Prozess um einbetonierte Leiche: Wie Vater einen Mord aufdeckte

Göttingen  Tod einer Seniorin in Herzberg: 53-Jähriger brachte Polizei auf die Spur eines Gewaltverbrechens. Er glaubte Angeklagtem nicht und wurde misstrauisch.

Ein 47-Jähriger steht vor Gericht, weil er seine Mutter in seinem Elternhaus in Herzberg ermordet haben soll.

Ein 47-Jähriger steht vor Gericht, weil er seine Mutter in seinem Elternhaus in Herzberg ermordet haben soll.

Foto: Thomas Kügler / HK

Wer als Zeuge vor Gericht aussagt, muss anfangs erklären, ob er mit dem oder der Angeklagten verwandt oder verschwägert ist. Auch in dem seit November laufenden Prozess um eine einbetonierte Leiche in Herzberg vor dem Landgericht Göttingen wird allen Zeugen diese Frage gestellt. Die meisten sagen nur: „Nein.“ Nicht so der Zeuge, der am Freitag geladen war. „Verwandt? Gott sei dank nicht!“, erklärte der 53-Jährige.

Der Zeuge spielt in dem Verfahren eine besondere Rolle: Er war es, der durch hartnäckige Recherchen dafür gesorgt hat, dass die Polizei dem Gewaltverbrechen in Herzberg auf die Spur kam. Der 53-Jährige hatte eigentlich seine Tochter retten wollen, die sich in den Angeklagten verliebt hatte und mit diesem nach Schweden gezogen war. Der Vater hatte herausgefunden, dass der neue Freund offenbar ein notorischer Lügner und Betrüger war – und deckte am Ende einen Mord auf.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, im September 2017 seine Mutter in ihrem Wohnhaus in Herzberg aus Habgier ermordet zu haben, weil sie seinen Lebensunterhalt nicht weiter habe finanzieren wollen. Um das Verbrechen zu vertuschen, habe er ihre Leiche in einer Blumenbank einbetoniert. Die Polizei fand den Leichnam erst sieben Monate später, nachdem der 53-Jährige von seinem Verdacht berichtet hatte.

Die Tochter hatte den Angeklagten rund zwei Monate vor der Tat kennengelernt. Sie sei extrem verliebt gewesen, hatte sie vor Gericht erklärt. Der 47-Jährige zog kurz darauf zu ihr nach Hannover, wenig später brachte er Verlobungsringe. Dem Vater ging alles viel zu schnell: „Lernt Euch erstmal richtig kennen“, habe er seiner Tochter gesagt. Diese habe seinen Rat allerdings nicht befolgt. Der Angeklagte habe stets so getan, als ob Geld für ihn keine Rolle spiele und er reichlich damit verdiene, dass er für Autokonzerne Betriebsanleitungen übersetze, berichtete der Zeuge. Außerdem habe dieser angeblich diverse Grundstücke besessen, „hier und da ein Häuschen, hier ‘ne Wohnung, da ‘ne Wohnung“. Den 53-Jährigen machten diese Geschichten allerdings stutzig: „Das ist ein Lügner und Betrüger, hab ich von Anfang an gedacht.“ Bei seinen Recherchen stieß er auf einen Zeitungsbericht, aus dem hervorging, dass der Freund seiner Tochter in Südafrika im Gefängnis gesessen hatte. Als er den Angeklagten darauf ansprach, behauptete dieser, dass er zu Unrecht inhaftiert gewesen sei und eine sehr hohe Geldsumme als Haftentschädigung bekommen habe.

Das Misstrauen des Vaters wurde noch größer, als das Paar Hals über Kopf nach Dänemark zog, dort heiratete und kurz darauf nach Schweden umsiedelte. „Was macht er, wovon lebt er, wie lebt ihr eigentlich?“, habe er seine Tochter bei den täglichen Telefonaten gefragt. Der Angeklagte habe immer nur ausweichend geantwortet und behauptet, dass er alles finanzieren könne. Da ihm das sehr suspekt vorkam, fuhr der Vater im April 2018 nach Herzberg, um die Eltern des 47-Jährigen kennenzulernen. Es machte ihm aber niemand auf, das Grundstück war verwahrlost. Er habe erfahren, dass der demente Vater in einem Heim lebte. Wo die Mutter war, wusste niemand. Er habe daraufhin die Polizei informiert, die indes noch keine hinreichenden Verdachtsmomente sah, um etwa eine Durchsuchung vornehmen zu können. Als der Angeklagte von den Nachforschungen erfuhr, meldete er sich bei der Polizei in Herzberg und teilte mit, dass seine Mutter bei ihm in Schweden lebe. Da seine Tochter davon nie etwas erzählt hatte, läuteten bei dem 53-Jährigen die Alarmglocken. Kurzentschlossen machte er sich auf den Weg nach Schweden. Sein Gefühl habe ihm gesagt: „Meine Tochter muss dort weg, und der Mutter ist definitiv was passiert.“

In einer konspirativen Aktion holte er seine Tochter zurück nach Deutschland, angeblich, um ihr eine Beziehungspause zu ermöglichen, weil sie inzwischen häufig Streit mit dem Angeklagten hatte. Erst jetzt erzählte er ihr, was er alles herausgefunden hatte: Dass der Angeklagte viel älter und sein Ausweis gefälscht war, dass die Kontoauszüge mit den hohen Plusbeträgen, die er ihr gezeigt hatte, gefälscht waren. Dass der Angeklagte kein Geld hatte und sich ständig von anderen Konten bediente – auch von ihrem. Die Tochter informierte dann die Polizei in Herzberg darüber, dass die Mutter des Angeklagten nie in Schweden gewesen war.

Daraufhin ließen die Fahnder das Haus durchsuchen. Spürhunde entdeckten die einbetonierte Leiche der 74-Jährigen.

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