Turbulente Rückreise aus Nepal in Zeiten der Corona-Pandemie

Herzberg.  Jürgen Menge aus Herzberg war mit seiner Familie vom 6. bis 21. März in Asien unterwegs. Er berichtet über seine Erlebnisse.

Jürgen Menge reiste Anfang März nach Asien und erlebte turbulente Umstände im Rahmen der Rückreise aufgrund der ausbrechenden Corona-Pandemie.

Jürgen Menge reiste Anfang März nach Asien und erlebte turbulente Umstände im Rahmen der Rückreise aufgrund der ausbrechenden Corona-Pandemie.

Foto: Jürgen Menge / Privat

Der Herzberger Jürgen Menge reiste mit seiner Frau Anfang März nach Asien – geplant war ursprünglich eine Urlaubsreise vom 6. bis zum 27. März, doch es kam anders: Das Paar musste bereits sechs Tage früher nach Hause fliegen. Der Grund: Corona. Für unsere Zeitung berichtet Menge von seinen Eindrücken während der Reise, aber auch über die Umstände seiner Heimkehr – in Zeiten der Covid-19-Pandemie:

Ab Anfang Februar bereiteten wir unsere Abreise nach Asien vor. Der Reiseveranstalter sah Anfang März keine Gründe dafür, die Reise zu stornieren, und so flogen wir wohlgemut am 6. März mit Air India von Frankfurt über Dehli/Indien nach Kathmandu/Nepal. Die Rückreise sollte mit der selben Fluggesellschaft am 27. März nach Frankfurt erfolgen – tatsächlich reisten wir unter turbulenten Umständen am 21. März zurück.

Beim Reiseveranstalter hatten wir für die Hauptstadt Nepals, den Norden und den Süden ein Kennenlernprogramm gebucht: eine kleine Rundreise mit dem Besuch religiöser Stätten, die Besichtigung nepalesischer mittelalterliche Königsstädte und dem Aufenthalt in einem Naturreservat im Süden.

Große Flächen des Landes sind Nationalparks – der bekannteste ist der Chitwan Nationalpark im Süden an der Grenze zu Indien, den wir während der Rundreise besuchten. Hier werden, unter der Kontrolle des Militärs, unter anderem das Panzernashorn, verschiedene Krokodil- und Antilopenarten und der asiatische Tiger vor der Ausrottung geschützt.

Während unserer Zeit in Kathmandu selbst und in einer Verlängerungswoche wollten wir viel Zeit mit unserem Sohn und seiner Familie verbringen. Unser Sohn arbeitet etwa drei Jahre für eine deutsche Stiftung in Nepal und wohnt mit seiner Familie, das sind seine Frau und sein einjähriges Kind, etwas außerhalb der Millionenstadt.

Erste zehn Tage wie gebucht

Die ersten zehn Tage der Reise erfolgten entsprechend des gebuchten Programms, abends trafen wir einige Male unseren Sohn und seine Familie und hatten viel Freude beim Wiedersehen mit unserem Enkelkind. Wir waren in einer kleinen Reisegruppe mit eigenem Reisebus unterwegs und lernten als erstes die Begrüßungsgeste – den Gruß „Namaste“ mit der damit verbundenen Geste, den gefalteten Händen vor der linken Brust. „Namaste“ sagt man zur Begrüßung, zum Abschied und wenn man sich für etwas bedanken möchte.

In Kathmandu trägt man, ähnlich wie in den meisten Metropolen Asiens, wegen der Luftverschmutzung einen Mundschutz, denn Kathmandu zählt zu den Städten mit der höchsten Luftverschmutzung weltweit. Auch wir trugen den Mundschutz – aber nicht nur wegen der Luftverschmutzung.

Am 13. und 14. März kamen wir auf der Rückreise aus dem Süden am Pokhara See am Fuße des Annapurnamassivs an. Hier trafen wir unter anderem unseren Sohn, der beruflich in Pokhara zu tun hatte. Im Hotel lernten wir Mitglieder eine Reisegruppe aus der Schweiz kennen, die so schnell wie möglich ihre Rückreise plante. Aus dem Internet, das nicht immer zuverlässig und auch nicht überall in Nepal funktioniert, erfuhren wir, dass die WHO die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März als „Pandemie“ einstufte. Sie forderte alle Staaten auf, ihre Maßnahmen aktiver Eingrenzung und Eindämmung zu intensivieren. Die Schweizer, die wir in Pokhara kennengelernt hatten, rechneten deshalb schon bald mit Behinderungen des Reiseverkehrs.

Rückreise war nicht mehr sicher

Am 16. März lasen wir die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. „Das Risiko, dass Sie Ihre Rückreise aufgrund der zunehmenden Einschränkungen nicht mehr antreten können, ist in vielen Destinationen derzeit hoch.“ Unsere für den 27. März gebuchte Rückreise war nun nicht mehr sicher. Wir schrieben noch am selben Tag eine Mail an unseren Reiseveranstalter und fragten, wie er in dieser Situation unsere Rückreise sichern könne. Als Antwort bekamen wir eine automatisch generierte Mail mit dem Hinweis auf das erhöhte Anfrageaufkommen und der Bitte um Nachsicht, dass „nur sehr zeitverzögert und selektiv auf schriftliche Anfragen“ geantwortet werden könne. antworten können.“ Vom Reiseveranstalter konnten wir keine Hilfe erwarten – und mussten selbst handeln. Zurück in Kathmandu zogen wir unseren geplanten Rückflug mit Air India auf den 20. März vor. Da keine Plätze mehr in der Economy frei waren, bezahlten wir einen Aufschlag für die Business Class.

Am Tag darauf kam eine weitere Warnung des Auswärtigen Amtes. „Bemühen Sie sich aufgrund wegfallender Flugverbindungen ggf. um eine schnellstmögliche Rückreise nach Deutschland“, hieß es dort. Die Durchreise durch die Türkei, so erfuhren wir von anderen Reisenden, war auf einmal nur noch nach 14-tägiger Quarantäne möglich. Einige Reiseveranstalter gingen dazu über, ihre Reisegruppen zurückzuholen. Zwei Mitglieder unserer Reisegruppe, die über Istanbul angereist waren, mussten um ihren Rückflug bangen.

Am 18. März strich Air India ersatzlos den von uns neuerlich geplanten Rückflug am 20. März. Die Fluggesellschaft stellte den Flugverkehr ab Kathmandu bis auf unbestimmte Zeit ein. Von dieser Stornierungen und den Änderungen im Transit war nun die gesamte Reisegruppe, also neun Personen, betroffen. Wir wussten nicht, wie wir nach Hause kommen sollten. Unser Reiseveranstalter, der die Hin- und Rückflüge für uns gebucht hatte, meldete sich noch immer nicht.

Zwei Österreicher aus unserer Gruppe buchten auf eigene Kosten um und flogen über einen noch offenen Transitflughafen nach Wien zurück. Wir verbrachten zunehmend mehr Zeit mit der Suche von Flügen Richtung Europa. Wie wir später von unserem Sohn erfuhren, ging die Deutsche Botschaft in Kathmandu zu diesem Zeitpunkt bereits davon aus, dass spätestens am 23. März der internationale Flugverkehr ab Kathmandu gänzlich eingestellt wird. Es wurde zu diesem Zeitpunkt bereits damit gerechnet, dass die Rückholung der gestrandeten deutschen Urlauber aus Nepal nicht sehr bald erfolgen würde. Unser Reiseveranstalter reagierte auch jetzt nicht auf unsere Bitte, uns bei der Organisation eines Rückfluges zu helfen.

Letzte Plätze in der Business Class

Am 19. März buchten wir mit der Hilfe unseres Sohnes bei Qatar Airways für den 21. März einen der letzten Plätze in der teuren Business Class. Unseriöse Vermittlungsportale boten zu diesem Zeitpunkt zum Teil bereits stornierte Flüge und auch den von uns direkt bei der Fluggesellschaft gebuchten Flug für mehr als 10.000 Euro im Internet an. Diese Vermittlungsportale nutzten die Not der Gestrandeten schamlos aus.

Unser Rückflug wurde durch das fehlende rechtzeitige Handeln des Reiseveranstalters und das Ausfallen vieler Flugverbindungen von Tag zu Tag teurer.

Am 22. März, einen Tag nach unserer Ausreise aus Nepal, wurde der internationale Flugverkehr ab Kathmandu gänzlich eingestellt. Wir hatten dank unseres Sohnes rechtzeitig gehandelt, aber auch mit viel Glück noch einen Rückflug ergattert.

Am 24. März verkündete die Regierung Nepals den „Lockdown“. In Nepal gab es zu diesem Zeitpunkt den dritten nachgewiesenen Covid-19-Fall. Alle drei waren junge Leute, die aus dem Ausland nach Nepal zurückgekehrt waren. Schon bei unserer Anreise Anfang März ließen Indien und Nepal an den Flughäfen bei der Ein- und Ausreise und im Transitverkehr sogenannte „Aussteigerkarten“ ausfüllen und maßen Fieber – das fiel bei unserer Rückreise weg.

Seit dem Lockdown

Seit dem Lockdown darf die Bevölkerung Nepals, bis auf wenige Ausnahmen, in den Ballungsgebieten nicht mehr die Häuser verlassen. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen, jeglicher Verkehr ist untersagt oder stark eingeschränkt.

Da Kathmandu über kein funktionierendes Wasser- und Abwasserleitungssystem verfügt, wird Wasser mittels Lkw von Flüssen und Stauseen in die Stadt transportiert und in Tanks an den Häusern eingelagert. Viele Versorgungsgüter werden über den gleichen Weg aus Indien eingeführt. Die Preise von Nahrungsmittel, so berichtete unser Sohn, sind in Kathmandu innerhalb von wenigen Tagen unter der Ausgangssperre um 200 Prozent gestiegen. Weitere Touristen sitzen noch immer in ihren Hotels fest, können nicht in die Stadt oder ohne Erlaubnis zum Flughafen. Einige Hotels, darunter auch unseres, mussten schließen. Andere hoben die Preise an. Man bedenke: Etwa 30 Prozent des Bruttoinlandsproduktes von Nepal kommt aus dem Fremdenverkehr.

Fünf Mitglieder unserer Reisegruppe mussten das Hotel wechseln und warten noch immer auf ihre Rückreisemöglichkeit. Sie hoffen darauf, dass auch sie im Rahmen des Rückholprogramms des Auswärtigen Amtes an diesem Wochenende nach Hause können.

Ein wunderschönes Land

Nepal ist ein wunderschönes Land, in dem wir freundlich aufgenommen wurden und viele nette Menschen kennenlernten.

Der überwiegende Teil der Menschen lebt auf dem Land. Sie leben vom Gemüse- und Getreideanbau, halten Kühe und Ziegen, sind Selbstversorger und finanzieren größere Anschaffungen von den Überweisungen der Söhne und Väter, die im Ausland arbeiten. Nepal hat keine nennenswerte Industrie. Die ländliche Bevölkerung lebt überwiegend in sehr einfachen Verhältnissen. Nicht selten werden noch mit dem Holzpflug und einem Wasserbüffel die kleinen Felder bestellt. Während der Monsun-Zeit im Sommer werden die Felder geflutet und dort das wichtigste Grundnahrungsmittel, der Reis, angebaut.

Gern haben uns die Nepalesen in der immer schwieriger werden Situation im Rahmen ihrer Möglichkeiten geholfen. Ihr eigenes Schicksal nehmen die meisten Menschen an. Was uns zeigte, dass man auch, wenn man nur wenige Dingen besitzt, ein glückliches Leben führen kann. Und noch etwas haben wir gelernt: In Nepal gibt man sich bei der Begrüßung nicht die Hand, nimmt sich nicht in den Arm, hält körperlich Abstand und trägt, das sahen wir im Verlauf unseres Besuches immer häufiger, gerade in den Städten einen Mundschutz. Das taten wir nun, bei unserer Ankunft in Deutschland, auch.

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