Solidarität und Euphorie prägten in Osterode die Wende

Osterode.  Hunderte DDR-Bürger bevölkerten nach dem Mauerfall am 9. November 1989 Osterode. Stadtarchivar Ekkehard Eder erinnert sich.

Autos vom Typ Trabant parkten im November 1989 auf der Osteroder Bleichestelle.

Autos vom Typ Trabant parkten im November 1989 auf der Osteroder Bleichestelle.

Foto: Stadtarchiv Osterode

„Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind.“ Noch im Januar des Jahres 1989 rief das der DDR-Staatsratsvorsitzende Erich Honecker aus. Die „Gründe“ wurden beseitigt, wenn auch ganz anders als sich das die SED-Führung vorstellte.

Im Sommer 1989 setzte eine seit dem Mauerbau ungekannte Fluchtbewegung aus der DDR ein. Über Ungarn, das seine Grenzsperren schrittweise abbaute, flohen Tausende Deutsche in die Freiheit. Andere fanden den Mut, sich der Oppositionsbewegung anzuschließen und unter dem kraftvollen Motto „Wir sind das Volk“ den Repräsentanten des Honeckerregimes zu zeigen, dass ihre Zeit vorbei war.

SED-Herrschaft bricht zusammen

Unter dem Druck der Massendemonstrationen brach die SED-Herrschaft zusammen. Am Abend des 9. November 1989 wurde zunächst die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin geöffnet.

Der regierende Bürgermeister von West-Berlin, Walter Momper, sprach aus, was die Freude der Menschen in Ost und West am besten beschrieb: „Die Deutschen sind heute das glücklichste Volk der Welt.“ In den folgenden Tagen wurde der bis dahin fast unüberwindliche „Eiserne Vorhang“ für Millionen von Menschen durchlässig und verschwand – bis auf wenige museale Reste – schließlich vollständig.

Am Abend des 11. November 1989, einem Samstag, wurde auch die Grenze bei Walkenried geöffnet. Schon am Vorabend hatte man den Übergang zwischen Teistungen und Duderstadt freigegeben. Ein unvorstellbarer Strom von Besuchern aus der DDR kam nach Osterode. Die Geschäfte hatten – zufällig war gerade Martinsmarkt in der Kreisstadt – auch sonntags (12. November 1989) geöffnet.

Im Osteroder Rathaus arbeiteten die Bediensteten auch am Wochenende, um die Besucher aus der DDR zu betreuen und das sogenannte Begrüßungsgeld auszuzahlen. Aufgrund des Besucheransturms wurden schließlich in vielen Rathausbüros kurzfristig Zahlstellen eingerichtet. Hier liefen die Auszahlungen praktisch von morgens bis abends ohne Unterbrechung. Erhebliche Bargeldmengen mussten dabei kurzfristig von den örtlichen Kreditinstituten bereitgestellt und transportiert werden, um die Auszahlungen zu bewerkstelligen.

Auch die Post am Kornmarkt zahlte damals das Begrüßungsgeld in Höhe von 100 Mark pro Person an die DDR-Bürger aus.

Da es in den Novembertagen 1989 schon recht kalt war, richtete die Stadtverwaltung in der Kantine des Harzkornmagazins einen Aufenthaltsraum für die Besucher aus der DDR ein. Hier wurden Obst, Kaffee und Schokolade kostenlos von Stadtbediensteten und freiwilligen Helfern aus der Bürgerschaft verteilt.

Ähnliche Verpflegungsstellen, die ebenfalls zahlreiche Besucher fanden, richteten die Kirchengemeinden ein. Die Parkplätze im Osteroder Stadtgebiet standen voller DDR-Autos – vor allem Modelle der Typen Trabant und Wartburg waren zu sehen. Viele Besucher übernachteten hier trotz der empfindlichen Kälte in ihren Autos. Doch die Begeisterung über die Ereignisse erzeugte auch eine große Welle der Hilfsbereitschaft. So luden zahlreiche Osteroder ihnen bislang unbekannte DDR-Bürger ein und stellten ihnen warme Schlafplätze zur Verfügung. Auch in der Turnhalle des Gymnasiums richtete man Schlafplätze für die Besucher ein. In der Rommelkaserne hatte man vorsorglich Unterbringungsmöglichkeiten für 250 Übersiedler bereitgestellt.

Plötzlich unbürokratisch

Im Zuge der allgemeinen Euphorie funktionierten Dinge, die zuweilen bürokratisch-kompliziert verlaufen, plötzlich ganz schnell und einfach. Solidarität wurde in diesen außergewöhnlichen Tagen tatkräftig und spontan geübt. Osterode war in jenen Monaten Ende 1989/Anfang 1990 voller Menschen. Die Besucher aus der DDR nutzten die Gelegenheit, sich hier mit Waren zu versorgen, die es in der sozialistischen Mangelwirtschaft nicht ausreichend gab.

Im Stadtbild sah man jetzt häufig Männer und Frauen mit den DDR-typischen Dederon-Einkaufsbeuteln. In den Straßen waren überall bislang ungewohnte Dialekte – sei es Thüringisch oder Sächsisch – zu hören. Und die Luft war erfüllt von dem Geruch und dem Sound der Zweitaktmotoren, die für die DDR-Fahrzeuge typisch waren.

Osterode, früher abseits im sogenannten Zonenrandgebiet gelegen, war wieder in die Mitte Deutschlands gerückt. Und für die Osteroder bot sich die Möglichkeit, den Osten ohne Grenzschikanen und Zwangsumtausch zu entdecken. „Jeder, der diese spannenden und intensiven Wochen hier erlebt hat, kann viele kleine Geschichten und Erlebnisse erzählen, die den Osteroder Alltag damals prägten. Es waren tolle, euphorische und glückliche Tage“, erinnert sich Osterodes Stadtarchivar Ekkehard Eder an jene Tage.

Am 3. Oktober 1990 wurde mit dem Beitritt der DDR bzw. ihrer wiederhergestellten Bundesländer zur Bundesrepublik die staatliche Einheit Deutschlands vollzogen. In Osterode erinnert heute ein Segment der Berliner Mauer, das an der Ecke Berliner Straße/Waldstraße steht, an die Wiedervereinigung Deutschlands.

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