Grau, mild, viel Regen: Wo ist der knackige Winter geblieben?

Braunschweig.  Regen statt Frost: Dauerzustand dank Klimawandel? Auch in den nächsten Tagen sagen Meteorologen keine Minusgrade für die Region Braunschweig voraus.

Regenschirm ist in den heutigen Tagen Trumpf. Laut Deutschem Wetterdienst ist in den nächsten Tagen nicht mit einem Wintereinbruch in unserer Region zu rechnen.

Regenschirm ist in den heutigen Tagen Trumpf. Laut Deutschem Wetterdienst ist in den nächsten Tagen nicht mit einem Wintereinbruch in unserer Region zu rechnen.

Foto: Tom Weller / dpa

Weniger heizen! Passt doch...

Das merkt unser Leser Christian Masuhr auf den Facebook-Seiten unserer Zeitung an

Zu dem Thema recherchierte
Dirk Breyvogel

Man kann das aktuelle Wetter sportlich nehmen. So wie das unser Leser macht. Das Dauergrau am Himmel, Dauerregen und die milden Temperaturen sind offenbar kein Problem für ihn. Er kann dem Ganzen sogar noch etwas Positives abgewinnen – und sei es, dass er Heizkosten spart, die ein strenger Winter mit hohen Minusgraden mit sich bringen würde.

Die Frage, die man sich jedoch auch stellen kann: Ist das ein Winter, der seinen Namen verdient? Temperaturen, die seit Neujahr stets im Plus, aktuell im zweistelligen Bereich liegen (Grafik unten), erscheinen für einen Januar ungewöhnlich. Ist das schon der Klimawandel, denn wir zu spüren bekommen? Oder ist es etwas anders: Fallen wir darauf rein, welches Bild der kalten Jahreszeit uns beispielsweise in der Werbung suggeriert wird? Glauben wir zu sehr an die Geschichten und Anekdoten unserer Eltern und Großeltern von Wintern, die neben Massen an Schnee, klirrender Kälte auch noch ganz andere Entbehrungen mit sich brachten?

Verschneite Landschaften und Dauerfrost sind in unserer Region eher die Ausnahme als die Regel. Das sagt der Deutsche Wetterdienst (DWD). Michael Bauditz, DWD-Meteorologe aus Hamburg, meint: „Diese Region zwischen Harz und Heide, zwischen Norddeutscher Tiefebene und Harzrand, ist nicht für ihre Schneemassen bekannt.“ Das Wetter sei in großen Teilen Niedersachsens von den westlichen Winden geprägt. Diese bringen vom Atlantik feuchte Luft und damit wechselhaftes Wetter mit. „Der Atlantik ist ein Gewässer, dass sich im Sommer schnell erwärmt und diese Temperatur nur langsam in den Wintermonaten abgibt. So haben auch die Luftmassen, die in den Wintermonaten nach Norddeutschland ziehen, das Potenzial, viel Feuchtigkeit im Gepäck zu haben. Das Ergebnis sehen wir, wenn wir aus dem Fenster schauen.“ Bauditz warnt aber davor, den Winter schon zu diesem frühen Zeitpunkt abzuschreiben. Er gibt aber zu: „Es ist in diesen Tagen ungewöhnlich mild in der Region rund um Braunschweig, aber auch in weiten Teilen des Landes.“

Seine Vorhersage für die nächsten Tage verspricht nichts Gutes. Es werde viel Regen und wenig sonnige Abschnitte geben. Dass das Thermometer in den nächsten zehn Tagen dauerhaft unter die Null-Grad-Grenze rutsche, damit sei ebenfalls nicht zu rechnen. „Hier bewegen wir uns zu dem jetzigen Zeitpunkt aber noch auf dem Feld der Spekulation.“

Das Wetter aktuell spiegelt eine Analyse des DWD für das Jahr 2019 wider. Die Meteorologen errechneten, dass im Jahresmittel die Temperaturen bundesweit immer weiter steigen. „Mit einer Mitteltemperatur von 10,3 °C war 2019 zusammen mit dem Jahr 2014 das bisher zweitwärmste in Deutschland beobachtete Jahr seit dem Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen im Jahr 1881“, schreiben die Experten in einem Aufsatz über die Wetterentwicklung. Noch eindrucksvoller ist eine andere Zahl: 9 der 10 wärmsten Jahre in Deutschland lagen innerhalb der letzten 20 Jahre. Das bestätigt auch das Gefühl der Menschen: Die Winter werden immer milder, die Sommer mit Temperaturen teilweise über 40 Grad unerträglich heiß.

Die Langzeitanalyse für unsere Region (Grafik oben) hat nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sondern ist exemplarisch. Sie zeigt die Temperaturen in zwei Messstationen, in Braunschweig und Helmstedt, seit dem Jahr 1990. Verglichen wird der Referenztag 8. Januar. Für diesen Tag liegt dem DWD der aktuelle Datensatz des Jahres 2020 vor. Die Werte zeigen: Minusgrade waren zwischen Harz und Heide eher die Ausnahme. Sowohl in der Dekade nach der Jahrtausendwende (2005) als auch in der danach (2011) kletterten die Werte in den zweistelligen Bereich. Es dominieren Temperaturen zwischen drei und sieben Grad plus. Und 1997 und 2003 war es extrem frostig. Aus den Zahlen eine grundsätzliche Tendenz abzuleiten, wäre unlauter. Konstant erscheint nur das Wechselhafte. Aber seit 2011, seit zehn Jahren, gab es in den beiden Messstellen an keinem 8. Januar eines Jahres Minustemperaturen. Das sollte man im Auge behalten.

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