Endlager – Weite Teile der Region werden weiter untersucht

Braunschweig.  In unserer Region ist bis auf Bereiche in Braunschweig, Salzgitter und im Harz fast die gesamte Fläche für das Endlager geeignet. Kritik wird laut.

Symbolische Atommüllfässer stehen unweit vom ehemaligen Erkundungsbergwerk Gorleben im Wald. Gorleben ist raus bei der Endlagersuche – im Gegensatz zu großen Teilen unserer Region.

Symbolische Atommüllfässer stehen unweit vom ehemaligen Erkundungsbergwerk Gorleben im Wald. Gorleben ist raus bei der Endlagersuche – im Gegensatz zu großen Teilen unserer Region.

Foto: Philipp Schulze / dpa

Seit Montagmorgen hat die „weiße Landkarte“ erste Farbflecken. Und in unserer Region wird die von der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) gemalte Deutschland-Karte ziemlich bunt. Ergo: Zwischen Harz und Heide hält die BGE in diesem frühen Stadium der Endlager-Suche einen Großteil unserer Region geologisch für grundsätzlich geeignet.

Die Forscher gingen von der „weißen Landkarte“ aus und behandelten alle Gebiete gleich, hieß es. Deshalb mussten sie ganz Deutschland unter die Lupe nehmen: Auf der Suche nach einem geschützten Untergrund für ein Endlager kontaktierten sie Behörden in den abgelegensten Dörfern, in Städten und Landeshauptstädten, von der Ostsee bis zu den Voralpen. Das Ganze übrigens zumeist von Peine aus, denn hier hat die BGE ihren Sitz.

In unserer Region fanden sie vor allem in den Landkreisen Gifhorn, Peine und Helmstedt, aber auch in den Landkreisen Wolfenbüttel und Göttingen gute Bedingungen vor. Das gilt auch für Wolfsburg – und mit Abstrichen für Braunschweig, Salzgitter und den Kreis Goslar. Das Endlager soll unterirdisch in Salz, Ton oder Kristallin, also vor allem Granit, entstehen. Kristallin gibt es in der Region nur im Landkreis Goslar, Ton und Salz hingegen sehr viel häufiger.

80 Prozent Niedersachsens weiter im Rennen

Das gilt auch für ganz Niedersachsen und das so nahe Sachsen-Anhalt. In Niedersachsen kommen für ein Endlager Teilgebiete mit zusammengerechnet 41.507 Quadratkilometern in Frage, die sich teils überlappen. Die Landesfläche beträgt 47.614 Quadratkilometern. 45 Landkreise und kreisfreie Städte sind betroffen. Geringfügig mehr Flächen als in Niedersachsen werden im Vergleich der Bundesländer nur in Bayern mit 41.818 Quadratkilometern ausgewiesen.

Immerhin: Gorleben fliegt raus. Auch die Asse bei Wolfenbüttel und Schacht Konrad in Salzgitter sowie ein enger Bereich um die beiden Atommüll-Lager sind ausgeschlossen. Konrad ist das geplante Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Atommüll. In der Asse lagern 126.000 Fässer mit Atommüll, die geborgen werden sollen.

Die Gorleben-Entscheidung kam überraschend. Der Standort in Niedersachsen schied wegen geologischer Mängel aus. „Gorleben ist nicht der bestmögliche Standort“, sagte BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz bei der Vorstellung der 90 geeigneten Teilgebiete am Montag in Berlin. Die BGE übertrug den Termin per Stream, auch Fernsehsender berichteten live.

Gorleben ist raus

Nach langem Ärger um Gorleben war die Endlager-Suche komplett neu gestartet worden, das Gesetz dazu gibt es seit 2013. Die Suche fängt nach der geologischen Vorauswahl aber nun erst richtig an, es gibt keine Vorentscheidung für einen Standort. In der nächsten Phase sollen die Gebiete eingegrenzt werden.

Aus Bayern kamen skeptische Stimmen. Bei der dortigen Landesregierung um Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gibt es kein Verständnis für die Gorleben-Entscheidung.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wies die Kritik am Verfahren per Mitteilung und auch in Presse-Statements zurück. „Es gibt in diesem Auswahlverfahren keine Extrawürste für niemanden“, sagte Weil in Hannover. Das Ausscheiden des Salzstocks Gorleben habe bei vielen Menschen in der Region und darüber hinaus große Erleichterung ausgelöst: „Gorleben war das Symbol für eine Atompolitik, die existenzielle Entscheidungen ohne fachliche Expertise im Hinterzimmer ausgekungelt hat.“ In den 70er Jahren hatte die Politik die Entscheidung getroffen, im Salzstock Gorleben ein Endlager einzurichten, dies hatte jahrzehntelange Proteste ausgelöst.

Viele Schritte folgen noch

Kritische Stimmen waren auch aus unserer Region zu hören. „Ein Zwischenbericht, der 54 Prozent der Fläche der Bundesrepublik Deutschland als Teilgebiete für die weitere Endlagersuche aufweist, gibt wenig Aufschluss über tatsächliche potenzielle Endlagerstandorte“, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der AG Schacht Konrad und der Bürgerinitiative StrahlenSchutz Braunschweig. „Auch in der Region Braunschweig sind große Gebiete mit Ton- und Salzformationen betroffen. Einzig positiv ist, dass endlich der Salzstock Gorleben-Rambow als ungeeignet ausgeschlossen wird“, hieß es. Die Initiativen kritisierten ein wenig transparentes Verfahren, die Bürger würden kaum einbezogen.

Auch Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) zeigte sich überrascht, dass die BGE 54 Prozent der Fläche Deutschlands und sogar 80 Prozent Niedersachsens weiter untersuchen will. Man könne das aber auch umdrehen, sagte er über die Endlagergesellschaft aus Peine: „Noch sind wir unglaublich weit von einem Endlager entfernt. An einem unglaublich frühen Zeitpunkt gibt es aber schon möglichst breit gestreute Informationen.“

Auf den Hinweis unserer Zeitung, dass in unserer Region trotz Asse und Schacht Konrad weite Teile als geeignet ausgewiesen sind, sagte Lies nur: „Im Moment sind noch ziemlich viele betroffen. Was ist sonst noch in der Region? Wo sind weitere Belastungen? All das sind Fragen, die es in den nächsten Schritten zu beantworten gilt.“

Hochemotionale Debatte

Von den 90 Teilgebieten erstrecken sich einige über mehrere Bundesländer. Das sind vor allem die Tonschichten. Die Steinsalz-Schichten sind oft viel kleiner. Die BGE nennt in ihrem 400-Seiten-Bericht ausdrücklich drei Teilgebiete, die sich im Landkreis Gifhorn befinden: Wittingen, Wesendorf und Vorhop. Den Landkreis Gifhorn erwischte das kalt. Landrat Andreas Ebel (CDU) ließ über seine Sprecherin ausrichten, dass man sich noch in einem sehr frühen Stadium der Endlagersuche befinde. „Daher können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine endgültige Einschätzung dazu treffen und werden uns jetzt intern mit den Zwischenergebnissen beschäftigen“, erklärte sie.

Braunschweigs Bundestagsabgeordneter Carsten Müller (CDU) sagte: „In unserer Region tragen wir seit Jahrzehnten die wesentliche Last der deutschen Atommüll-Lagerung, und ich erwarte, dass alle geologisch relevanten Gebiete ohne jede Ausnahme umfassend geprüft und untersucht werden. In dieser hochemotionalen Debatte werden wir nie eine gesellschaftliche Akzeptanz erfahren, wenn sich bestimmte Regionen der weiteren Erkundung verweigern könnten oder würden.“ Das galt offensichtlich den Bayern.

Auch die beiden SPD-Landtagsabgeordneten Marcus Bosse (Wolfenbüttel) und Christos Pantazis (Braunschweig) äußerten sich in einer Mitteilung zu den „bereits überproportionalen Belastungen der Menschen in der Region Braunschweig“ Sie sagten: „Mit Schacht Konrad, Morsleben, und dem Asse-Schacht bei Remlingen haben die Bürgerinnen und Bürger der Region Braunschweig bereits Erfahrung im Umgang mit den Risiken der Atommülllagerung. Wir glauben nicht, dass es in dieser Region möglich sein wird, die dringend benötigte Akzeptanz für ein weiteres Atommüllendlager zu schaffen.“

Ähnlich entschlossen äußerte sich der Stader Landrat Michael Roesberg (parteilos): „Wir werden in dem Verfahren nicht gefragt, wollt ihr ein Endlagerstandort sein oder nicht“, sagte er. „Entsprechend wird der Landkreis die Interessen seiner Bevölkerung konsequent und mit aller Deutlichkeit formulieren.“ Die BGE steht vor einer Mammutaufgabe.

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