Fast jeden Dritten trifft eine psychische Erkrankung

Braunschweig.  Experten diskutierten im BZV-Medienhaus, wie es in der Arbeitswelt gelingen kann, sensibler mit dem Leiden von Mitarbeitern umzugehen.

Wenn die Kollegin, die immer gesellig war, sich plötzlich  zurückzieht, sollte man das Gespräch suchen, rät Dr. Elena Pannenborg, psychologische Psychotherapeutin am AWO-Psychiatriezentrum.

Wenn die Kollegin, die immer gesellig war, sich plötzlich zurückzieht, sollte man das Gespräch suchen, rät Dr. Elena Pannenborg, psychologische Psychotherapeutin am AWO-Psychiatriezentrum.

Foto: Oliver Berg / picture alliance / dpa

Wie können Arbeitgeber, Führungskräfte und Kollegen mit einem Mitarbeiter umgehen, der psychisch erkrankt sind? Der nach einer längeren Krankheitsphase in den Betrieb zurückkehrt? Und welche Möglichkeiten gibt es, eine Depression etwa frühzeitig bei einem Kollegen zu erkennen?

Zum Thema „Psychiatrie in der Öffentlichkeit“ diskutierten im Medienhaus der Braunschweiger Zeitung zahlreiche Experten. Das AWO-Psychiatriezentrum Königslutter hatte zu der Veranstaltung geladen. Der Schwerpunkt an diesem Abend lag auf dem Bereich „Arbeit und Psychiatrie“. Das Thema liegt Dr. Mohammad-Z. Hasan als ärztlichem Direktor des AWO-Psychiatriezentrums nach eigenen Worten sehr am Herzen: Er ist bestrebt, psychische Erkrankungen zu entstigmatisieren. Er wünscht sich einen offeneren Umgang etwa mit Depressionen.

Psychische Erkrankungen sind in der Bevölkerung keine Seltenheit. Das machte Professorin Beate Muschalla von der Technischen Universität Braunschweig in ihrem Vortrag mit dem Titel „Arbeits(un)fähigkeit und berufliche Wiedereingliederung“ ganz deutlich. „Aus der Epidemiologie weiß man, das
30 Prozent der Bevölkerung unter psychischen Erkrankungen leiden. Die Zahl hat allerdings im Vergleich zu früheren Jahren nicht zugenommen. Aber die Arbeitsanforderungen haben sich verändert“, berichtete Muschalla. Epidemiologie beschäftigt sich mit der Verbreitung von Krankheiten. Studien sind nicht nur für die Medizin aufschlussreich, sondern spielen auch in den Bereichen Soziologie und Psychologie eine Rolle.

Überdurchschnittlich häufig seien übrigens Schichtarbeiter oder Servicekräfte betroffen, geht es um die psychische Erkrankung, so Muschalla. Gründe hierfür können sein: „Der Schichtarbeiter hat einen wechselten Tagesablauf, er arbeitet beispielsweise, wenn es dunkel ist“, erklärte Muschalla. Servicekräfte seien den Launen der Kunden oftmals ausgesetzt.

„Es gibt den Ausdruck, dass uns die Arbeit krank macht. Aber stimmt das?“, fragte die Psychotherapeutin ihre Zuhörer – und gab schließlich eine Antwort: „Viele vergessen, dass sie eine schlechte Phase schon früher einmal hatten. Häufig im Jugendalter.“ Arbeit sei also nicht per se der Grund für eine Verstimmung.

Fällt der Mitarbeiter schließlich für mehrere Monate aufgrund einer psychischen Erkrankung aus, sei es unter anderem wichtig, dem Arbeitnehmer die Angst zu nehmen. „Kann ich da überhaupt wieder hin? Das ist eine häufige Frage, die sich die Menschen stellen“, berichtete die Experten der Technischen Universität. In diesem Zusammenhang geht es auch um das betriebliche Eingliederungsmanagement, kurz BEM. Hier ist nicht nur der Betroffene gefordert, sondern auch dessen Arbeitgeber: Wie kann ich den Arbeitsplatz anpassen? Wie kann ich eventuell verhindern, dass der Mitarbeiter erneut erkrankt? „Hier kommt es stark auf das Team an. Auf Offenheit, auf das Mittragen. Aber auch auf die Bereitschaft der wiederkehrenden Person“, machte Muschalla deutlich.

Was kann ich als Führungskraft machen?

Wie schafft es die Arbeitswelt, sensibler mit dem Thema einer psychischen Erkrankungen von Mitarbeitern umzugehen? Welche präventiven Maßnahmen greifen? Wie kann die Rehabilitation aussehen? Was kann der Arbeitgeber leisten – und was nicht? Fachleute diskutierten über diese Fragen im Anschluss an den Vortrag.

Dr. Elena Pannenborg gab als psychologische Psychotherapeutin am AWO-Psychiatriezentrum Seminare, in denen es genau um diese Schwerpunkte geht. „Häufige Fragen von Führungskräften lauten: Woran erkenne ich, dass es meinem Mitarbeiter nicht gut geht? Was kann ich dann machen? Und wo gibt es Unterstützung?“, berichtete die Expertin, die Antworten für das Publikum bereithielt. Sie rät den Führungskräften, aufmerksam zu sein. Wenn die Kollegin, die immer gesellig war und stets einen Kaffee mit trank, sich nun zurückzieht und die Pause ganz alleine verbringt, sollte man die Situation im Auge behalten – und schließlich das Gespräch suchen. Dafür sollte man eine treffende Atmosphäre schaffen. „Es sollte also kein Flurgespräch sein“, riet sie. Auch die Dauer des Gesprächs sei wichtig: nicht zu kurz, nicht zu lang. „Oftmals können sich depressive Menschen nicht so lange konzentrieren, sodass ein Gespräch irgendwann zu anstrengend für sie wird“, erklärte Pannenborg. Hilfe könnten sich Unternehmen auf den Internetseiten der Städte unserer Region suchen. „Hier gibt es einen Krisenwegweiser“, berichtete die Psychotherapeutin. Janet Maischik-Katoll als Projektleiterin „Gesundheit Plus“ an der AWO-Psychiatrie-Akademie betonte unter anderem, dass man immer genau hinschauen müsse: Für den einen Mitarbeiter sei eine ständige Neuerung geradezu beflügelnd, ein andere sei damit überfordert.

„Hohe Fehlzeiten haben starke Auswirkungen auf die Betriebe“, sagte Maischik-Katoll und machte damit deutlich, dass den Arbeitgebern an gesunden und zufriedenen Mitarbeitern gelegen sein sollte. Schließlich seien die dann auch belastbarer.

Ein vertrauensvolles Verhältnis ist wichtig

Dr. Daniela Kirstein ist leitende Werkärztin bei Volkswagen Braunschweig und betreut Mitarbeiter mit Depressionen zum Beispiel. Wichtig sei, die Fähigkeiten dieser Menschen herauszustellen und sie zu stärken. Sie begleitet die Arbeitskräfte bei ihrer Rückkehr an den Arbeitsplatz, also der Wiedereingliederung. Ein vertrauensvolles Verhältnis sei dabei ganz wichtig. „An einem runden Tisch geht es auch um die Frage, wie wir vorgehen können“, berichtete Kirstein. Mit dabei sind sie und der Mitarbeiter, Betriebsrat und Führungskraft. Kirstein möchte die Mitarbeiter stets wiedersehen und wissen, wie es ihnen geht.

Florian Bernschneider vom Arbeitgeberverband Braunschweig freute sich, dass bereits viel passiert in den Unternehmen. „Es gibt hierzu professionelle Angebote für Führungskräfte“, berichtete der Hauptgeschäftsführer. Jedoch macht er auch deutlich, dass aus seiner Sicht nicht alles auf die Arbeitgeber zurückfallen könne. Hier nimmt er auch das Gesundheitssystem in die Pflicht. „Diese Gespräche lassen sich schlicht nicht abrechnen“, erklärte er und sagte in Richtung Politik: „Hier müsst ihr etwas tun.“

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