Keine Autos in der Stadt, dafür Sammelparkplätze

Braunschweig.  Experten fordern auf der Regionalkonferenz  eine bessere Vernetzung von Mobilität – um ohne eigenen Pkw von A nach B zu kommen.

Der Times Square in New York ist autofrei – hier nutzen Einwohner den Platz, um an einem Yoga-Sommerprogramm teilzunehmen.

Der Times Square in New York ist autofrei – hier nutzen Einwohner den Platz, um an einem Yoga-Sommerprogramm teilzunehmen.

Foto: Christina Horsten / dpa

Will Volkswagen gezielt zur integrierten Mobilität in unserer Region beitragen und damit auch neue Geschäftsbereiche aufbauen?

Das fragt unser Leser Andreas Brinkmann (58) aus Braunschweig

Die Antwort recherchierte
Hannah Schmitz

Ohne die Erfassung und Auswertung von Daten ist eine neue, vernetzte Mobilität nicht denkbar. Das wurde vergangene Woche bei dem Panel „Mobilität“ der Regionalkonferenz „Smart Region“ im C1-Kino in Braunschweig deutlich. Doch Vernetzung braucht es nicht nur im Verkehr, auch Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunen müssten sich stärker miteinander vernetzen und in Austausch treten. „Wir brauchen Mobilitätskonzepte, die über das Ortseingangsschild hinausgehen“, forderte Nicole Magiera, die im Data Lab von Volkswagen arbeitet.

Viele Visionen zur Mobilität der Zukunft hatte Gerhard Künne, Leiter der „Mobility Unit“ bei Volkswagen Financial Services (VW FS) im Gepäck. Er ist davon überzeugt, dass unsere Innenstädte im Jahr 2030 „aufgeräumt“ sein werden – größtenteils befreit vom Individualverkehr. Stattdessen würden sich Park-and-ride-Plätze mit angeschlossenen Bike- und Carsharing-Diensten etablieren sowie neben dem ÖPNV auch private Shuttledienste. Dass eine systematische Verknüpfung etwa von ÖPNV und Park-and-ride-Plätzen funktioniere, zeige jetzt schon Amsterdam, so Künne.

Für Volkswagen ergeben sich aus dieser Mobilitätswende schon heute neue Geschäftsmodelle. Etwa durch den Vermietservice „Rent-a-car“ der VW FS. Künne zeigte hier eine Version für Braunschweig auf: Das Harz- und Heidegelände könnte etwa als Sammelparkplatz Startpunkt für eine Weiterfahrt mit einem Mietauto oder per Carsharing sein. An anderen zentralen Stellen ist die Weiterfahrt mit dem öffentlichen Nahverkehr oder privaten Angeboten – etwa Shuttles – denkbar. Einchecken könnte man mit Hilfe eines Bluetooth-Senders, der den Erwerb eines Tickets und die Bezahlung digital vornimmt. Der Kern dabei ist immer die nahtlose Mobilitätskette.

Auch die Park-App Travi-Pay ist solch ein neues Geschäftsmodell der VW FS. Mit dieser können Autofahrer bargeldlos auf dem Smartphone ihre Parkgebühren bezahlen. Deutschland sei zwar ein Barzahlerland, aber bei den Parkautomaten sollte man als erstes anfangen, über das Smartphone zu bezahlen, „um den Wandel im Kopf zu beginnen“. „Was die Digitalisierung angeht, brauchen wir eine Verbindung hinein in das tägliche Leben“, meinte Künne. Jedes Mal, wenn neue Bargeld-Parkautomaten angeschafft und aufgestellt würden, stellten sich ihm regelrecht die Nackenhaare auf, berichtet er.

Neue Geschäftsmodelle entwickelt Volkswagen allerdings nicht speziell aus unserer Region heraus, wie unser Leser wissen will. Das sagte ein Sprecher der VW FS auf Nachfrage. „Ob und wo wir etwas testen, ist von der geographischen Lage unabhängig“, sagte er. Travi-Pay etwa wurde von dem Tochterunternehmen Sunhill entwickelt, ist aber neben zum Beispiel Braunschweig, Peine, Wolfsburg, Salzgitter und Gifhorn deutschlandweit in 160 Städten nutzbar. „Die Volkswagen Financial Services tragen bereits heute gezielt zur integrierten Mobilität in der Region bei“, heißt es vom Sprecher.

Künne ging es bei seinem Vortrag auch um die Schaffung von mehr Platz in den Innenstädten. „Wir werden den Innenstadtraum nicht mehr mit Autos voll stellen“, sagt er. Bei einem Vergleich der Quadratmeterpreise für Wohn- und Parkraum mache das in Zeiten von Wohnraummangel auch keinen Sinn mehr. Das eine Umgestaltung vom Stadtkern funktionieren kann, machte er am Beispiel des Times Squares in New York deutlich: Auf dem hochfrequentierten Broadway gilt seit einigen Jahren ein Fahrverbot für Autos – das schafft Platz für andere Verkehrsteilnehmer: Fußgänger und Radfahrer.

Für den ländlichen Raum sind laut dem Mobilitätsexperten andere Lösungen nötig – zum Beispiel Shuttle-Busse, die statt der großen Linien-Busse eingesetzt werden und deren Einsatz auf Basis von digitalen Daten geplant werden kann. Detlef Tanke, Vorsitzender des Regionalverbands Braunschweig, berichtete in diesem Zusammenhang von dem Pilotprojekt „Eco-Bus“ – dieser Bus fährt im Harz nach Bedarf. Kunden buchen ihre Fahrtwünsche vor Fahrtbeginn über eine App oder per Anruf. Der Bus kombiniert dann verschiedene Routen mit ähnlichem Start und Ziel, dadurch sollen sich die Kosten und der CO2-Ausstoß reduzieren.

Auf dem Land bedeutet laut Künne Mobilität auch in Zukunft oft noch Besitz – zum Beispiel eines E-Autos. Während in der Stadt beispielsweise an Sammelparkplätzen Ladeinfrastruktur vorgehalten werden könnte, müsste in ländlichen Regionen überwiegend privat geladen werden. Dafür forderte er eine Vereinfachung der Bauanträge für Carports und Photovoltaikanlagen. Überhaupt, findet Künne, müsste vieles noch vereinfacht werden. „Es kann doch nicht sein, dass wir auf der einen Seite hyperdigital unterwegs sind, und auf der anderen Seite noch unseren Kfz-Schein als Papierdokument dabei haben müssen“, beklagte er.

Nicole Magiera vom VW Data Lab machte deutlich, wie wichtig die Transparenz von Daten sei, um nahtlose und vernetzte Mobilität zu ermöglichen. „Wir brauchen Bewegungsstromdaten, damit wir wissen, wo die Massen sich wann bewegen. Dann können an diesen Punkten Shuttles oder ÖPNV eingesetzt werden“, sagte sie. Städte und Gemeinden seien deswegen als Partner wichtig, ihnen käme mit der „Smart City“ eine neue Rolle zu. Dass die Datentransparenz jedoch nicht ganz so einfach herzustellen sei, erwiderte Thomas Krause, Vorstandsmitglied der Wolfsburg AG. „Natürlich würden Kommunen gerne Daten erheben, aber sie sind wegen rechtsregulatorischer Rahmen nun einmal nicht frei in ihrem Wirken.“ In China oder den USA, wo die Rechtslage anders aussehe, wäre das einfacher.

Eine Befragung des Publikums während des Panels ergab aber dennoch, dass unsere Region auf den digitalen Wandel im Bereich Mobilität relativ gut vorbereitet sei. Zumindest gaben 50 Prozent der etwa 50 Zuhörer an, dass die Herausforderungen bekannt seien und es ein Konzept gebe. Um diese „bekannten Herausforderungen“ besser zu bewältigen, forderte Katharina Seifert, Leiterin des Instituts für Verkehrssystemtechnik am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und zuvor für den VW-Konzern tätig, eine stärkere Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Mobilitätsdienstleistern. „Ich würde der Region gerne verschreiben, das stärker auszuprobieren. Wir haben immer noch das System: Hier der Hersteller, dort der Zulieferer“, sagte Seifert. Es bräuchte Kooperationen auf Augenhöhe, forderte die Wissenschaftlerin. „Wir dürfen unsere Partner, gerade kleinere Start-ups, nicht mit unseren großen Unternehmensstrukturen erdrücken.“

Sie machte zudem noch auf einen weiteren Punkt aufmerksam: Um eine neue Mobilität zu etablieren, müssten sich alle Beteiligten – einschließlich der Teilnehmer des Panels – die Frage stellen, wie sie in der Gesellschaft ein „Mindset“, also eine Denkweise, über diese neue Mobilität verankern können, die nicht angstgeprägt sei. Ein Zuhörer aus dem Publikum wünschte sich, dass Wirtschaft und Wissenschaft stärker zeigen und kommunizieren, woran sie forschen. „Bei einer Verkehrsaufzeichnung an einer Ampel zu Forschungszwecken würde ich persönlich zum Beispiel auch gerne auf einem Bildschirm sehen, was dort aufgezeichnet wird“, sagte er. Seifert zeigte sich dafür offen.

Trotz allem Wandel der Mobilität waren sich die Experten bei dem Panel der Regionalkonferenz einig, dass es auch in Zukunft noch Individualverkehr geben werde. Seifert sagte: „Solange es das Y-Chromosom gibt, wird es auch noch Automobilität geben.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder