Studierende im Corona-Jahr: „Das Zwischenmenschliche fehlt“

Braunschweig.  Vorlesungen per Videokonferenz und weggefallene Nebenjobs – das Studieren in Zeiten von Corona bringt einige Herausforderungen mit sich.

Laut einer Umfrage der niedersächsischen Landesastenkonferenz fühlen sich 80 Prozent der befragten Studierenden durch die coronabedingte Online-Lehre psychisch belastet. (Symbolbild)

Laut einer Umfrage der niedersächsischen Landesastenkonferenz fühlen sich 80 Prozent der befragten Studierenden durch die coronabedingte Online-Lehre psychisch belastet. (Symbolbild)

Foto: Sebastian Kahnert / dpa

Zuhause wird der Laptop aufgeklappt statt einen Platz im Hörsaal zu suchen – Die Corona-Pandemie hat auch das Studium an den Hochschulen im Land verändert. In einer Umfrage der Landesastenkonferenz, der Organisation der Allgemeinen Studierendenausschüsse (Asta) der niedersächsischen Hochschulen, geben 80 Prozent der 1901 befragten Studierenden an, dass sie die coronabedingten Online-Vorlesungen und -Seminare als psychisch belastend empfinden. Diese Belastung äußere sich unter anderem in Konzentrationsbeschwerden oder Kopfschmerzen. 70 Prozent stellen zudem eine höhere Arbeitsbelastung durch die Online-Lehre fest. Wie sind diese Ergebnisse zu bewerten? Wir haben uns bei Studierenden in der Region erkundigt, wie diese das Studieren im Corona-Jahr 2020 empfinden.

Online-Lehre funktioniert nach kleinen Problem ganz gut

„Ich glaube schon, dass die Online-Lehre viele belastet. Das Sozialleben leidet darunter“, meint Stefan Schell im Gespräch mit unserer Zeitung. Der 29-Jährige studiert im Master Wirtschaft an der Ostfalia in Wolfsburg und ist Asta-Vorstand der Hochschule. Nach dem Shutdown seien die Fakultäten unterschiedlich schnell mit der Umstellung auf Online-Lehre gewesen. „Es gab Rückmeldungen von Studenten per Mail, dass die Online-Lehre nicht immer super lief.“ Dann habe der Asta die Dozenten oder Fakultäten darauf angesprochen. Im Großen und Ganzen habe die Umstellung aber recht gut geklappt.

„Man hat sich in kürzester Zeit daran gewöhnt“, meint der 29-Jährige rückblickend. Das Lernen sei anders geworden, selbstständiger. „Die Eigenverantwortung ist höher.“ Für Studierende in höheren Semestern sei es wegen der Pandemie schwierig gewesen, ein Praxissemester zu machen. „Bei einigen ist es ausgefallen, andere haben nichts gefunden“, berichtet Schell. Die Folgen: Verzögerungen im Studium und in einigen Fällen Finanzierungsfragen. Durch die Umstellung auf die Online-Lehre habe es bei einigen Studierenden die Überlegung gegeben, aus finanziellen Gründen wieder zu den Eltern zu ziehen. Im jetzigen Wintersemester gebe es aber wieder mehr Präsenzvorlesungen an der Ostfalia. Diese seien vor allem für die Studienanfänger gedacht.

Online-Lehre ist nicht in allen Studiengängen möglich

„Ich habe das Semester als sehr intensiv empfunden“, berichtet Lisa Behrendt. Durch die Online-Lehre fehle das Zwischenmenschliche. Sie studiert an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Darstellendes Spiel auf Lehramt. Der Lockdown kam noch in der vorlesungsfreien Zeit. Relativ schnell sei dann kommuniziert worden, dass alles online stattfinden werde. In ihrem Studiengang habe sie dabei Glück gehabt, konnte viele Seminare belegen und von zuhause aus studieren. „Studierende, die im Atelier oder in Werkstätten arbeiten, hatten es deutlich schwerer. Sie sind auf die Strukturen der Hochschule angewiesen.“

Luca Kienel vom Asta der TU Braunschweig meint: „Die hohen Werte dieser Umfrage müssen sicher auch in Zusammenhang mit der vorhandenen Betroffenheit der Studierenden gesehen werden. Wir denken, dass vermehrt betroffene Studierende an dieser Umfrage teilgenommen haben, um auf ihre missliche Lage aufmerksam zu machen. Jedoch sind die Zahlen auch absolut gesehen bemerkenswert und ein deutlicher Hinweis, dass das Online-Semester eine deutliche Mehrbelastung für die Studierenden ist.“ Der Asta unterstütze die Forderung nach einer Verlängerung der Regelstudienzeit um ein Semester. Zudem setze man sich für eine Fortsetzung der finanziellen Überbrückungshilfen für Studierende ein.

Studieren nach dem eigenen Zeitplan

So wie den Umfrageteilnehmern geht es aber nicht allen Studierenden. „Ich finde es angenehm, von zuhause aus zu studieren. So kann ich den Tag besser planen“, sagt beispielsweise Felix Connor Odendahl. Er studiert im Bachelor Energietechnologie an der TU Clausthal und ist im Asta der Hochschule. Das Studieren in den eigenen vier Wänden setzte natürlich ein hohes Maß an Selbstdisziplin voraus und das habe vielleicht nicht jeder. „Das war aber auch schon vor Corona so“, meint der 24-Jährige.

„Es gibt Livevorlesungen und aufgezeichnete Vorlesungen“, berichtet er zum Onlinestudium. Die Aufzeichnungen hätten den Vorteil, dass er sich diese noch einmal zu einem späteren Zeitpunkt anschauen könne. Ein Nachteil sei, dass man bei Unklarheiten nicht direkt beim Dozenten nachfragen könne. Zudem gestalte sich das gemeinsame Lernen online schwierig.

Suchen Studenten wegen der Corona-Pandemie vermehrt psychologische Hilfe?

„Vorweg muss ich sagen: Die Studierenden, mit denen wir zu tun haben, sind nur ein ausgewählter Kreis. Deshalb kann man das nicht verallgemeinern“, sagt Michaela Himstedt von der Psychologischen Beratungsstelle des Studentenwerks Ostniedersachsen.

Mit Beginn der Corona-Krise habe sich die Nachfrage zuerst anders entwickelt, als man vielleicht vermuten würde. „Mit dem Lockdown Mitte März ist die Nachfrage erst einmal eingebrochen“, berichtet Himstedt. Die Studierenden seien verunsichert gewesen, ob sie noch zur Beratungsstelle kommen dürften. Zudem: „Am Anfang war Corona eine existenzielle Bedrohung wie beispielsweise ein Krieg, da verschwinden bestimmte Probleme erstmal“, erläutert die psychologische Psychotherapeutin. Erst im Nachgang nehme die psychologische Beratung dann wieder zu.

Coronavirus in Niedersachsen- Alle Fakten auf einen Blick

Corona ist immer nur in Verbindung mit den Auswirkungen ein Thema

Wenn Corona bei der Beratung ein Thema sei, dann immer nur in Verbindung den Auswirkungen. „Das Hauptproblem der meisten ist der fehlende Kontakt und die Einsamkeit“, sagt Himstedt. Bei einigen Studierenden äußere sich das auch in Konzentrationsstörungen. Andere hätten Probleme damit, ihr Lernen und ihren Alltag zu strukturieren und zu organisieren, da der regelmäßige Gang zur Universität fehle. Studierende machten sich Sorgen um die Gesundheit, ihre Familienangehörigen und die Zukunft.

Natürlich gebe es auch Pandemiegewinner unter den Studierenden: diejenigen, die auch schon vor Corona lieber von zuhause und alleine studiert haben. Diese Studierenden fänden es großartig, nun alles online machen zu können. Aber: „Isoliert lernen ist kein gutes Lernen, denn Austausch und Diskussion gehören dazu“, findet Himstedt.

Klare Strukturen können Corona-Blues vorbeugen

Damit Studierende nicht dem Corona-Blues verfallen, rät die psychologische Psychotherapeutin auf der praktischen Ebene dazu, eine gute Struktur in den Alltag zu bekommen. Wenn möglich, sollte außerhalb des eigenen Wohnbereichs gearbeitet werden. Zudem biete sich das Lernen in Kleingruppen an, beispielsweise auch online oder per Videotelefonie. Ratsam sei auch oft rauszugehen, Sport zu treiben und sich gesund zu ernähren. Denn auch diese Dinge hätten Einfluss auf die emotionale Ebene.

Coronavirus in der Region – hier finden Sie alle Informationen

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)