Ramallah. Nach einer Gaza-Offensive droht Israel ein Krieg an mehreren Fronten. In der Westbank rumort es. Viele sehnen einen Aufstand herbei.

Der Junge wirbelt auf dem verrußten Asphalt neben den umgestürzten Containern um die eigene Achse und schleudert einen Stein in Richtung eines israelischen Militärfahrzeugs. In der Nähe stehen Krankenwagen der palästinensischen Gesundheitsbehörden. Aus sicherer Entfernung beobachten andere Männer an einer Tankstelle die Szene. Sie sind älter, die meisten in ihren Zwanzigern. Hinter dem gepanzerten israelischen Fahrzeug ragt die sechs Meter hohe Mauer auf, die bei Ramallah das Palästinensergebiet von Israel trennt. Es sind bekannte Bilder. Aber in diesen Tagen wirken sie wie Menetekel. Das Westjordanland könnte zu einer weiteren Front im Nahost-Krieg werden. Lesen Sie auch: Israel gegen die Palästinenser: Warum gibt es Krieg im Gaza?

Die Mauern und Zäune, die das Westjordanland heute von Israel trennen, wurden während der zweiten Intifada, dem Palästinenseraufstand Anfang der 2000er, errichtet, nachdem bei Selbstmordanschlägen auf Cafés oder Einkaufszentren Hunderte Israelis getötet worden waren. Nach dem Bau der Sperranlagen ging die Zahl der Selbstmordanschläge deutlich zurück. Für die meisten Palästinenser aber sind sie wie die illegal errichteten jüdischen Siedlungen oder die Präsenz israelischer Truppen in vielen Teilen des Westjordanlands Ausweis ihrer Unterdrückung.

Rauch steigt von einer brennenden Barrikade im Westjordanland auf: Niemand hier gesteht Israel ein Existenzrecht zu. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services
Rauch steigt von einer brennenden Barrikade im Westjordanland auf: Niemand hier gesteht Israel ein Existenzrecht zu. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services © Funke Foto Services | André Hirtz

Eine dritte Front nach Gaza und Libanon?

Nach der beispiellosen Terror-Attacke der Hamas und den militärischen Gegenschlägen der Israelis gegen Gaza, die schon Tausende Tote gefordert haben, droht jetzt ein neuer Aufstand im Westjordanland. Neben Gaza und der Grenze zum Süd-Libanon, wo die schiitische Hisbollah seit Tagen nach Israel schießt, könnte eine dritte Front eröffnet werden.

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Ramallah, der Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde, ist eine Stadt mit rund 35.000 Einwohnern. An diesem Mittwoch haben die meisten Geschäfte geschlossen. Nach der Explosion am Ahli-Arab-Krankenhaus in Gaza am Dienstag ist zu einem dreitägigen Generalstreik aufgerufen worden. Es riecht nach dem Abfall, der an den Straßen liegt und Rauch, der aus Containern wabert, in denen der Müll angezündet worden ist. Auf dem Al-Manara-Platz haben sich Hunderte Menschen versammelt. Die meisten sind jung, aufgeregt und wütend.

Radikalisierung nimmt zu, Hamas gewinnt Zulauf

Majdi hat sich eine Kufiya um den Kopf geschlungen, das schwarz-weiße Tuch, das zum Symbol für die Kämpfe der Palästinenser geworden ist. „Ich gehe davon aus, dass es hier zu einem Aufstand kommt“, sagt er. Angst hat er davor nicht. Er sehnt die Eskalation herbei. Majdi zeigt auf seine Schulter und seinen Unterschenkel. „Ich bin schon zweimal verwundet worden, hier oben habe ich vierzehn Splitter. Ich bin bereit zu kämpfen.“ In seiner Welt gibt es keinen Platz für jüdisches Leben in der Region.

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Die Radikalität der jungen Menschen hier auf dem zentralen Platz in Ramallah hat verschiedene Abstufungen. Beilasan, die mit ihren Freundinnen an dem Protest teilnimmt, sagt, sie habe kein Problem mit Juden. „Wir haben ein Problem mit der israelischen Regierung.“ In dem Palästina, das sie sich wünscht, würden alle Religionen akzeptiert werden, betont die 22-jährige Studentin. Der Staat Israel aber würde aufhören zu existieren.

Menschen demonstrieren auf dem Al Maiara Platz in Ramallah, einer Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten des Westjordanlandes der West Bank am Mittwoch 18. Oktober 2023. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services
Menschen demonstrieren auf dem Al Maiara Platz in Ramallah, einer Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten des Westjordanlandes der West Bank am Mittwoch 18. Oktober 2023. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services © Funke Foto Services | André Hirtz

Westjordanland: Zeichen stehen auf Sturm

Kein Gesprächspartner hier auf dem Platz gesteht Israel das Existenzrecht zu. Niemand verurteilt die Terror-Attacke der Hamas, die rund 1400 israelische Leben gekostet hat und die Ursache für die aktuelle Eskalation ist. Ein Massaker ist für die jungen Leute hier nicht der Angriff der Hamas, sondern die israelischen Luftangriffe auf Gaza. Auch interessant: Israel im Krieg: So riskant ist der Geiselpoker der Hamas

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„Natürlich sollten wir Angst haben vor dem was kommt, aber wir sollten jetzt auch der Besatzung entschlossen entgegentreten“, sagt Beisalan. Wütend sind die jungen Leute auch auf ihre eigene Führung unter dem Langzeitpräsidenten und Fatah-Politiker Mahmud Abbas. Ihm werfen sie vor, zu diplomatisch zu sein, mit Israel zusammenzuarbeiten und nichts für die Palästinenser zu erreichen.

Regierende Fatah steht unter Druck

Der Druck auf die im Westjordanland regierende Fatah, deren Sicherheitskräfte eng mit den israelischen kooperieren, wächst. Vor dem Amtssitz des Präsidenten demonstrieren am Dienstagabend Hunderte Menschen. Gäbe es Präsidentschaftswahlen im Westjordanland, würde Hamas-Chef Ismail Hanija deutlich vor Abbas liegen, ergab bereits im September eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung. Schlimmstenfalls könnte die Fatah zu der Analyse kommen, es sei für sie überlebensnotwendig, einen neuen großem Aufstand zu tolerieren, wen nicht sogar zu unterstützen.

Schon vor der Terrorattacke der Hamas auf die israelischen Gemeinden und Städte nahe dem Gazastreifen hatten die Spannungen in der Region zugenommen. Im Juli und September rücken israelische Truppen in das Flüchtlingslager bei Dschenin im Norden des Westjordanlandes ein, um gegen Terroristen vorzugehen. Aus Dschenin heraus hatte es zuvor Anschläge gegeben, bei denen mehrere Israelis ermordet worden waren. Die Israelis liefern sich heftige Feuergefechte mit Bewaffneten, zerstören zahlreiche Häuser und töten sechzehn Menschen.

Steinewerfer demonstrieren am Nordausgang von Ramallah, einer Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten des Westjordanlandes der West Bank am Mittwoch 18. Oktober 2023. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services
Steinewerfer demonstrieren am Nordausgang von Ramallah, einer Stadt in den Palästinensischen Autonomiegebieten des Westjordanlandes der West Bank am Mittwoch 18. Oktober 2023. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services © Funke Foto Services | André Hirtz

Keinerlei Mitgefühl für die israelischen Opfer

Seit dem 7. Oktober sollen nach Angaben der Gesundheitsbehörden der Autonomiebehörde im Westjordanland mindestens 75 Palästinenser bei Protesten getötet worden sein. Die israelischen Streitkräfte melden am Donnerstag bereits weit mehr als 500 Verhaftungen. Die jeweiligen Angaben sind nicht überprüfbar.

Die großen Checkpoints zwischen Israel und dem Westjordanland sind derzeit geschlossen. Auf einem Schleichweg gelangt man trotzdem von Ost-Jerusalem nach Betlehem. Am Mittwoch stehen etwa hundert Menschen in der gleißenden Mittagssonne vor der Geburtskirche. Es sind muslimische und christliche Palästinenser, unter ihnen auch Priester. Auch sie demonstrieren gegen das israelische Vorgehen im Gazastreifen. Mitri Raheb, lutheranischer Pastor und Präsident der Dar-al-Kalima-Universität, klagt: „Wir sehen in diesen Tagen Kriegsverbrechen, die an unseren Leuten begangen werden.“ Die „Grausamkeiten in Gaza“ müssten sofort beendet und den Palästinensern ein Leben in „Gerechtigkeit, Freiheit, Selbstbestimmung und Würde“ ermöglicht werden.

Menschen mit Palästina-Flagge im Westjordanland. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services
Menschen mit Palästina-Flagge im Westjordanland. Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services © Funke Foto Services | André Hirtz

„Der Krieg hat bereits angefangen“

Auch Raheb macht Israel für die Explosion am Krankenhaus in Gaza verantwortlich. Es gibt für die Menschen im Westjordanland keinen Zweifel daran, dass es von den israelischen Streitkräften bombardiert wurde. Die von Israel vorgelegten Videos, Bilder und Analysen, die darauf schließen lassen, dass eine fehlgeleitete Rakete des Islamischen Dschihads auf dem Parkplatz des Krankenhauses eingeschlagen ist, werden als Propaganda abgetan.

Die Demonstranten an der Geburtskirche tragen Schilder, auf denen politische Führer des Westens bezichtigt werden, für einen „Völkermord“ verantwortlich zu sein. Issam, 62, hält ein Schild in die Höhe auf dem steht: „Die Hände Deutschlands sind genauso blutig wie die Israels“. Er hat in Weimar studiert, spricht ein wenig Deutsch. „Deutschland unterstützt Israel, das gerade ein Massaker im Gazastreifen durchführt“, behauptet er.

Wie die jungen Demonstranten in Ramallah kann sich auch Issam nicht zu einer Verurteilung der Hamas und des Überfalls vom 7. Oktober durchringen. Er reagiert wütend auf die Frage, ob die Tötung von Kindern, Frauen und Männern als Terror zu bezeichnen ist. Seit 1948 seien Abertausende Palästinenser von den Israelis getötet worden. „Gaza ist ein großes Gefängnis. Das palästinensische Volk hat ein Recht, gegen die Besatzung zu kämpfen.“ Issam glaubt auch: „Der Krieg in der Westbank hat bereits angefangen.“ Das könnte Sie auch interessieren: Bodenofffensive in Gaza: Die fünf großen Risiken der Israelis in Gaza