„Vergessene“ Hongkong-Grippe kostete vielen Menschen das Leben

Osterode.  1968 bis 1970 starben weltweit mindestens eine Million Menschen. Das mediale Interesse war verhalten, Bürger gingen sorglos mit Infektionsgefahr um.

HANDOUT - 29.03.2020, Australien, Brisbane: Das von der Regierung von Queensland zur Verfügung gestellte historische Schwarz-Weiß-Foto zeigt Frauen mit Mundschutzmasken in Vorbereitung auf die Spanische Grippe in Brisbane 1919. Das Coronavirus weckt Erinnerungen an die damalige Zeit. Foto: Queensland Government/QUEENSLAND GOVERNMENT/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung. +++ dpa-Bildfunk +++

HANDOUT - 29.03.2020, Australien, Brisbane: Das von der Regierung von Queensland zur Verfügung gestellte historische Schwarz-Weiß-Foto zeigt Frauen mit Mundschutzmasken in Vorbereitung auf die Spanische Grippe in Brisbane 1919. Das Coronavirus weckt Erinnerungen an die damalige Zeit. Foto: Queensland Government/QUEENSLAND GOVERNMENT/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung. +++ dpa-Bildfunk +++

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Sie sind unsichtbar, wandlungsfähig und passen sich geschickt an. Sie tricksen die Immunabwehr aus und sind ständig auf der Suche nach Wirtszellen, die sie sich zum Untertan machen. Die Rede ist von Grippe- beziehungsweise Influenzaviren. Momentan hat das Coronavirus die Welt fest im Griff. Doch bereits seit dem 16. Jahrhundert gab es mehr als 30 Influenza-Pandemien weltweit.

Eine davon war die sogenannte Hongkong-Grippe, die in den Jahren 1968 bis 1970 mindestens eine Million Menschen das Leben kostete und als die „vergessene“ Grippe bezeichnet wird. Genaue Zahlen sind nicht bekannt, teilweise wird sogar von zwei Millionen Toten gesprochen. Die als Hongkong-Grippe bezeichnete Infektionskrankheit brach im Juli 1968 in Hongkong aus und entstand aus einer Kombination von Geflügelpest auslösenden Viren und bereits unter Menschen verbreiteten Influenzaviren. Die weltweite Ausbreitung dieser Viren verursachte die letzte große Influenza-Pandemie des 20. Jahrhunderts. Die Russische Grippe von 1977/1978 wird meistens nicht als Pandemie eingestuft.

In Deutschland gab es im Winterhalbjahr 1969/1970 den schwersten Ausbruch der Hongkong-Grippe. Amerikanische Soldaten sollen das Virus in die Pfalz eingeschleppt haben. Genaue Fallzahlen sind damals nicht erhoben worden, allerdings wurde im Nachhinein eine Sterblichkeit von etwa 40.000 Toten für die Bundesrepublik Deutschland festgestellt. Verursacher war das Influenzavirus mit der Bezeichnung A/H3N2 in der Variante Hong Kong/1/1968 H3N2.

Im Vergleich zur verwandten Asiatischen Grippe von 1957 verlief die Hongkong-Grippe milder, weil die Immunabwehr der meisten Menschen Antikörper gegen das Influenzavirus A/H2N2 enthielt, das die Asiatische Grippe ausgelöst hatte und dem Influenzavirus A/H3N2 ähnelte. Zum Stillstand kam die Ausbreitung der Hongkong-Grippe erst nach dem Erreichen einer sogenannten Herdenimmunität. Diese bezeichnet in der Epidemiologie eine indirekte Form des Schutzes, wenn ein hoher Prozentsatz durch Infektion oder Impfung bereits immun geworden ist. Ein Impfstoff konnte damals im ersten Jahr entwickelt werden.

Trotz der vielen Toten blieb die Politik damals wohl weitgehend tatenlos, und auch die Medien berichteten kaum über die Pandemie. Aus den Berichterstattungen, wie zum Beispiel durch das ZDF, wird deutlich, dass die Bevölkerung damals ziemlich sorglos mit der Infektionsgefahr umging und das Risiko eher als gering einordnete. Die seinerzeit hiesigen Zeitungen wie der Osteroder Kreis-Anzeiger und der Harz Kurier berichteten dennoch zum Jahreswechsel 1969/1970 über das Grippevirus.

Am 31. Dezember 1969 waren demnach in Niedersachsen acht Menschen zu Tode gekommen. Das Sozialministerium rechnete damals damit, dass die Epidemie erst Mitte Januar für Niedersachsen beseitigt sei. Etwa 30 Prozent der Gesamtbevölkerung Niedersachsens waren von der Grippe erfasst. Schwerpunkte sollen Süd- und Mittelniedersachsen gewesen sein.

Weder das damalige mediale Interesse, noch die damaligen medialen Möglichkeiten können mit den Umständen der Corona-Pandemie verglichen werden. Aus diesem Grund wundert es auch nicht, wenn einige befragte ältere Menschen aus dem Altkreis Osterode sich nicht mehr an die Existenz und die Auswirkungen der Hongkong-Grippe erinnern können. Dem Gesundheitsamt Göttingen liegen dazu ebenfalls keine Informationen vor. Und auch im Stadtarchiv von Osterode gebe es – mit Ausnahme des Zeitungsarchivs – keine Aufzeichnungen über die Hongkong-Grippe, wie Osterodes Stadtarchivar Ekkehard Eder sagt.

Die Corona-Pandemie wird häufig mit der Spanischen Grippe, die im Jahr 1918 ausbrach, verglichen. Dabei ähneln aber die Randumstände der Hongkong-Grippe durchaus der aktuellen Situation. Weltweit waren Krankenhäuser überfüllt, in West-Berlin, München und in Hamburg zum Beispiel standen Betten in Fluren, es fehlte an dringend benötigten Medikamenten. Es herrschte ein Bestattungsnotstand, Särge mussten in Gewächshäusern zwischengelagert werden.

Als „nie da gewesene Verhältnisse“ bezeichneten Klinikpathologen der Hansestadt Hamburg die besorgniserregende Situation im Jahr 1970. Betriebe in der Bundesrepublik mussten die Produktion herunterfahren und auch Schulen wurden geschlossen. Diese Maßnahmen waren jedoch eine Reaktion auf einen Ausbruch in dem Betrieb oder in der Schule gewesen und waren nicht als präventive Gesundheitsvorsorge erfolgt.

In der Ausgabe vom 7. Januar 1970 heißt es im Osteroder Kreis-Anzeiger: „In über der Hälfte aller niedersächsischen Schulen gibt es Grippe-Ferien. Hier beginnt der Schulunterricht nicht schon mit dem Ende der Weihnachtsferien am 7. Januar, sondern frühestens am 12. Januar. Im Verwaltungsbezirk Braunschweig allerdings bleiben die Schulen vorerst nur in der Exklave Thedinghausen und in Braunlage geschlossen. In den übrigen Orten beginnt die Schulzeit zum vorgesehenen Termin“.

Auch im Sport gab es Einschränkungen: „Grippewelle entscheidet Handballspiele“, war eine Schlagzeile. Die Handballteams hatten kaum komplette Mannschaften, da viele Spieler an der Grippe erkrankt waren. Wie auch bei der TSG Badenhausen, die musste die Spiele gegen TV Jahn Duderstadt und TSC Eisdorf absagen und auf die Punkte verzichten. Ab unter die Bettdecke.

Bettruhe war damals die Heilkur Nummer 1. Schwitzkur, Tee trinken und Pillen schlucken, empfahl Ende 1969 der Kreis-Anzeiger. Zu der Zeit zählte Italien 15 Millionen Grippekranke, die Schweiz einige Hunderttausend, in Frankreich waren es 13 Millionen und in England, wo das Virus zuerst angekommen war, 250.000 Menschen.

Die Ansteckungsfrist betrug 24 bis 72 Stunden. Je nach Konstitution dauerte die Krankheit zwei bis sieben Tage.

Im Gegensatz zum Coronavirus waren bei der Hongkong-Grippe nahezu alle Altersgruppen betroffen. Am ersten Tag konnte das Fieber auf 40 Grad steigen, dann wieder auf 38 Grad sinken, um dann wieder auf 40 Grad anzusteigen, bis die Normaltemperatur erreicht wurde. Der damalige Tipp von Gesundheitsexperten: Schweißtreibende Grippemittel einnehmen und viel heißen Tee trinken. Danach mindestens eine Stunde unter mehreren Decken liegen, gut abfrottieren und den ganzen Körper mit etwas Alkohol abreiben.

Obwohl bereits im Jahr 1957 die Asiatische Grippe in Deutschland gewütet und etwa 30.000 Menschen das Leben gekostet hatte, war das deutsche Gesundheitssystem seinerzeit nur schlecht auf die neue Pandemie vorbereitet.

Corona in Osterode- Ein Überblick über die Situation vor Ort

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