Einkommen

Rente: Altersarmut ist binnen drei Jahren stark angestiegen

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So sieht das neue Bürgergeld aus

So sieht das neue Bürgergeld aus

Ab Januar heißt Hartz IV nicht mehr Hartz IV, sondern Bürgergeld. Neben dem neuen Namen gibt es noch weitere Änderungen. So soll der Regelsatz auf 502 Euro steigen und die Sanktionen fallen künftig milder aus.

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Berlin.  Laut Statistischem Bundesamt ist die Altersarmut binnen drei Jahren stark gestiegen. Armutsgefährdet sind aber auch andere Gruppen.

Das Risiko von über 65-Jährigen, unter die Armutsgrenze zu fallen, ist in den vergangenen drei Jahren sprunghaft angestiegen. Dies geht aus einer Auswertung des Statistischen Bundesamtes auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die unserer Redaktion vorliegt. Die Linke fordert angesichts dieser Entwicklung schnelle Hilfen für Rentnerinnen und Rentner. Die Armutsstatistik zeigt jedoch: Es gibt weitaus mehr armutsgefährdete Gruppen.

Im Jahr 2018 lag die Armutsgefährdungsquote von über 65-Jährigen bei 14,7 Prozent. Im Jahr 2021 stieg sie auf 17,4 Prozent an – eine Steigerung um 18,4 Prozent. Damit ist rund jede sechste Person in Deutschland, die 65 Jahre oder älter ist, armutsgefährdet. Der Paritätische Wohlfahrtsverband spricht von einem historischen Rekordniveau.

Rentnerinnen besonders häufig von Altersarmut betroffen

Als armutsgefährdet gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens des Gesamteinkommens in Deutschland zur Verfügung hat. Laut Statistischem Bundesamt lag dieser Wert für eine alleinlebende Person in Deutschland im Jahr 2021 bei 1.251 Euro netto im Monat, bei zwei Erwachsenen mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 2627 Euro netto monatlich.

Vor allem ältere Frauen sind der Auswertung zufolge deutlich häufiger von Armut bedroht als noch vor vier Jahren. Im Jahr 2018 lag die Armutsgefährdungsquote bei den Über 65-jährigen Frauen bei 16,4 Prozent, im Jahr 2021 bei 19,3 Prozent. Bei den über 65-jährigen Männern stieg die Armutsgefährdungsquote im selben Zeitraum von 12,7 auf 15,1 Prozent an.

„Frauen haben generell geringere Rentenansprüche, weil sie im Vergleich zu Männern weniger Rentenbeiträge bezahlen“, erklärt Andreas Aust, Referent für Sozialpolitik beim Paritätischen Gesamtverband. Frauen werden in der Regel schlechter entlohnt und leisten sogenannte Care-Arbeit – erziehen also Kinder oder pflegen Angehörige.

Linkspartei fordert eine Mindestrente von 1200 Euro

Die Linke im Bundestag fordert von der Bundesregierung angesichts der Entwicklung der Altersarmut schnelle Hilfen. „‘Die stabilen Renten‘ des Bundeskanzlers sind ein Märchen. Altersarmut explodiert“, sagte der Linksfraktionsvorsitzende Dietmar Bartsch unserer Redaktion.

Im Winter drohe eine Altersarmutslawine über Deutschland zu rollen. „Die Grundrente reicht nicht, sie sollte zu einer armutsfesten, solidarischen Mindestrente von 1200 Euro wie etwa in den Niederlanden ausgebaut werden“, forderte Bartsch. Zugleich sprach sich der Linksfraktionschef für einen Preisdeckel für Gas und Strom aus.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, fügt die Forderung hinzu, einen nicht anzurechnenden Freibetrag von 224,50 Euro auf Einkommen aus der gesetzlichen Rentenversicherung für Grundversicherungsempfangende zu gewähren sowie Erwerbsminderungsrentnerinnen und -rentner besser zu unterstützen.

„Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht bis zur Regelaltersgrenze arbeiten kann, darf nicht mit hohen Abschlägen auf die Rente bestraft werden. Die ungerechten Abschläge von bis zu 10,8 Prozent auf die Erwerbsminderungsrenten müssen endlich abgeschafft werden.“

Anstieg der Armutsgefährdungsquote bei Familien mit drei oder mehr Kindern

Auffällig in den Daten des Statistischen Bundesamtes ist außerdem der starke Anstieg der Armutsgefährdungsquote bei Haushalten mit zwei Erwachsenen und drei oder mehr Kindern: Zwischen 2015 und 2021 ist sie von 25,2 Prozent auf 31,6 Prozent gestiegen.

In Mehrkinderhaushalten fällt in der Regel eine Person für die Erwerbstätigkeit weg, begründet Andreas Aust vom Paritätischen Wohlfahrtsverband die grundsätzliche Benachteiligung. „Das wird nicht durch sozialstaatliche oder steuerrechtliche Transfers kompensiert.“

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland weist darauf hin, dass die Armutsbetroffenheit mit der Zahl der im Haushalt lebenden Kindern steige – insbesondere durch die gegenwärtige Inflation und steigenden Energiekosten.

Die im dritten Entlastungspaket der Bundesregierung angekündigte Erhöhung des Kindergelds um je 18 Euro für das erste und zweite Kind kritisiert der Verband als enttäuschend, da alle dritten und weiteren Kinder ausgeblendet würden. „Hier braucht es dringend einer Nachbesserung“, heißt in einer Pressemitteilung des Verbands.

Alleinerziehende Frauen am ehesten arm

Viel öfter sind jedoch Alleinerziehende von Armut betroffen, wie die Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamts ergibt – seit Jahren mit Abstand. In 90 Prozent der Fälle sind das Frauen, ergänzt Andreas Aust.

Der Bundesverband alleinerziehender Mütter und Väter beklagt ebenfalls die Ausgestaltung des dritten Entlastungspakets: „Mit der Kindergelderhöhung will Bundesfamilienministerin Paus Familien entlasten. Spart der Staat jedoch die 18 Euro, die es ab Januar mehr gibt, beim Unterhaltsvorschuss direkt wieder ein, ist das keine Entlastung. Mit diesem Nullsummenspiel für Alleinerziehende muss Schluss sein!“, kritisiert Daniela Jaspers, Bundesvorsitzende des Verbands, in einer Pressemitteilung.

Forderung des Paritätischen: Erhöhung der Grundsicherung und gezielte Entlastungen

Neben dem Armutsrisiko für Rentnerinnen und Rentner, kinderreichen Familien und Alleinerziehenden ist die Wahrscheinlichkeit, weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte zu haben, auch bei Personen mit niedriger Bildung, Migrationshintergrund und ohne deutsche Staatsangehörigkeit im jeweiligen Vergleich deutlich höher.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband setzt sich daher für eine „armutsfeste“ Grundsicherung von 676 Euro ein. Zudem müsse das Entlastungspaket der Bundesregierung nach sozialen Kriterien verteilt werden und denjenigen helfen, die die finanzielle Unterstützung am nötigsten hätten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de