Umweltbundesamt

Tempolimit: CO2-Einsparung laut Studie höher als gedacht

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Foto: Boris Roessler / dpa

Berlin.  Laut einer neuen Studie könnten deutlich mehr CO2-Emission eingespart werden. Umweltbundesamt rechnet mit 6,7 Millionen Tonnen weniger.

Eine neue Studie des Umweltbundesamtes könnte die Debatte um ein Tempolimit auf deutschen Straßen wieder entfachen. Denn die potenziell eingesparten Emissionen liegen deutlich über bisherigen Kalkulationen. Mit rund 6,7 Millionen Tonnen klimaschädlicher Kohlenstoffdioxide weniger rechnen die Studienautoren, sollte die Maximalgeschwindigkeit auf deutschen Autobahnen auf 120 Stundenkilometer reduziert werden.

Mit der Studie gibt das Umweltbundesamt (UBA) dem Interessenkonflikt zwischen Grünen und FDP neues Futter. Denn bereits die Studie von 2020, die das jährliche Einsparpotenzial mit nur 2,6 Millionen Tonnen CO2-äquivalenten Treibhausgasen bezifferte, reichte den Grünen als Grund für ein einheitliches Tempolimit. Die FDP gilt als Verfechterin unbeschränkter Autobahnen. Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) hatte erklärt, dass es für ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen nicht genügend Schilder gebe. Die Liberalen hatten den Verzicht auf ein Tempolimit zur Bedingung für die Bildung der Ampel-Koalition gemacht.

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Tempo 120: Klimaziele 2030 weit entfernt – Beschränkung verspricht Einsparung

"Ein Tempolimit auf Autobahnen bringt mehr CO2-Einsparung als bisher gedacht", erklärte hingegen UBA-Präsident Dirk Messner am Montag. Mit Tempo 120 auf Autobahnen und 80 auf Straßen außerorts könnte das gewaltige jährliche Einspardefizit für CO2-Äquivalente reduziert werden. Gemäß dem aktuellen Ausstoß steuert Deutschland bis 2030 auf eine Überproduktion von Treibhausgasen von 271 Millionen Tonnen zu. Nach Einschätzung von Messner könnte das Tempolimit ein erheblicher Faktor im Klimaschutz sein und die Lücke zu "einem Sechstel" schließen.

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Messner wirbt gemeinsam mit Umweltschutzverbänden schon lange für eine Geschwindigkeitsbegrenzung. Laut seiner Behörde entspricht die Einsparung durch Tempo 120 der Emissionsreduktion, die sonst drei Millionen Elektroautos bringen würden. Hierfür müsste der Staat 13 Milliarden Euro für Umweltboni zahlen. Das Tempolimit sei daher ein wichtiger Faktor auf dem Weg zum Einsparziel "schnell und praktisch ohne Mehrkosten".

Umverteilung auf Landstraßen – Deutlich weniger Unfälle erhofft

Nach Einschätzung der Studienautoren könnte die Geschwindigkeitsbegrenzung vor allem die Nutzung der Autobahn für viele Deutsche unattraktiver machen. Um 1,1 Prozent weniger soll das Verkehrsaufkommen hier beitragen. Während auf anderen Straßen mit geringen Zuwächsen gerechnet werde, sei davon auszugehen, dass ein Teil der Autofahrer ganz auf öffentliche Verkehrsmittel umsteige.

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Zu den positiven Begleiterscheinungen eines Tempolimits zählen laut anderen Studien eine deutlich geringere Unfallzahl. Schätzungen zufolge ereignet sich pro Kilometer Autobahn rund ein Viertel weniger Unfälle, wenn es sich um einen Abschnitt mit Tempolimit handelt. Aus einer wissenschaftlichen Beobachtung zweier Autobahnen in Brandenburg und Nordrhein-Westfalen über mehrere Jahre geht hervor, dass eine Maximalgeschwindigkeit von 130 Studenkilometern zu einer 26 Prozent geringeren Unfallkostenrate führt. Hochgerechnet auf Deutschland ermittelte der "Spiegel" eine mögliche Reduzierung der Verkehrstoten auf Autobahnen um 50 Prozent.

Bundesverfassungsgericht entschied gegen Klimaschützer

Wie die Studie von 2020 stützt sich die neue Studie auf Daten aus dem Jahr 2018. Als Hauptunterschied für die Diskrepanz zwischen den Untersuchungsergebnisse nennen die Autoren der Universitäten in Stuttgart und Graz "die Berücksichtigung der Routenwahl- und Nachfrageeffekte". Im Klartext bedeutet dies: "Es wird direkter gefahren, da die Nutzung der Autobahn meist mit längeren Umwegen verbunden ist." Außerdem wurden in der neuen Untersuchung mit aktualisierten Emissionsfaktoren kalkuliert.

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Die Veröffentlichung erfolgt damit nur eine Woche nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts, das sich gegen die von den Beschwerdeführern geforderte Tempolimit richtete. Diese hatten argumentiert, dass durch verfehlte Klimaziele künftige Freiheitsrechte eingeschränkt würden. Das Karlsruher Gericht sah die Darstellung als nicht erwiesen an, dass ein Tempolimit ausreichend Wirkung im Kampf gegen den Klimawandel entwickeln könnte.

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