Hand nehme, dann mache ich das Handy bewusst aus, um mich auch gezielt abzugrenzen. Beim Urlaub will ich auch abschalten und runterfahren. Bücher helfen mir dabei. Ständig am Handy zu sein, hat nichts mit Entspannen zu tun.

Was sagst du zum Wirbel um Denis Scheck?

Die Aufregung ist berechtigt. Er ist zwar Literaturkritiker, aber kein Teil der Booktok-Community. Er hat bestimmt noch nie ein Booktok-Video gesehen und kann nicht beurteilen, was uns ausmacht. Wir wollen in fiktive Geschichten eintauchen – Scheck hat zwei Sachbücher vorgeschlagen, die wir in der Schule hatten. Was ich ganz schlimm finde: Bücher, die wir lieben, die wie der heilige Gral für uns sind und auf die wir total aufpassen, dass keine Seite einen Riss bekommt oder einen Knick – diese Bücher hat Scheck in einem Video einfach in die Mülltonne geworfen. Er hat keinen Respekt vor unserer Community.

Denis Scheck hat keinen Respekt vor unserer Community.
Booktokerin Emma Grunwald

Die fünf Bücher, die Scheck für den Community Award vorgeschlagen hat, hat die Booktok-Community abgelehnt. Was wären deine Vorschläge gewesen?

„Fourth Wing” von Rebecca Yarros, „Skogen Dynasty” von Carolin Wahl, „Blackwell Palace” von Ayla Dade, „Ravenhall Academy 2” von Julia Kuhn und „A Place to Shine” von Lilly Lucas.

Und welches ist dein absolutes Lieblingsbuch?

„Wo du uns findest“ von Antonia Wesseling. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich liebe die Emotionen, die transportiert werden.

Hast du Buchverlage, die dich sponsern?

Der Loewe Verlag, Carlsen und Forever haben mir schon Bücher zum Rezensieren zugeschickt.

Fühlst du dich dadurch unter Druck gesetzt, dass du eine gute Rezension abgeben musst?

Nein, ich muss keine gute Rezension veröffentlichen. Was mich aber unter Druck setzt, ist, dass ich diese Bücher direkt lesen soll. Manchmal hat man aber keine Lust auf ein bestimmtes Genre oder keine Zeit. Vorgegeben sind im Schnitt zwei Monate, bis man eine Rezension veröffentlichen sollte. Es ist aber auch kein Problem für die Verlage, wenn man zwei oder vier Wochen später etwas veröffentlicht. Was ich etwas negativ sehe, ist, dass man ständig die Bücher, die gerade bei Booktok im Trend sind, lesen will. Ich traue mich kaum noch, andere Bücher zu lesen.

Hier stellt Emma ihre Lieblingsbücher vor:

Booktokerin Emma Grunwald aus Meine stellt ihre Lieblingsbücher vor.
Booktokerin Emma Grunwald aus Meine stellt ihre Lieblingsbücher vor. © Unbekannt | Unbekannt