„Wir tragen Mitschuld an den Bränden am Amazonas“

Braunschweig.  Ein Braunschweigerin mit bolivianischen Wurzeln berichtet von den Gründen und Folgen der Brandkatastrophe in Südamerika.

Evo Morales (M), Präsident von Bolivien, hilft bei der Brandbekämpfung im Chiquitania-Wald. Die Einsatzkräfte im Osten von Bolivien dämmen die verheerenden Waldbrände immer weiter ein.

Evo Morales (M), Präsident von Bolivien, hilft bei der Brandbekämpfung im Chiquitania-Wald. Die Einsatzkräfte im Osten von Bolivien dämmen die verheerenden Waldbrände immer weiter ein.

Foto: RAÚL MARTÍNEZ / dpa

„Es ist eine große Katastrophe, was gerade in Bolivien passiert, und ich sitze hier in Deutschland und bin so machtlos.“

Das meint unsere Leserin
Delia Valverde aus Braunschweig.

Zum Thema recherchierte
Jana Münnig

Delia Valverde ist gebürtige Braunschweigerin. Ihr Vater ist Bolivianer. In ihrer Bestürzung über die Brandkatastrophe wandte sich Valverde an unsere Zeitung. Für sie sind die Brände am Amazonas ein emotionales Thema, denn es betrifft sie persönlich, auch wenn sie über 10.000 Kilometer entfernt ist.

„Mich nimmt die Situation dort sehr mit, weil ich mich so verbunden fühle mit Bolivien“, erzählt Delia Valverde. Die Familie ihres Vaters erlebt die Brände am Amazonas hautnah. Denn nicht nur der brasilianische Regenwald steht in Flammen – auch in Paraguay, Peru, Kolumbien und Bolivien wüten tausende Brände. Noch vor einigen Monaten ist die 33-Jährige dort gewesen und kann kaum realisieren: „Ich habe den Amazonas selbst gesehen – deshalb blutet mein Herz, wenn ich daran denke, was in Südamerika gerade passiert. Dort werden Millionen Hektar Regenwald mit einzigartigen Tier- und Pflanzenarten einfach zerstört.“ Viele hätten Mitgefühl, aber wüssten gar nicht, was das für Konsequenzen hat.

Vorwürfe will Delia Valverde dabei aber gar nicht machen – sie versteht die Reaktionen ihrer Freunde und Kollegen hier in Braunschweig. „Aufgrund der ganzen Katastrophen auf der Welt nimmt man die Situation am Amazonas gar nicht mehr als die Katastrophe wahr, die es eigentlich für unseren Planeten ist.“

Delia Valverde will nicht tatenlos zusehen. Gemeinsam mit ihrer Tante, die gerade in Deutschland zu Besuch ist und in den nächsten Tagen wieder nach Bolivien fliegt, überlegt sie, wie man helfen kann. „Ich will eigentlich nur dahin und irgendwas tun. Momentan versuche ich, aus der Ferne zu helfen – durch Spenden und indem ich auf das Thema aufmerksam mache“, erzählt sie. Denn der Fokus der Medien liege bisher auf Brasilien.

Betroffen von den Bränden in Bolivien ist vor allem die Savannenregion Chiquitania im östlichen Bolivien. Delia Valverdes Familie wohnt in der bolivianischen Hauptstadt Sucre. Aufgrund der höheren Lage in den Anden, gibt es dort noch keine direkten Auswirkungen der Feuer. Mit Familie und Freunden vor Ort steht die 33-Jährige in ständigem Austausch – vor allem durch die sozialen Medien und das Internet verfolgt sie die Situation aus Braunschweig. „Man sieht, wie sich die Menschen zusammentun und alles mobilisieren, um gegen die Feuer vorzugehen. Alle helfen, selbst Schulklassen engagieren sich.“

Oscar Díaz Arnau ist ein Freund der bolivianischen Familie Delia Valverdes. In Sucre arbeitet er als Journalist für die Zeitung „Correo del Sur“. „Die Proteste haben sich in den letzten Tagen vermehrt, genauso wie die Zeichen der Solidarität aus der Bevölkerung und von Unternehmen und Institutionen – alle haben sich auf spontane Weise organisiert, um zu helfen“, berichtet Arnau.

Über die sozialen Medien hat Delia Valverde Kontakt zu der bolivianischen Menschenrechtsaktivistin Jhanisse Dazas aufgenommen. Sie ist die Gründerin der „Ríos de Pie“-Bewegung, welche die Bekämpfung der Brände, die Versorgung der Feuerwehrmänner und Proteste gegen die bolivianische Regierung organisiert: „Wir versuchen, die Brände zu löschen mit den Ressourcen, die wir haben – aber die sind begrenzt. Auf die Hilfe der Behörden können wir nicht zählen.“­

Es gibt auch eine politische Dimension der Brandkatastrophe in Bolivien. Denn oft sind die Brände nicht auf natürliche Weise entstanden. „Es ist eine Tatsache, dass der Verantwortliche für die Waldbrände der Mensch ist“, sagt Arnau. Die Kritik richtet sich inzwischen an Präsident Evo Morales, der erst im Juli ein Dekret erlassen hatte, das Brandrodungen des Regenwalds massiv erlaubt, um neues Ackerland für den Soja-Anbau zu schaffen. Seitdem sind tausende Hektar Urwald abgebrannt worden und etliche Brände außer Kontrolle geraten. Der internationalen Berichterstattung und Kritik entging Evo Morales bis jetzt – bisher stand Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro im Medienfokus. „Die Aufmerksamkeit der Medien aus dem Rest der Welt ist nicht ausreichend, betrachtet man die Größe der Tragödie“, kritisiert Arnau.

Auch Dazas fordert mehr internationale Hilfe für Bolivien. „Wir haben uns allein gelassen gefühlt. Dabei kämpfen wir nicht nur um Boliviens Umwelt, das betrifft unser gesamtes Ökosystem!“

Erst vor Wochen hatte Morales das Dekret durchgesetzt. Nun räumt er laut ARD-Informationen indirekt eine Mitschuld seiner Politik an den Bränden ein, indem er eine „ökologische Pause“ in den betroffenen Gebieten der Chiqitanía angeordnet habe. Auch ausländische Hilfe akzeptiert er inzwischen.

Dahinter vermutet Delia Valverde politisches Kalkül. „Bereits vor Wochen haben Umweltorganisationen gewarnt. Aber erst jetzt, wo der internationale Druck steigt, reagiert Morales. Das hat vor dem Hintergrund der Präsidentschaftswahl im Oktober einen komischen Beigeschmack.“

Wütend ist sie darüber, aber die Suche nach Schuldigen sei immer leicht. „Aber wir können alle etwas tun!“ Auch wenn wir hier in Braunschweig leben, seien wir nicht unbeteiligt an der Situation: „Wir sollten uns bewusst sein, dass wir eine Mitschuld an den Bränden am Amazonas tragen.“ Damit trifft sie einen Punkt, den man im weit entfernten Europa gerne vergisst. Die Industrienationen treiben den Soja-Anbau für Futtermittel und die Ausweitung von Weideflächen in den Entwicklungsländern Südamerikas auf Kosten des Regenwaldes voran, ist Delia Valverde überzeugt.

„Wir müssen alle an einem Strang ziehen. Egal, ob hier in Braunschweig oder in Südamerika“, fordert sie. Jeder trage eine Verantwortung und könne etwas beitragen, indem er seinen Lebensstil und seinen Fleischkonsum überdenke. „Wir sollten bewusster leben, jeder einzelne hilft – auch hier in Deutschland.“

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