Flugblatt-Aktion: Post von den Corona-Skeptikern

Braunschweig.  Selbsternannte „Freiheitsboten“ versuchen auch in unserer Region, Misstrauen in die Corona-Regeln zu säen.

Mehrere Braunschweiger fanden in letzter Zeit dieses Flugblatt in ihren Briefkästen. In seiner Aufmachung erinnert der Flyer stark an die „AHA“-Kampagne der Bundesregierung.

Mehrere Braunschweiger fanden in letzter Zeit dieses Flugblatt in ihren Briefkästen. In seiner Aufmachung erinnert der Flyer stark an die „AHA“-Kampagne der Bundesregierung.

Foto: Andreas Eberhard

Wissen Sie, ob es erlaubt ist, mit einem abgewandelten Logo, das sehr an das der Bundesregierung erinnert, und falschen AHA-Regeln zu werben, die Menschen theoretisch verwirren könnten?

Dies fragt unsere Leserin Stefanie Kühmstedt aus Braunschweig.

Die Antwort recherchierte Andreas Eberhard.

Abstand halten, Hygiene beachten und Alltagsmaske tragen – für diese Regeln hat sich in der gegenwärtigen Corona-Epidemie die einprägsame Kurzform „AHA“ eingebürgert – wohl auch wegen der gleichnamigen Anzeigenkampagne der Bundesregierung. Auf dem Flugblatt, das eine Braunschweigerin nun aus ihrem Briefkasten fischte, hat die Abkürzung eine andere Bedeutung: „Angst ablegen, Hinterfragen, Austauschen – die AHA-Formel für die Freiheit“. Für sich betrachtet, klingt das nicht schlecht. Was allerdings wie Gesundheitsaufklärung daherkommt, ist Teil einer relativ großangelegten Kampagne von sogenannten Corona-Skeptikern. Deren offensichtliches Hauptanliegen: Misstrauen säen gegenüber den geltenden Vorsichtsmaßnahmen. In Helmstedt erhielten Anwohner ähnliche Flugblätter.

„Andere Meinungen“ statt Forscher-Expertise

Statt zum Informieren bei den Gesundheitsbehörden oder bei anerkannten Forschungseinrichtungen rufen die Flugblatt-Schreiber dazu auf, „andere Meinungen“ einzuholen und verweisen auf eine lange Liste vermeintlich „unabhängiger“ Experten, darunter nicht nur der Mainzer Mikrobiologe Suchari Bhakdi, der die Auffassung vertritt, das Coronavirus sei nicht gefährlicher als eine mittlere Grippe. Als Informationsquelle empfohlen werden auch die Gruppe „Querdenken 711“, die die großen Protestdemos gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin und andernorts veranstaltet hat, und der Youtube-Kanal des rechtslastigen Verschwörungstheoretikers Heiko Schrang.

Prominenter Corona-Skeptiker hinter der Aktion

Einen Absender oder ein Impressum sucht man auf dem Blatt vergeblich. Allerdings findet sich dort der Verweis auf eine geschlossene Gruppe beim Messenger-Dienst Telegram. Hier könne sich jeder melden, der auch solche Flyer verteilen wolle, heißt es dort. Die Telegram-Gruppe mit Namen „Freiheitsboten“ zählt über 32.000 Mitglieder. Auf einer zugehörigen Webseite können Interessierte auch Flyer zum Selberdrucken und -verteilen bestellen. Auch Geld wird gesammelt. Als Spendenkonto wird die Bankverbindung des Sinsheimer HNO-Arztes Bodo Schiffmann angegeben, der zu den prominentesten Stimmen der Corona-Skeptiker-Szene zählt. Schiffmann hatte zuletzt auch die Falschmeldung verbreitet, ein Kind sei durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ums Leben gekommen.

Spahn-Ministerium: Kein akuter Handlungsbedarf

Zumindest auf den ersten Blick sieht das Flugblatt den „AHA“-Anzeigen der Bundesregierung zum Verwechseln ähnlich. Sogar das Logo „Wir freien Menschen“ mit dem schmalen schwarz-rot-goldenen Balken ist an das Logo der Bundesregierung angelehnt. Im Bundesgesundheitsministerium, wo die offenbar von Schiffmann initiierte Kampagne bekannt ist, sieht man deswegen jedoch keinen akuten Handlungsbedarf. Wie ein Mitarbeiter des Ministeriums gegenüber unserer Zeitung sagte, sehe man keine rechtliche Handhabe, dagegen vorzugehen. Das Symbol der Bundesregierung werde hier lediglich verballhornt, jedoch nicht benutzt. Auch sei Desinformation an sich noch nicht strafbar. Auch kritische Stimmen müssten gehört werden, sei die Auffassung des Ministeriums, „jedoch können Einzelmeinungen, die nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechen, nicht als Richtschnur für unsere Entscheidungen dienen“.

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