„Gewalt hat kein Geschlecht“

Osterode  Das Männerhaus Harz wurde der Fachöffentlichkeit beim Tag der offenen Tür vorgestellt. Mit dem Angebot konnte, so der Leiter, viel geholfen werden.

Auch Männer können Opfer von Gewalt werden – psychisch wie physisch.

Auch Männer können Opfer von Gewalt werden – psychisch wie physisch.

Foto: dpa

Der 21-Jährige, der von seinem Vater zusammengeschlagen und von seinen Brüdern bedroht wird, weil er sich zu seiner Homosexualität bekannt hat; der Vater, der sich und seine Kinder vor den Attacken der psychisch kranken Ehefrau schützen will: Sie und andere hatten Glück, dass sie sich an das Männerhaus Harz wenden konnten.

„Was wir in den unterschiedlichsten Fällen mit diesem Angebot bereits an Hilfe leisten konnten, ist beeindruckend.“
Raymond Rordorf, Mitglied des Vereins Gleichstark und Leiter der Einrichtung

Dass Männer in solch einer Situation Hilfe finden, ist eher die Ausnahme, weiß Raymond Rordorf, der als Mitglied des Vereins Gleichstark zunächst die Leitung der Einrichtung auf Honorarbasis übernommen hat.

Deutschlandweit nur vier Häuser

Im gesamten Bundesgebiet gebe es nur vier Männerhäuser, darunter das in Osterode. Bei einem Tag der offenen Tür für die Fachöffentlichkeit stellte der Verein, der das begleitete Selbsthilfeprojekt ins Leben gerufen hat und als Träger fungiert, das Haus vor.

Die Einrichtung garantiert den Bewohnern Schutz, Sicherheit und Anonymität, erklärt Rordorf, damit sie nach belastenden Erlebnissen erst einmal zur Ruhe kommen und sich über ihre weiteren Schritte Gedanken machen können. Zudem wird ihnen eine qualifizierte Beratung angeboten, die auf Wunsch weitere Fachberatung oder therapeutische Maßnahmen vermittelt. Unterstützt wird Gleichstark dabei vom Verein Frauen für Frauen mit seinen Kompetenzen und Kontakten aus der Arbeit im Frauenhaus.

Rordorf, der die Hilfesuchenden aufnimmt, versucht, in den ersten Gesprächen Vertrauen aufzubauen und für eine freundliche Atmosphäre zu sorgen, in der sich die Männer wohlfühlen. Dazu trägt auch die behagliche Ausstrahlung des komplett sanierten, hellen Altbaus bei, der mit Spenden eingerichtet wurde. Vier Zimmer plus Kinderzimmer, zwei Badezimmer, sowie ein Aufenthaltsraum und Küche, in der sich die Bewohner selbst versorgen, stehen zur Verfügung. „Der Bedarf ist groß“, schildert der Leiter. Anfragen gab und gibt es von Hamburg über Hannover bis Bielefeld. Zwei Drittel davon seien bisher abgelehnt worden, weil die Voraussetzungen nicht gegeben waren oder sich andere Lösungen finden ließen. Denn der Aufnahme, die immer nur der letzte Ausweg sei, geht eine fachliche Prüfung voraus, die an konsequenten Kriterien ausgerichtet ist. Suchtkranke, dauerhaft Obdachlose, psychisch Kranke oder Täter ohne Schuldeinsicht werden abgewiesen.

Vor drei Jahren hatte sich der Verein Gleichstark gegründet und auf das Ziel der Einrichtung eines Männerhauses hingearbeitet, berichtet Rordorf. Nach langen Verhandlungen habe sich der Landkreis bereiterklärt, die Kosten für die Unterbringung zu übernehmen, während der Verein für die Trägerschaft zuständig ist. Für Hilfesuchende, die nicht aus dem Landkreis kommen, trägt das Sozialamt des jeweiligen Wohnortes die Kosten. Der Vertrag ist auf drei Jahre befristet, in denen sich erweisen soll, ob solch eine Einrichtung, gerade im ländlichen Raum, erforderlich ist. „Was wir in den unterschiedlichsten Fällen mit diesem Angebot bereits an Hilfe leisten konnten, ist beeindruckend“, lautet ein erstes Fazit des Leiters.

Hemmschwelle ist hoch

Die Scham und die Hemmschwelle, sich und anderen die eigenen Probleme einzugestehen, sei bei Männern immer noch sehr hoch, unterstrich Sabine Heinecke, Geschäftsführerin des Vereins Frauen für Frauen, der die Gründung von Gleichstark und des Männerhauses mit angeschoben hatte.

„Das ist unser Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit“, betonte sie. Denn die Öffentlichkeit sei in jedem Fall von häuslicher Gewalt verpflichtet, qualifizierte Betreuung zu sorgen.

MÄNNERHAUS HARZ

Hilfe finden Männer, die gewalttätiges Verhalten ablehnen und sich verändern wollen, die Schutz und Rückzug suchen und benötigen,

die Veränderung und Gespräche anstreben, die schwerwiegende Beziehungsprobleme haben, die sich in Gewaltzirkeln befinden und einen Ausstieg wollen.

Kontakt über das Büro von Gleichstark in der Brauhausstraße 1 in Osterode, Telefon 0174/2134661, oder per E-Mail an die Adresse gleichstark-osterode@web.de.

Hans-Werner Ingold begrüßte als Leiter der Osteroder Polizei das neue Angebot. Es komplettiere die Hilfelandschaft vor Ort. Zum überwiegenden Teil seien die Täter zwar männlich, aber Männer würden eben auch zu Opfern: „Gewalt hat kein Geschlecht.“ ff

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