Kommentar

Aufstand im Iran: Für das Land geht es jetzt ums Ganze

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Proteste im Iran wegen Tod einer Frau gehen weiter

Proteste im Iran wegen Tod einer Frau gehen weiter

Es sind die größten Proteste im Iran seit fast drei Jahren. Seit dem Tod einer von der Sittenpolizei festgenommenen Frau vor rund einer Woche gibt es täglich in vielen Städten des Landes Demonstrationen.

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Berlin.  Die Mullahs haben die Proteste der Frauen völlig unterschätzt. Warum sie mit Änderungen am Sittengesetz nicht mehr zu stoppen sind.

Vergleiche hinken bekanntlich – auch dieser. Als sich der tunesische Gemüsehändler Mohamed Bouazizi am 17. Dezember 2010 in Sidi Bouzid aus Verzweiflung über die Willkür von Polizei und übermächtigem Staat selbst verbrannte, setzte eine Revolution ein. Sie führte in Tunesien zum Sturz von Machthaber Ben Ali – nach 23 Jahren diktatorischer Herrschaft. In der Geschichte ist die Selbstverbrennung verewigt als Beginn der Arabellion.

Im Iran hat der Tod einer jungen Frau eine der größten Protestwellen der vergangenen Jahre ausgelöst. Mahsa Amini hat sich nicht selbst getötet. Die Religionspolizei hatte die Kurdin festgenommen. Angeblich schaute an einer U-Bahn-Station Haar unter ihrem Kopftuch heraus. Sie starb im Polizeigewahrsam.

Iran: Die junge Kurdin ist zu einem Symbol geworden

Die locker sitzende Kopfbedeckung ist wie eng anliegende Kleidung nach den strengen Sittengesetzen der Islamischen Republik verboten. Doch viele Frauen hielten sich in der Vergangenheit nicht penibel daran und die Religionspolizei sah oft darüber hinweg. Doch seit Ebrahim Raisi 2021 Präsident wurde, hat sich das radikal geändert. Die Sittenwächter dringen sogar in Krankenhäuser ein, um die Einhaltung der Kleidungsvorschriften zu kontrollieren. Sie begnügen sich dabei nicht nur mit Ermahnungen.

Auch deshalb spielt es schon keine Rolle mehr, ob Mahsa Amini wegen einer Vorerkrankung einfach das Bewusstsein verlor, wie die Polizei behauptet, oder zu Tode geprügelt wurde, wovon die Familie überzeugt ist. Ihr Tod vor einer Woche war der Funke, der einen Flächenbrand verursacht hat. Die Kurdin ist zu einem Symbol geworden.

Der Aufstand ist gefährlich für die Mullahs

Die Wut der Frauen, aus Sicht des Regimes nichts wert zu sein, stellt sich ihrer Todesangst entgegen. Und mit der wachsenden Verzweiflung, mit der Empörung über die permanenten Bevormundungen schwindet die Furcht. Das macht diesen Aufstand für die Mullahs so gefährlich.

Längst sind es nicht mehr die jungen Frauen, die ihren Zorn herausschreien, auch die älteren trauen sich inzwischen auf die Straße. Und viele Männer unterstützen den Protest in Städten im ganzen Land. Denn es geht nicht mehr nur um das Kopftuch – es geht um alles.

Mit Ankündigungen ist der Aufstand nicht zu stoppen

Bisher hat das Regime alle Aufstände mit großer Gewalt und Brutalität niedergeschlagen. Mehr als 300 Tote waren nach den Protesten von 2019 zu beklagen. Damals entzündete sich der Protest an den hohen Benzinpreisen und der wirtschaftlichen Not vieler Menschen. Und die hat sich durch die Pandemie und seit dem Krieg in der Ukraine noch einmal verschärft. Auch jetzt spricht alles dafür, dass es nun, nach der Rückkehr von Präsident Raisi von den Vereinten Nationen, nicht anders sein wird.

Denn mit Ankündigungen, den Tod Mahsa Aminis unabhängig untersuchen zu lassen und die Bekleidungsvorschriften zu überdenken, ist dieser Aufstand nicht mehr zu stoppen. Das ahnt die Führung in Teheran inzwischen offenbar auch.

Die Frauen verdienen Unterstützung

Über WhatsApp und andere Dienste sind die Menschen im Iran kaum noch zu erreichen. Der Internetzugang wurde massiv eingeschränkt, um die Kommunikation untereinander und nach außen zu erschweren. Das ist kein gutes Zeichen.

Um das Atomabkommen zu retten, scheint sich der Westen bisher zurückzuhalten. Aber die Menschen, die auf den Straßen im Iran jeden Abend ihr Leben riskieren, verdienen mehr Unterstützung. Noch ist offen, ob der Aufstand der Frauen zu einer Revolution gegen die Mullahs wird. Sicher sein kann sich Ajatollah Chamenei aber nicht mehr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.