Iran

Proteste im Iran: Aktivisten gehen von mehr als 50 Toten aus

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Proteste im Iran wegen Tod einer Frau gehen weiter

Proteste im Iran wegen Tod einer Frau gehen weiter

Es sind die größten Proteste im Iran seit fast drei Jahren. Seit dem Tod einer von der Sittenpolizei festgenommenen Frau vor rund einer Woche gibt es täglich in vielen Städten des Landes Demonstrationen.

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Berlin.  Iranische Behörden geben die Zahl der Toten offiziell mit 17 an. Der Geheimdienst droht Demonstranten, doch die wollen weitermachen.

Bei der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Iran nach dem Tod von Mahsa Amini sind nach Angaben von Menschenrechtsaktivisten bislang mindestens 50 Menschen getötet worden. Zuletzt seien sechs Menschen am Donnerstagabend in Reswanschahr in der nordiranischen Provinz Gilan von Sicherheitskräften erschossen worden, teilte die Organisation Iran Human Rights (IHR) mit Sitz in Oslo am Freitag mit.

Auch aus den nordiranischen Ortschaften Babol und Amol seien Todesfälle gemeldet worden. „Die internationale Gemeinschaft muss der iranischen Bevölkerung gegen eines der repressivsten Regime unserer Zeit beistehen“, forderte IHR-Leiter Mahmood Amiry-Moghaddam. Die iranischen Behörden geben die Zahl der Toten offiziell mit 17 an, darunter seien fünf Sicherheitskräfte.

Die iranischen Behörden hatten als Reaktion auf die Proteste den Zugang zum Internet eingeschränkt und Online-Netzwerke blockiert. Der iranische Geheimdienst ließ auch am Freitag keinen Zweifel aufkommen: Er warnte vor der Teilnahme an „illegalen Versammlungen“. Die Regierung in Teheran hatte die Sicherheitskräfte angewiesen, bei den landesweiten Protesten hart durchzugreifen. Dennoch gehen Demonstrierende weiterhin auf die Straße. Eine weitere Eskalation des Konflikts scheint unausweichlich.

Iran: Frauen rasieren ihre Haare ab

Parisa (Name aus Sicherheitsgründen geändert, aber der Redaktion bekannt), Anfang 30, ist seit Tagen in der Hauptstadt Teheran dabei. „Meine Wut hat meine Angst aufgefressen“, sagt sie beim Telefonat mit unserer Redaktion. Alle seien nach sieben Nächten müde, aber: „Die beiden Seiten wissen: Wer die Straßen früher verlässt, der verliert.“ Sie habe nicht vor zu verlieren: „Die Hoffnung ist viel größer als am Anfang der Welle.“

Seit dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini reißen sich die Frauen in zahlreichen Städten des Landes ihr Tuch vom Kopf, werfen es ins Feuer, rasieren sich symbolisch die Haare ab und stellen sich voller Wut jeden Abend der Staatsmacht entgegen. Die junge Kurdin war von der Sittenpolizei wegen eines Verstoßes gegen die strenge islamische Kleiderordnung festgenommen worden und starb kurz darauf im Polizeigewahrsam.

Was genau mit ihr nach ihrer Festnahme geschah, ist unklar. Sie wurde bewusstlos, fiel ins Koma, kam in ein Krankenhaus. Die Familie und Menschenrechtler werfen der Religionspolizei vor, Gewalt angewendet zu haben, die Polizei weist das zurück.

Iran: Bilder von Ajatollah Ali Chamenei zerstört

Der iranische Präsident Ebrahim Raisi versprach noch bei den Vereinten Nationen in New York, der Tod der jungen Frau werde jetzt unabhängig untersucht. Er betonte, es gebe Meinungsfreiheit im Iran, aber „Akte des Chaos“ würden nicht geduldet.

Doch die Iranerinnen und Iraner auf der Straße scheint das nicht zu interessieren. Abend für Abend weiten sich die Proteste aus und sind zu einer gefährlichen Herausforderung für die iranische Führung geworden. Um das Kopftuch geht es längst nicht mehr.

Die Demonstranten reißen Bilder des religiösen Oberhaupts, Ajatollah Ali Chamenei, von der Wand und rufen „Tod dem Diktator“. Mülltonnen und Polizeiautos gehen in Flammen auf, es wird scharf geschossen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch starben bereits mehr als 30 Menschen, unter ihnen Minderjährige und auch Sicherheitskräfte.

Kaum noch Zugang zum Internet

Bereits am Donnerstag wurde der Internetzugang gesperrt, um die Kommunikation untereinander und auch nach draußen zu erschweren. Trotzdem sind die Menschen, mindestens die Hälfte Frauen, bis weit nach Mitternacht auf der Straße gewesen, erzählt Farideh (Name geändert).

Sie ist Mitte 20, protestiert jeden Abend in Täbris. „Die Zahl der Sicherheitskräfte ist unglaublich“, sagt sie am Telefon. Die Menschen seien einfach nur schweigend durch die Straßen gelaufen, „weil die Polizei angreift, sobald sich Gruppen bilden. Wir lernen langsam neue Protestwege.“ Es sei schon sehr viel erreicht worden in dieser Woche. „Die Autorität der Sicherheitskräfte ist verletzt.“ Jetzt gehe es um mehr als um die Abschaffung des Schleiers: „Wir können das Ganze stürzen.“

Die wirtschaftliche Lage der Menschen im Iran ist verheerend

In den Videos, die bis vor Kurzem noch in den sozialen Medien zu sehen waren, sind die Parolen der „Grünen Revolution“ von 2009 zu hören: „Wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht. Wir sind alle zusammen.“

Der unbändige Zorn vor allem der jungen Frauen trifft auf eine desillusionierte Gesellschaft. 2019 sind die Iraner wegen der explodierenden Benzinpreise auf die Straße gegangen. Heute ist die wirtschaftliche Lage vieler Menschen auch durch den Krieg in der Ukraine noch schwieriger geworden.

Irans Regierung unter enormem Druck

Farsaneh (31, Name geändert), Englischlehrerin an einer Sprachschule in Teheran, sagte in einem Gespräch mit unserer Redaktion schon lange vor der jüngsten Protestwelle: „Unser Alltag ist vom Gedanken geprägt, wie wir die Mullahs von der Macht jagen können.“

Die Regierung von Ebrahim Raisi steht seit Monaten unter enormem Druck. Nach offiziellen Angaben haben nur 37 Prozent der Iraner bei der Präsidentschaftswahl 2021 ihre Stimme abgegeben. Viele Iraner waren zu Hause geblieben, weil sie sich von einer Wahl nichts mehr versprachen. Nun fordern Demonstranten den Sturz des islamischen Regimes im Iran und die Trennung von Staat und Religion. Das kann die Regierung nicht unbeantwortet lassen.

Iranische Regierung organisiert den Gegenprotest

Am Freitag gingen nach Angaben der Staatsmedien Tausende Menschen zur Unterstützung der Regierung auf die Straße. Im Staatsfernsehen war zu sehen, wie sie nach dem Freitagsgebet in zahlreichen Städten demonstrierten. Sie riefen laut staatlicher Nachrichtenagentur Irna „Tod Amerika“, „Tod Israel“ und „Unser Volk ist wach und hasst Unruhestifter“. Die Regierung hatte den Protest als Antwort auf die Unruhen organisiert.

Firoozeh Farvardin, iranische Soziologin, die in Berlin über iranische Frauenbewegungen forscht, glaubt nicht, dass sich die Lage schnell wieder beruhigt. Vor allem in den Großstädten hätten die Proteste die Nachbarschaften erreicht. Das bedeutet, dass unterschiedliche soziale Schichten einbezogen sind. „In der Nachbarschaft ist es für die Sicherheitskräfte schwerer, die Lage in den Griff zu bekommen.“

Von Anfang an sei es bei diesem Aufstand „um das ganze System“ gegangen. „Wenn man die Abschaffung des Hidschab-Zwangs fordert, fordert man automatisch den Sturz der Islamischen Republik“, sagt sie unserer Redaktion. Sie spricht von einem historischen Moment des „Es reicht!“. (mit afp)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.