Berlin. Alon Gat rannte mit seiner Tochter um sein Leben, weg von den Hamas-Kämpfern. Doch seine Schwester ist noch immer in ihrer Gewalt.

Geffen ist ein hübsches kleines Mädchen mit einem strahlenden Lächeln. Sie ist drei Jahre alt, und sie weiß mittlerweile mehr über das Böse in der Welt, als sie sollte.

Geffen hat zusammen mit ihrem Vater Alon den Angriff der Hamas-Terroristen auf den beschaulichen Kibbuz Be‘eri überlebt. Ihre Mutter Yarden war 54 Tage lang in den Fängen der Hamas. Damit auch der Rest der Welt von den Taten der Terroristen erfährt, ist Alon Gat unterwegs. In diesen Tagen besucht er Berlin, zusammen mit den Angehörigen anderer Geiseln, die noch immer in Hamas-Gewalt sind. Er will vor allem eines: Die Geiseln sollen freikommen. Denn Gats Tage des Horrors sind noch längst nicht vorbei.

Der 7. Oktober 2023 war ein Samstag. Geffen verbrachte das Wochenende des Feiertags Simchat Tora zusammen mit ihren Eltern Alon und Yarden Roman-Gat bei Geffens Großeltern im Kibbuz Be‘eri. Erst am Vortag war die kleine Familie von einer Auslandsreise zurückgekehrt. Gegen 7 Uhr endete dann das, was ein entspannter Familienmorgen hätte sein können: Hamas-Terroristen brachen in das Haus ein und nahmen Alon, Yarden, Geffen, ihre Großmutter Kinneret und ihre Tante Carmel gefangen.

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Israel: Geiseln riskierten alles – und sprangen aus dem Auto

Alon, Yarden und ihre kleine Tochter wurden in ein Auto verfrachtet und Richtung Gaza gefahren. Ein anderer Kibbuz-Bewohner war von den Terroristen noch in den Kofferraum geworfen worden. Als sie sich der Grenze zu Gaza näherten, musste das Auto anhalten, ein Panzer querte den Weg. Die Gats riskierten alles in diesem Moment – und sprangen aus dem Auto. Während sie rannten, überreichte Yarden Alon das Kind, weil er schneller rennen konnte als sie.

Die Hamas-Terroristen folgten ihnen und schossen auf sie. Yarden suchte Schutz hinter einem Baum und lenkte die Angreifer so von Alon und Geffen ab. Dort wurde sie schließlich aufgegriffen und nach Gaza verschleppt. Alon aber konnte entkommen. Er sprang mit seiner Tochter in einen nahegelegenen Graben.

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„Ich legte mich auf sie und warf Zweige, Äste und Dreck auf uns, um uns zu verstecken“, erinnert sich Alon bei einem Gespräch mit dieser Redaktion. „Geffen war ganz still.“ Minuten zuvor hatte Alon noch die Kugeln um sich herum einschlagen sehen, „nur zehn Zentimeter von uns, sie schlugen in den Bäumen neben uns ein“. Das Mädchen verstand das alles nicht. „Warum schießen die auf uns, Papa?“, fragte Geffen. „Weil sie uns töten wollen“, antwortete Alon. Einer Dreijährigen sagen zu müssen, dass jemand sie umbringen will – das findet er auch mehr als drei Monate später noch immer unbegreiflich.

Alon Gat mit dem Foto seiner noch immer gefangenen Schwester Carmel.
Alon Gat mit dem Foto seiner noch immer gefangenen Schwester Carmel. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

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Hamas-Geiseln: Schreckliche Szenen im Kibbiz Be‘eri

Es gelang dem Kind, ruhig zu bleiben. „Nur einmal weinte sie ein bisschen“, erinnert sich Alon. „Wir blieben acht Stunden lang in unserem Versteck, bis es dunkel war.“ Ohne Wasser, ohne etwas zu essen. Zu Anfang hörten sie noch Schritte, ab und zu auch ein Auto, die Terroristen suchten nach Israelis.

Bei Einbruch der Dunkelheit entschied Alon, dass sie den Heimweg antreten konnten. Die Hamas-Leute hatten ihm sein Telefon weggenommen, er hatte keine Ahnung, was im Kibbuz geschehen war. Ihr Versteck lag etwa sechs Kilometer von Zuhause entfernt. „Ich nahm Geffen auf meinen Rücken und trug sie, barfuß wie wir beide waren, zurück Richtung Be‘eri.“ Doch zwei Kilometer vor Be‘eri hörte Alon Schüsse, die Terroristen waren immer noch da. Alon und Geffen versteckten sich bis zum nächsten Morgen in einem nahe gelegenen Naturschutzgebiet. Erst dann fanden Soldaten der IDF die beiden.

Die Rückkehr in den Kibbuz offenbarte das schreckliche Schicksal der Familie Gat. Alons Mutter Kinneret war an einer Straßenecke des Ortes brutal ermordet worden. Ihr Ehemann Eshel hatte sich im Badezimmer versteckt und überlebte das Massaker. Ihre Tochter Carmel, Alons Schwester, wurde unterdessen von der Hamas in den Gazastreifen verschleppt, ebenso wie Yarden Roman-Gat. Yarden, die neben der israelischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, kam am 29. November nach 54 Tagen im Rahmen eines Gefangenenaustauschs frei – die später geplante Freilassung Carmels platzte jedoch.

Und so geht der Albtraum der Familie weiter, während der Schock über das Erlebte noch immer da ist. Alon Gat setzt sich für einen weiteren Gefangenenaustausch ein. Viele Israelis hoffen, dass es unter der Ägide Katars gelingen kann, noch einmal eine Waffenruhe zu erzielen.

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Israel: Proteste gegen Regierung – Netanjahu als „Gesicht des Bösen“ diffamiert

Am Samstag demonstrierten Tausende Menschen in Israel für die Rückkehr der Geiseln und stellten sich offen gegen die Politik Netanjahus. Die Demonstranten bezeichneten Netanjahu als „Gesicht des Bösen“ und verlangten Neuwahlen. Das Privat-Anwesen des Ministerpräsidenten in der israelischen Küstenstadt Caesarea wurde blockiert. Geisel-Angehörige nahmen auf der Straße vor dem Haus Platz und hielten Fotos der verschleppten Familienmitglieder in die Kameras. Auch vor seiner Residenz in Jerusalem versammelten sich Demonstranten. Sie glauben nicht, dass die Verschleppten auf militärischem Wege befreit werden können. „Wenn es so weitergeht, werden alle Geiseln sterben“, sagte der Demonstrant Avi Lulu Shamriz in Tel Aviv, der Vater der Geisel Alon Shamriz, die im Gazastreifen versehentlich von israelischen Soldaten erschossen worden war.

Im israelischen Caesarea sitzen Demonstranten vor dem Privathaus von Premierminister Benjamin Netanjahu. Sie fordern mehr Anstrengungen für die Freilassung der Geiseln.
Im israelischen Caesarea sitzen Demonstranten vor dem Privathaus von Premierminister Benjamin Netanjahu. Sie fordern mehr Anstrengungen für die Freilassung der Geiseln. © DPA Images | Leo Correa

Geffen fragt Alon jetzt manchmal, wenn er sie auf dem Rücken trägt: „So wie damals, als wir vor den Terroristen weggerannt sind?“

Geffens Trauma ist noch lange nicht verarbeitet. Doch das Martyrium von Kfir und Ariel Bibas dauert immer noch an. So vermuten es zumindest die Angehörigen der beiden rothaarigen Jungen, die zusammen mit ihren Eltern Yarden und Shiri Bibas aus dem Kibbuz Nir-Oz entführt wurden. Der kleine Kfir war gerade einmal neun Monate alt, Ariel ist vier Jahre alt. Kfir ist die jüngste Geisel in der Gewalt der Hamas. Es kursieren Bilder, wie Shiri Bibas ihre beiden Jungen in eine Decke gehüllt hat und von den Hamas-Terroristen weggebracht wird.

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Ofri Bibas Levy, Alon Gat und Iylon Keshet mit Bildern ihrer Angehörigen.
Ofri Bibas Levy, Alon Gat und Iylon Keshet mit Bildern ihrer Angehörigen. © FUNKE Foto Services | Reto Klar

Hamas-Terror: Baby entführt – lebt der kleine Kfir noch?

Am 18. Januar hätte Kfir seinen ersten Geburtstag feiern sollen. Mit Luftballons, Geburtstagskuchen und Kerzen. In Freiheit. Doch über sein Schicksal und das seiner Familie ist nichts bekannt. Seine Tante, Ofri Bibas Levy, hofft, dass sie noch leben. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie von Berichten, wonach die Familie in Geiselhaft bei einem israelischen Luftangriff auf Gaza ums Leben gekommen sei. Doch Ofri Bibas Levy hält das für Hamas-Propaganda, Beweise gebe es bislang nicht. Worüber sie sich allerdings keine Illusionen macht, ist die schlechte medizinische und hygienische Versorgung im Gazastreifen. Babys und kleine Kinder sind anfällig für Keime, Kfir hat vor der Geiselnahme noch nicht einmal ausschließlich feste Nahrung bekommen, er braucht regelmäßig frische Windeln.

Ein Geburtstagskuchen für den entführten Kfir Bibas: Der kleine Junge hatte am 18. Januar seinen ersten Geburtstag. Unterstützer feierten den Tag symbolisch, mit Kuchen und zahlreichen orangefarbenen Luftballons.
Ein Geburtstagskuchen für den entführten Kfir Bibas: Der kleine Junge hatte am 18. Januar seinen ersten Geburtstag. Unterstützer feierten den Tag symbolisch, mit Kuchen und zahlreichen orangefarbenen Luftballons. © AFP | Ahmad GHARABLI

„Ein Video, in dem die Terroristen ihm sagen, seine ganze Familie sei in Gaza getötet worden – das ist letzte Lebenszeichen, das wir von Yarden haben“, sagt Ofri Bibas Levyüber ihren Bruder. Von Shiri ist nichts bekannt. Manche Beobachter mutmaßen, die Kinder seien schon längst tot – die Terroristen würden sich von schreienden Babys und ihren panischen Müttern nicht stören lassen wollen. Daran wollen Ofri Bibas Levy und die anderen Angehörigen nicht einmal denken. Deshalb haben sie Kfirs Geburtstag trotzdem ein bisschen gefeiert.

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