„Eine Leserbeschwerde ist etwas Positives“

Braunschweig.  Zwei Jahre war Tilla Scheffer-Gassel Mitglied im Ombudsrat unserer Zeitung. Zum Abschied haben wir lange mit ihr gesprochen.

Tilla Scheffer-Gassel (Archivbild).

Tilla Scheffer-Gassel (Archivbild).

Foto: Philipp Ziebart

Zwei Jahre lang hat Tilla Scheffer-Gassel, ehemalige Richterin und langjährige Vizepräsidentin des Amtsgerichts Braunschweig, den Leserinnen und Lesern unserer Zeitung als Mitglied des Ombudsrates zur Seite gestanden. Gemeinsam mit David Mache nahm sie Kritik und Beschwerden auf, überprüfte sie und bewertete die Fälle kritisch und unabhängig. Nun zieht sich Tilla Scheffer-Gassel aus dem Ombudsrat zurück, um sich unter anderem auf ihre ehrenamtliche Tätigkeit im Vorstand der Hospizarbeit Braunschweig zu konzentrieren. Über ihre Arbeit spricht sie mit Chefredakteur Armin Maus.

Frau Scheffer-Gassel, Sie haben sich sehr viel Zeit für die Anliegen und Beschwerden unserer Leser genommen. Gemeinsam mit David Mache haben Sie sich kritisch mit der Arbeit unserer Redaktion auseinandergesetzt. In Ihren Kolumnen haben Sie mit Leidenschaft und kühlem Kopf bewiesen, dass es Ihnen um eine ernsthafte Auseinandersetzung ging. Ihre Klarheit und Ihr Einsatz für die Leserinteressen und die journalistische Qualität hat beeindruckt. Hatten Sie das Gefühl, dass Sie den Lesern helfen konnten?

Das Gefühl hatte ich schon. Er war häufig herausfordernd und immer ausgesprochen interessant. Es gab da eine große Überraschung. Mein Vorgänger, Herr em. Domprediger Hempel, hatte viel Neid, Häme und Missgunst in Zuschriften beklagt und so hatte ich damit gerechnet, dass der Ton schärfer wäre. Er war erfreulicherweise überwiegend sehr angemessen, es waren sehr sachliche Schreiben. Natürlich hat es auch Ausreißer gegeben. Aber auch wir haben uns um große Sachlichkeit und einen freundlichen Ton bemüht. Wir haben versucht, den Leserinnen und Lesern zu zeigen, dass wir ihr Anliegen sehr ernst nehmen. Ob wir so sehr erfolgreich waren, kann ich nicht sagen. Soweit wir eine Reaktion auf unsere zahlreichen an die Leser gerichteten Antwortschreiben bzw. die Kolumnen erhalten haben, überwogen positive Resonanzen, es hat aber wenige, deutlich ablehnende gegeben.

Wie sind Sie an die Beschwerden der Leser herangegangen?

Im Grund wie an einen Fall. Die berufliche Vergangenheit als Richterin legt man ja nicht einfach ab. Das hat auch Herr Mache gemerkt. Mir ging es zunächst um die Analyse: Was ist Euer Anliegen, um was geht es Euch eigentlich? Oft verbirgt sich hinter schrägen Formulierungen ein ernstes Anliegen. Eins ist klar: Wer sich hinsetzt und schreibt, dem ist es wichtig.

Sie und David Mache haben unseren Leserinnen und Lesern und unserer Redaktion damit sehr geholfen. Sie haben unsere Selbstkontrolle durch einen kritischen Blick von außen ergänzt und bereichert, Sie haben den Lesern die Chance gegeben, jemanden anzusprechen, der nicht Mitglied der Reaktion ist und unabhängig urteilt. Haben Sie sich in dieser Rolle wohlgefühlt?

Eigentlich sehr wohl. Ich habe mich auch nie als Teil der Zeitung gesehen. Ich bin häufiger darauf angesprochen worden, ich würde jetzt für die Zeitung arbeiten. Meine Antwort war: Ich arbeite nicht bei der Zeitung, ich unterstütze die Zeitung bei der Qualitätskontrolle. Das war vielen offenbar nicht ganz klar.

Sie haben Ihre Arbeit für unsere Leser unabhängig und ehrenamtlich geleistet…

Ja, und wir haben gemerkt, dass Leser manchmal die Erwartung hatten, wir würden „mal durchgreifen“. Wir mussten darauf hinweisen, dass das nicht unsere Aufgabe ist. Das konnte man aber gut erklären. Es gab durchaus Forderungen nach ganz konkreten Maßnahmen, aber da haben wir dann an den Chefredakteur verwiesen… (lacht)

Nicht Teil der Zeitung zu sein, bietet die Chance, die Dinge mit anderen Augen zu sehen. Wir sind als Redaktion in der Gefahr einer gewissen Betriebsblindheit. Der Ombudsrat ist für uns ein Augenöffner. Zu Leserbeschwerden beim Ombudsrat Stellung zu nehmen, ist eine wichtige Form der Reflektion unserer Arbeit.

Ich denke, der Blick von außen tut jedem Betrieb gut. Für die Mitarbeiter ist das nicht immer einfach.

Ja, in der eigenen Zeitung für seine Arbeit kritisiert zu werden, ist nicht leicht auszuhalten. Mein Eindruck ist aber, dass unser Team mit dieser Herausforderung im Laufe der Jahre immer souveräner umgegangen ist. Wie ist Ihrer?

Ähnlich. Neben überwiegend sehr guten haben wir haben allerdings auch einige nicht so gute Erfahrungen gemacht, in denen Stellungnahmen sehr zögerlich abgegeben wurden und durchaus zu erkennen war, dass die Einstellung zu den Lesern nicht stimmte. Da hat bei den meisten Redakteurinnen und Redakteuren sehr viel Reflektion stattgefunden, aber es gab auch Stellungnahmen, wo ich gesagt habe: Da ist jetzt der Vorgesetzte gefordert. Wir hätten als Ombudsrat jedenfalls niemals unsere Einschätzung zu einer Leserbeschwerde abgegeben, ohne die andere Seite zu hören. Ich würde mir nie ein Urteil erlauben, ohne demjenigen, um dessen Arbeit es geht, Gelegenheit gegeben zu haben, dazu Stellung zu nehmen. Die Form der schriftlichen Stellungnahme ist ja eine große Chance. Da kann ich im ersten Moment drei Mal in die Schreibtischkante beißen, aber das, was ich schriftlich niederlege, muss dann wohlüberlegt sein. Für Mitarbeiter der Zeitung ist es meines Erachtens wichtig, auch das Positivum einer Leserbeschwerde zu sehen. Der Leser, der sich die Mühe macht, an die Zeitung wegen möglicher journalistischer Fehler zu schreiben, steht doch der Zeitung grundsätzlich wohlgesinnt gegenüber. Mit seinem Schreiben belegt er sein Interesse an einer „guten“ Zeitung.

Ein weiterer Beweis, wie wichtig der Ombudsrat ist. Er hilft unserem Team, seine eigene Haltung zu überprüfen.

Ich hätte mir deshalb oft gewünscht, dass die Antworten zügiger gegeben würden. Es ist vorgekommen, dass Kolumnen nicht erschienen sind, weil die Zeit seit der Beschwerde zu lang war. Niemand hätte sich nach einigen Wochen mehr erinnern können. Das ist so wie aufgewärmtes Essen. Wir haben den Lesern dann persönlich geantwortet, genau so ausführlich wie in der Kolumne, aber das war eigentlich unbefriedigend.

Sie zeigen uns hier einen Punkt, an dem wir ungeachtet der hohen Belastung jedes Journalisten besser werden müssen. Ihnen ist nicht entgangen, dass die Arbeit der Journalisten sehr fundamentaler Kritik ausgesetzt ist. Ich spreche auch von Menschen, die durch die Straßen ziehen und „Lügenpresse“ rufen. Gerade heraus gefragt: Wie ist Ihr Eindruck von der Seriosität, mit der in dieser Redaktion Journalismus betrieben wird? Haben Sie Indizien gefunden, dass die Menschen Recht haben könnten, die uns kein Wort glauben?

Diesen Eindruck habe ich tatsächlich nicht. Wenn es mal um Recherchemängel ging, dann waren die Ursachen meistens nachvollziehbar. Eine Lüge ist ja eine vorsätzliche Falschbehauptung. Das ist etwas völlig anderes als eine möglicherweise nicht ausreichend tiefe Recherche. Die Zeitung ist nach meiner Wahrnehmung auch nicht tendenziös, obwohl das viele behaupten. Es kam die Behauptung: Die ist zu links. Die anderen schrieben: Die ist zu rechts. Da konnte man sich aussuchen, in welche Richtung es nun geht. Ihre Zeitung ist eine Bürgerzeitung, es sind sehr viele Themen, die die Region berühren. Der Vorwurf lautet doch wohl, dass durch die Presse Meinung manipuliert wird, durch Auslassungen, durch falsche Darstellungen, dass Fake News verbreitet werden. Ich lese nicht nur die Braunschweiger Zeitung und habe deshalb einen ganz guten Vergleich. Da kann ich nun wirklich nicht feststellen, dass hier etwas verschwiegen würde oder dass wir manipuliert würden durch die Art der Berichterstattung.

Auch wenn man solche Strömungen nicht überbewerten sollte: Woher kommt dieses Misstrauen? Es trifft ja nicht nur uns, sondern alle seriösen Nachrichtenmedien. Gilt es möglicherweise den Institutionen unseres Gemeinwesens, den staatlichen wie den privaten?

Das denke ich. Wir haben einen bestimmten Prozentsatz von Mitbürgern, die sehr vieles in Frage stellen. Dazu gehört dann natürlich auch die Presse. Sie hat eine bedeutende Funktion, die grundgesetzlich garantiert ist. Die Neigung, sich in der Sache auseinanderzusetzen und andere Meinungen zuzulassen, ist aber bei vielen nicht mehr so ausgeprägt. Wenn ich nun immer glaube, dass nur das, was ich mir vorstelle, das richtige ist, dann habe ich viele Feinde. Und dann habe ich auch die Presse als Feind.

Ist aber nicht doch die Frage, wie es gelingen kann, solche Entfremdungen bei möglichst vielen Menschen zu überwinden?

Grundsätzlich schon. Es gibt sicherlich einen Anteil, der aus dieser Ecke nicht mehr fortzubewegen ist. Aber man darf sie natürlich nicht aufgeben. Das kann sich kein Staat leisten, keine Gesellschaft und natürlich auch keine Presse. Wir kommen hier zu der Ernsthaftigkeit zurück, die auch dem Ombudsrat sehr wichtig ist. Wir hatten einige Schreiben, die eine klare Vorstellung vermittelt haben, aus welcher politischen Richtung sie kommen. Wir haben uns dieser Beschwerden selbstverständlich mit derselben Sorgfalt angenommen wie aller anderen. Wir dürfen nicht alle über einen Kamm scheren. Natürlich gibt es diejenigen, die unbelehrbar sind. Aber es gibt auch viele, die berechtigte Anliegen haben. Jeder, der der Zeitung schreibt, tritt ein Stück heraus aus dieser Gruppe. Ich darf nicht die Hoffnung aufgeben, dass ich eine Chance habe, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Wenn sich Leute im Ton vergreifen, ist man geneigt, ebenfalls deutlicher zu formulieren oder, was noch schlimmer ist, ironisch zu werden. Das haben wir als Ombudsrat nie getan.

Was erwarten Sie vom Journalismus der Zukunft? Was muss er leisten für eine Gesellschaft, die unter Corona ächzt, die Symptome der Zerrissenheit zeigt?

Es ist schon der Journalismus, der da ist. Ich persönlich bin ein absoluter Fan des gedruckten Zeitungsjournalismus. Es ist meines Erachtens ein Problem der Gesellschaft, dass sich viele Menschen gar nicht mehr darauf einlassen können, sich die Zeit für einen langen Zeitungsartikel zu nehmen. Die Frage ist für mich: Muss jetzt jeder aufs Digitalpferd springen und damit zu einer enormen Verkürzung von Information beitragen? Ich habe bei meiner Arbeit im Ombudsrat gelernt, was die Unterschiedlichkeit von Zeitungen angeht. Die Frankfurter Allgemeine, die ich ebenfalls sehr schätze, erfüllt ihre Funktion – und Ihre Zeitung erfüllt ihre anders geartete Funktion als regionale Bürgerzeitung eben auch. Ich bin voller Bewunderung, was die Journalisten leisten, um jeden Tag eine Zeitung herauszubringen – gerade auch jetzt unter den Bedingungen von Corona. Ich habe das immer als selbstverständlich hingenommen. Aber so selbstverständlich ist das nicht. Ich wünsche mir schon einen Journalismus, der deutlich in die Tiefe geht, der ausleuchtet, Quellen klar macht, die unterschiedlichen Aspekte darstellt. Das kann man mit dieser Zeitung, das kann man auch mit anderen Mitteln tun. Ich bin schon immer eine überzeugte Konsumentin von Printmedien, umfangreiches Lesen am Bildschirm ist mir zu anstrengend. Natürlich schaue auch ich auf mein Handy und sehe nach, welche News ich da bekomme. Aber das beschränkt sich im Wesentlichen auf Schlagzeilen mit kurzen -durchaus seriösen- Artikeln. Das ist interessant, das ist ok. Aber das kann es nicht alleine sein. Wenn ich mich informieren will, muss ich Zeit mitbringen. Da ist es nicht damit getan, mal schnell aufs Smartphone zu sehen.

Die Informiertheit ist ja auch eine Bedingung für die Teilhabe. Ich verspreche Ihnen, dass sich unser Team, auch weiterhin alles tun wird, um unseren Leserinnen und Lesern verlässlichen und engagierten Journalismus anzubieten. Wir alle danken Ihnen sehr herzlich dafür, dass Sie uns dabei unterstützt und kritisch begleitet haben.

Das habe ich gern getan.

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