Von der Kunst, Wildpferde zu verstehen

Hattorf.  Mit Ruhe und einer sicheren Haltung trainiert Katharina Geisenhainer mit Pferden, die nicht an Menschen und Reiter gewöhnt sind.

Katharina Geisenhainer arbeitet auf intuitive Weise mit Pferden. Ihre aktuellen Schützlinge sind Zweijährige aus der „Thüringeti“.

Katharina Geisenhainer arbeitet auf intuitive Weise mit Pferden. Ihre aktuellen Schützlinge sind Zweijährige aus der „Thüringeti“.

Foto: Felix Gräber / HK

Auf einer Weide zwischen Wulften und Hattorf grasen die beiden Tiere, zwei noch junge Pferde. Sie stammen aus der „Thüringeti“, einer freien Weidelandschaft, in der die Tiere praktisch ohne Kontakt zu Menschen wie Wildpferde natürlich aufwachsen.

In ihrer Mitte bewegt die junge Frau sich sicher. Mit gerader, aufrechter Haltung geht sie zwischen den Tieren umher, deren Widerrist fast genau so hoch ist wie die 23-Jährige groß. Manchmal schnalzt sie leise mit der Zunge, streicht den Tieren über die Flanke, immer konzentriert. Dann wieder hebt sie bloß den Finger, steht dabei aufrecht oder geht langsam zur Seite. Mehr ist von außen nicht zu erkennen, aber die Pferde reagieren selbst auf diese kleinen Zeichen.

Sie folgen dem erhobenen Zeigefinger, gehen langsam im Kreis. Dabei behalten sie ihre Trainerin meist im Blick. Ansonsten reagieren sie jedoch auch schon auf die akustischen Signale, die Katharina Geisenhainer ihren Schützlingen gibt.

Schon früh erste Erfahrungen im Umgang mit Pferden entwickelt

Die junge Frau trainiert bereits seit längerem Pferde, die mit problematischem Verhalten auffallen, oder erarbeitet mit Tieren, die nicht an Menschen gewöhnt sind, die Grundlagen des Umgangs mit ihren Reitern. Selbst reitet sie seit sie sechs Jahre alt war. Bereits im Alter von neun bekam sie ihr erstes eigenes Pferd. Ein Wildfang, der anfangs viele Probleme machte. „Er war sehr schwierig“, erzählt sie. Doch mit dem jungen Hengst begann sie, ihre eher unkonventionelle Technik zu entwickeln, mit der sie heute auch andere Pferde erfolgreich trainieren kann.

Das Ziel ihrer Arbeit mit den Tieren sei dabei immer unterschiedlich, meint die Studentin aus Göttingen. Es komme ganz darauf an, wofür das Pferd in erster Linie genutzt werden soll. „Es ist immer wieder eine neue Herausforderung“, sagt sie. Jedes der Pferde sei individuell, „sie haben verschiedene Charaktere“.

Oft könne sie mit ihrer Bodenarbeit – so der Fachbegriff für das Training mit Pferden, wie der Name sagt eben am Boden – auch die Ausbildung von Reitpferden entscheidend ergänzen: „Was man erarbeitet hat, kann man auch gut aufs Reiten übertragen“, meint Geisenhainer. Das wiederum wirke sich dann positiv auf die gesamte Beziehung zwischen Mensch und Tier aus. „Mut haben und Vertrauen schenken. Dann gibt einem das Pferd ganz viel zurück“, fasst sie das Konzept zusammen.

Tiere flüstern, das ist heute hochmodern, nicht nur bei Pferden, wie im Spielfilm von 1998. Auf mehreren Fernsehkanälen wird Tierhaltern geholfen, ob von Hund oder Katze, Groß- oder Kleinvieh, Sendungen aus deutscher Produktion oder internationale, alles ist mit dabei. Gegenüber der medialen Vermarktung von Tieren und prominenten Trainern will Geisenhainer zurück zum ursprünglichen Umgang mit den Pferden. Ihre Herangehensweise dabei: „Mit ihnen kommunizieren, wie sie das untereinander auch machen.“

Diese Grundlagen des Trainings mit Pferden geht auf den Amerikaner Pat Parelli zurück. Der ehemalige Rodeoreiter gilt als einer der Erfinder des „Natural Horsemanship“, einem Trainingsprogramm, das besonders auf den natürlichen und tiergerechten Umgang mit dem Pferd ausgerichtet ist. Viele der Techniken, die auch Geisenhainer verwendet, sind Parellis System entlehnt.

Wie genau sie es macht, ruhig und gelassen mit den Pferden umzugehen, sie mit Gesten und Geräuschen dazu zu kriegen, zu tun, was sie will, kann die Studentin teilweise selbst nur schwer in Worte fassen. „Das ist am Ende Konditionierung“, erklärt sie. Mit der Zeit würden die Tiere lernen, welche Reaktion sie auf welches Kommando erwartet. Sanft steuert sie die Tiere dafür zunächst auch über direkten Körperkontakt, schiebt sie zur Seite oder lockt die Tiere mit offener Hand, ihr zu folgen.

Dominantes Auftreten entscheidet über Rangfolge – auch zu Menschen

Es gehe ihr vor allem darum, „dem Pferd gerecht zu werden“. Sie stellt sich dafür individuell auf die einzelnen Tiere ein, arbeitet mit jedem in der Art, wie das Pferd am besten lernt, und in dem Tempo, das es vorgibt. „Ich versuche am Anfang wenig abzufragen“, sagt die Göttinger Studentin. Zuerst gehe es darum, einander kennenzulernen.

Dann erst macht sich Geisenhainer eine Vorstellung davon, wie ein neuer Schützling etwa auf Kommandos, Gesten und Geräusche reagiert. Entsprechend passt sie ihre Arbeitsweise an, bringt den Tieren bei, welche Reaktion sie bei welchem Signal erwartet.

Wenn Katharina Geisenhainer bei den Vierbeinern auf der Weide ist, scheint sich ihr Auftreten zu verändern. Im Gespräch macht sie einen der Unterschiede deutlich. Mit einer Körperhaltung wie der sprichwörtliche Schluck Wasser habe sie nicht die nötige Präsenz, um mit den Tieren zu kommunizieren. Dabei macht sie den Rücken rund, lässt Kopf und Schultern hängen, fällt in sich zusammen.

In der Trainingssituation hingegen steht sie betont aufrecht, macht sich groß, breitet die Arme aus. Sie nimmt mehr Raum ein. „Ich arbeite auch gerne mit Stick. Mit der Gerte kann ich mich länger machen“, verrät sie. Beispielsweise könne sie mit Hilfe eines Sticks leichte Kommandos an der Hinterhand geben, dabei aber im Blickfeld des Pferdes bleiben.

Auf ein raumgreifendes Auftreten kommt es unter anderem an. Zudem habe es auch „viel mit Rangordnung zu tun“. Um die führende Stellung gegenüber den Tieren einzunehmen, passt sie ihr eigenes Verhalten ihnen an und tritt betont dominant auf, achtet dabei aber auf die Bedürfnisse der Vierbeiner. „Wenn ich mich groß mache, funktioniert das schon“, sagt Geisenhainer.

Alternative Wege bei der Ausbildung bringen positive Effekte

Neben der Bodenarbeit reitet die 23-Jährige auch im Training auf den Tieren. Weil sie beide Seiten – die Bodenarbeit und den Reitsport – aus eigener Erfahrung kennt, kann sie auch einschätzen, wie eines das andere beeinflusst. Selbst habe sie bereits öfter erlebt, dass die Bodenarbeit gerade von reinen Reitsportlern oft belächelt werde. „Man sollte manchmal auch alternative Wege gehen“, meint die Studentin dazu. Denn ob für die Reiter oder bei der Bodenarbeit gelte: „Man muss dem Pferd vertrauen.“ Mensch und Tier müssen nicht nur gut aufeinander eingespielt sein, sich kennen und wissen, wie der jeweils andere reagiert. Je nach Situation ist es im engen Zusammenspiel mit dem Pferd auch notwendig, sich auf den Vierbeiner verlassen zu können.

Bei ihren Übungen mit den Pferden passt sie sich jedoch nicht nur an das jeweilige Tier an. Auch das Ziel ist entscheidend und bestimmt die Form des Trainings. Es komme dabei vor allem auf die Vorgaben des Besitzers und dessen Pläne an.

Letztlich würde es aber meistens auf das Gleiche hinauslaufen. „Jeder möchte ein gelassenes und zufriedenes Pferd“, sagt die junge Frau aus Göttingen. Entsprechend bildet dies auch immer die Grundlage ihres Herangehens. „Sie hat ein gutes Händchen fürs Pferd, einen guten Draht“, attestiert Bettina Gänzler vom Reitparadies Wulften. Die beiden Pferde, um die sich Geisenhainer aktuell kümmert, gehören ihr. Für den Reithof bietet sie außerdem Kurse an, in denen sie Interessierten die besondere Art der Bodenarbeit vermittelt.

Zwischen Pferdekoppel und Hörsaal in der Universitätsmedizin

Wenn sie ihre Zeit gerade nicht bei ihren Schützlingen auf der Koppel verbringt, studiert Geisenhainer an der Göttinger Universitätsklinik Medizin. Spezialisieren will sie sich wahrscheinlich auf den Bereich der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie.

Dass es sie dazu in die südniedersächsische Kreisstadt verschlagen hat, war nicht geplant. „Wo man genommen wird, da geht man hin“, so erklärt sie gut gelaunt die Wahl ihres Studienorts. Die Arbeit mit den Huftieren ist jedoch nach wie vor ihre große Leidenschaft. „Ich wollte schon immer was mit Pferden machen“, sagt sie.

Die beiden Tiere, die Katharina Geisenhainer aktuell betreut und ausbildet, sind praktisch Wildpferde. Sie stammen aus einem freien Weidegebiet in Thüringen, der sogenannten „Thüringeti“.

Dort leben Pferde, aber auch Rinder, Schafe und Ziegen praktisch ohne Kontakt zu Menschen. Einmal im Jahr werden die besonderen Reittiere versteigert. Das Leben fernab des menschlichen Einflusses wirke sich positiv auf sie aus: „Sie sind extrem ruhig und ausgeglichen. Locker, frei und ohne Druck“, erzählt die Göttingerin über ihre beiden Schützlinge. Gerade, weil sie nicht an Menschen gewöhnt sind, brauche es jedoch auch eine besondere Herangehensweise, um sie Schritt für Schritt auf ihre Reiter sowie ganz allgemein auf den Kontakt zu Menschen um sie herum einzustellen.

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