Niedersächsische Landtagswahl

Grünen-Kandidatin: „Stephan Weil streut uns Gips in die Augen“

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Almut Mackensen (hinten) und Ursula Schäfer unterwegs im Südharzer Gipskarst.

Almut Mackensen (hinten) und Ursula Schäfer unterwegs im Südharzer Gipskarst.

Foto: Jann-Luca Künßberg / HK

Walkenried.  Almut Mackensen macht Wahlkampf im und für den Südharzer Gipskarst. Sie möchte für die Grünen und den Wahlkreis Göttingen/Harz in den Landtag.

„Stephan Weil streut uns Gips in die Augen, wenn er behauptet, der Gips-Kompromiss hätte Bestand“, sagt Almut Mackensen, die für die Grünen und den Wahlkreis Göttingen/Harz in den niedersächsischen Landtag einziehen möchte. Ministerpräsident Weil (SPD) hatte Mitte August im Interview mit unserer Zeitung gesagt: „Der Gipsfrieden gilt.“ Dabei entfällt im jüngst vom Kabinett der großen Koalition beschlossenen Landesaumordnungsprogramm (LROP) die Ausschlusswirkung für den Gipsabbau – und macht diesen zumindest durch die Hintertür in weiteren Gebieten möglich (wir berichteten).

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Davon ist auch der Südharzer Gipskarst betroffen, der als sogenannte Hotspot-Region mit besonders hoher Dichte an Tier- und Pflanzenarten mit Bundesmitteln gefördert wird. Daraus entsteht ein klarer Interessenkonflikt: Wo Gips abgebaut wird, kommt die Natur zu Schaden. Grund genug für Landtagskandidatin Almut Mackensen, Wahlkampf im Südharzer Gipskarst zu machen.

Moratorium für den Naturgipsabbau

Die Grünen in Niedersachsen kritisieren das neue LROP seit der Entwurfsphase für die Änderungen im Gipsabbau, ihr Spitzenkandidat Christian Meyer sagte schon im Frühjahr: „Die Wunschliste der Gipsindustrie ist am Kabinettstisch durchgewunken worden.“ Dagegen möchte Almut Mackensen nun mobilisieren – sie fordert ein Moratorium für Naturgipsabbau als Bedingung für mögliche Koalitionsverhandlungen nach der Wahl.

„Es ist schon viel verloren gegangen, wir können politisch nur noch die Reste verteidigen“, sagt Mackensen über die Situation im Südharz. Dafür möchte sie den Gipskarst bekannter machen: Während der Karst mit seiner eindrücklichen Landschaft im Altkreis Osterode so gut wie allen bekannt ist, wüssten in Göttingen viele Menschen überhaupt nichts davon, so Mackensen.

Für mehr Aufmerksamkeit und vor allem für mehr Schutz möchte die Grünen-Politikerin den Südharzer Gipskarst zum Biosphärenreservat machen – „aber gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort.“ Ein solcher Status als Unesco-Modellregion brächte immerhin auch eine Schutzfunktion für den Karst mit sich.

Gipspreis soll auch gesellschaftliche Kosten beinhalten

Die gipsabbauenden Unternehmen möchte Mackensen zum Umlenken bewegen – zum Beispiel, indem auch externe Kosten im nach wie vor günstigen Naturgipspreis berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass auch die durch den Abbau entstehenden Schäden bepreist werden, der höhere Preis wiederum die Nachfrage senkt und andere, umweltfreundlichere Baustoffe sich am Markt leichter durchsetzen können.

Zwar renaturieren die Unternehmen schon ihre Abbaugebiete – „das ist mit der Biodiversität vor dem Abbau aber nicht vergleichbar.“

Zur Unterstützung hat Mackensen die Biologin Ursula Schäfer mit auf Wahlkampfexkursion genommen. Schäfer arbeitet in der Vernetzungsstelle Gipskarst des BUND. Auch sie fordert einen anderen Umgang mit dem Baustoff: „Die Industrie muss sich Richtung Recycling bewegen. Aktuell landet zu viel Gips auf der Mülldeponie, da gehört er nicht hin.“ Würde man Gips recyceln, wäre der Abbau nicht mehr nötig, ist Schäfers Argument. Die Biologin plädiert zudem für andere, umweltfreundlichere Baustoffe: „Alternativen gibt es genug.“

Was ist mit den Beschäftigten in der Gipsindustrie?

Aber was ist mit den Beschäftigten in der hiesigen Gipsindustrie? Da fehlen bislang die richtigen Konzepte. Umschulen auf einen Job im Bereich erneuerbarer Energien ist eine beliebte Antwort, die Facharbeiter im Gipsabbau kaum zufriedenstellen dürfte – nicht zuletzt, weil es entsprechende Unternehmen in der Region zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht gibt.

Aber, und das sind schlüssigere Antworten von Mackensen und Schäfer: Es sind durchaus auch andere Arbeitsplätze betroffen vom Gipsabbau. Die teilweise lauten Arbeiten im Bruch machten manche Ferienwohnung nur noch schwer vermietbar und eine heruntergewirtschaftete Natur im Südharz werde als touristisches Ziel unattraktiv.

Mackensen fordert Gipsausstieg bis 2045

Almut Mackensen fordert einen Gipsausstieg bis 2045. Das heißt: Ausstieg aus dem Naturgipsabbau. Dafür sollen zum Beispiel junge Unternehmen und Forschungsprojekte gefördert werden, die sich mit alternativen Baustoffen auseinandersetzen. Mit „Urban Mining“ könnte Gips zum Beispiel gebraucht aus ungenutzten Gebäuden gewonnen und wiederverwertet werden.

Die grüne Landtagskandidatin sorgt sich um die Natur in der Region, sorgt sich um das Klima auf der Welt. „Als neulich die Gewässer in Herzberg so gestunken haben, war die Aufregung groß. Da gehen die Bürgerinnen und Bürger gleich alle auf die Barrikaden“, sagt Almut Mackensen. „Manchmal wünschte ich, der Klimawandel stinkt. Dann würde endlich was passieren.“