Mit der Pflegebrille zur besseren Patientenbetreuung

Braunschweig.  Gesundheit wird zum Boom-Geschäft. Die Regionalkonferenz zur Digitalisierung fordert eine wettbewerbsfähige digitale Infrastruktur in Deutschland

So könnte der Blick durch die Pflegebrille der Zukunft aussehen. Die Pflegekraft erhält, auf die Gläser der Brille projiziert, Informationen über den Patienten. Anwendbar sei die Brille in der häuslichen wie auch in der stationären Pflege, sagt Projektleiter Professor Michael Prilla.

So könnte der Blick durch die Pflegebrille der Zukunft aussehen. Die Pflegekraft erhält, auf die Gläser der Brille projiziert, Informationen über den Patienten. Anwendbar sei die Brille in der häuslichen wie auch in der stationären Pflege, sagt Projektleiter Professor Michael Prilla.

Foto: TU Clausthal

Menschen rennen mit ihren eigenen Krankenakten von Arzt zu Arzt. Es gibt keinen Austausch über Diagnosen und Inhalte von Arztbriefen. Das verlängert das Leiden der Patienten. Warum ist das deutsche Gesundheitssystem so ineffizient, wenn es um Datenaustausch geht?

Das fragt auf der Regionalkonferenz Michel Winckler.

Die Antwort recherchierte Dirk Breyvogel

Professor Michael Prilla von der Technischen Universität (TU) Clausthal forscht seit Jahren an etwas ganz Konkretem – auf dem Feld der Digitalisierung nicht ganz alltäglich. Er entwickelt am Institut für Informatik, genauer gesagt in der Arbeitsgruppe Human Centered Information Systems, zusammen mit seinen Studenten die Pflegebrille der Zukunft.

Diese soll, wenn es nach dem Forscher geht, bald auch in der häuslichen Intensivpflege zum Einsatz kommen. Im besten Fall sollen Mitarbeiter von Pflegediensten oder Krankenhäusern mit Hilfe der Brille Informationen über den Patienten, dessen Krankenbild und andere wichtige medizinische Informationen wie die Medikamentendosierungen erhalten. Und idealerweise soll die Pflegebrille über Kopfbewegungen gesteuert werden, damit die Hände frei beweglich sind.

Zukunftsmusik? Das wissenschaftliche Know-how und die Firmen, die diese Technik marktfähig machen könnten, gebe es in Deutschland, sagt Digitalisierungsexperte Prilla. Die Probleme lägen woanders. Zum einen fehle es an der leistungsfähigen Infrastruktur, die der Staat zur Verfügung stellen müsste, um digitale Daten sicher und schnell weiterzugeben. Zum anderen stoße man immer wieder auf Finanzierungsvorbehalte der Akteure im Gesundheitswesen.

In dem Expertenkreis, der sich dem Thema Gesundheit auf der Regionalkonferenz im Braunschweiger C1-Kino widmet, wird der Casus knacksus ganz unverhohlen angesprochen: Wer finanziert die zusätzlichen Kosten, die der digitale Fortschritt für die Sozial- und Gesundheitswirtschaft mit sich bringt?

Prilla weiß nicht, was passiert, wenn seine Forschungsarbeit nach drei Jahren beendet ist. Er weiß nicht, ob Fördergelder auch danach noch zur Verfügung stehen. Was er weiß, die digitale Pflegebrille kann den Menschen, die in der häuslichen Pflege über Jahre harte körperliche Arbeit leisten und daher oftmals schon vorzeitig in Rente gehen müssen, den Alltag erleichtern.

Und sie könnte die Situation in ländlichen Regionen, die unter einer hausärztlichen Unterversorgung leiden, entschärfen. „Wir arbeiten daran, dass über die Brille ein virtueller Kontakt zwischen Pflegeeinrichtung vor Ort und Hausarzt in der Stadt hergestellt wird.

So kann dem Patienten die Diagnose des Arztes übermittelt werden, ohne dass dieser extra rausfahren muss“, sagt Prilla. Menschen wie Rifat Fersahoglu-Weber, Vorstandsvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (Awo) für den Bezirk Braunschweig, entscheiden am Ende darüber, ob die von Prilla entwickelte Brille über den Status eines Piloten hinauskommt oder in der wissenschaftlichen Nische bleibt.

Fersahoglu-Weber weiß das. Er ist sicher, dass Digitalisierung mehr Chancen als Risiken bietet. Und dennoch: Auch er hat Zweifel, wenn es um die Anschaffung solcher Produkte geht. Die Dynamik der Digitalisierung sei derart rasant, dass man je länger die Forschung andauere, Angst habe, „auf das falsche Pferd zu setzen“, sagt er.

Deshalb fordert der Braunschweiger Awo-Chef für Digitalisierungsprojekte in Deutschland von der Politik definierte Standards. „Ansonsten kommen die Amerikaner und machen das nach ihren Regeln.“ Er sagt, im Zentrum müsse immer die Frage stehen: Was hat der Mensch davon? Dieser müsste alles untergeordnet werden, ansonsten behielten die Recht, die sagen, mit der Digitalisierung würde soziale Arbeit entmenschlicht

Was schon möglich ist, macht Dr. Nils Hellrung bei seinem Impulsreferat deutlich. Hellrung präsentiert mit seiner Braunschweiger Firma Symeda im Panel den Mittelstand in der Medizintechnik und mahnt, Deutschland dürfe international nicht den Anschluss verpassen. Die Gesundheit der Zukunft sei auch das Geschäft der Zukunft.

Nicht nur die Weltkonzerne der Plattform-Ökonomie wie Google und Amazon, sondern auch staatlich geförderte Projekte aus England und anderen europäischen Staaten zeigten, wie langsam in Deutschland der Fortschritt voranschreite.

Er berichtet von einer Sprach-App für das Handy, die an der Tonlage des Menschen, der sie nutzen würde, erkennen könne, ob sich dieser auf dem Weg in eine depressive Phase befinde. „Das ist von der zuständigen Behörde in Großbritannien als Medizinprodukt zugelassen worden“, gibt Hellrung ein Beispiel dafür, was woanders möglich ist.

Hellrung macht ein festgefahrenes, von einer Lobby aus Kassenärztlicher Vereinigung, Klinikbetreibern, Krankenkassen, Verbänden und Politik betriebenes System aus, das auf der digitalen Bremse stehen würde.

Technische Barrieren seien nicht das eigentliche Problem, sondern die Angst einzelner Akteure, Neuerungen könnten zum eigenen finanziellen Nachteil werden. Er kenne keine andere Berufsgruppe in Deutschland, die am Öffnen einer E-Mail verdienen würde. 1,55 Euro bekämen Ärzte, wenn sie sich auf diese Weise Zugang zu den Informationen eines Arztbriefes verschaffen würden, kritisiert Hellrung einen Teil der Ärzteschaft, die nicht gewillt sei, auf diese Einnahmequelle im Zuge der fortschreitenden Digitalisierung zu verzichten. „Es heißt dann immer: ,Wer bezahlt uns das?’“, beschreibt er aktuelle Diskussionen.

So komme man aber nicht weiter bei der Frage, wie Menschen von der Digitalisierung profitieren könnten. Diese Haltung sei es am Ende auch – so beantwortet Hellrung die Frage des Lesers – die einer größeren Effizienz bei der Datenverarbeitung zum Wohle des Patienten im Gesundheitswesen im Weg stehe.

Hier fehle es aber auch an mangelnder Kompetenz in der Politik. Als Beispiel für das Versagen nennt er die elektronische Gesundheitskarte in Deutschland, die auch fast 15 Jahre nach ihrer Einführung immer wieder neu aufgesetzt werden müsse, damit der Informationsaustausch zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Kassen datenschutzrechtlichen Normen entspräche. Dass dadurch Firmen, die an der Einrichtung eines praxistauglichen Systems arbeiteten, einen nicht zu bewältigenden bürokratischen Mehraufwand leisten müssten, käme den politischen Entscheidern nicht in den Sinn. Die Gesundheitskarte bleibe auch 13 Jahre nach ihrer Einführung „ein besserer Eiskratzer, jetzt aber mit Foto“, spitzt der Mittelständler zu.

Hoffnungen setzt Hellrung auf Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Der erste Minister, der Lösungen für Probleme suche und sich auch mal mit denen anlege, die den Mangel eher verwalten als beseitigen wollten. „Digitalisierung im Gesundheitswesen zielt in Deutschland doch bislang nicht auf den Fortschritt bei der medizinischen Diagnostik für den Patienten, sondern ist allenfalls ein Instrument in Krankenhäusern bei der Abrechnung von Krankenkassenleistungen. Auch das muss sich ändern.“

Dr. Raimar Goldschmidt ist „Chief Digital Officer“ am Städtischen Klinikum Braunschweig. Er koordiniert für die hausinternen Bereiche Pflege, Ärzteschaft und Administration den digitalen Wandel, mit dem jeder große medizinische Versorger zurechtkommen muss. Goldschmidt hält es da auch mit Spahn. Digitalisierung könne man nicht aufhalten, heute könne man sie noch aktiv gestalten. Wer passiv bleibe, den ereile sie.

Goldschmidt gibt Beispiele aus dem medizinischen Alltag. Im Bereich der Pflege arbeite man daran, die Abrechnungssysteme zu digitalisieren. Heute gehe ein Großteil der Arbeitszeit für die Dokumentation der erbrachten Leistungen drauf, damit die Kassen korrekt abrechnen könnten. Künftig erhoffe man sich hier eine Zeitersparnis. Dann hätten Krankenschwestern wieder mehr Zeit für ihre eigentliche Berufung, die medizinische Behandlung oder ein Gespräch mit den Patienten.

Den Ärzten will das Klinikum künftig mehr Möglichkeiten geben, sich weiterzubilden. Gerade in der Medizin, Goldschmidt gibt das Beispiel aus der Krebsforschung, herrsche eine unglaubliche Produktivität bei neuen klinischen Studien. „Hier gibt es in den letzten Jahren eine Wissensverdopplung“, sagt er. Mit Hilfe neuer Programme bestehe die Möglichkeit, Ärzte auf den neuesten Stand der medizinischen Erkenntnisse zu bringen. „Zuallererst hilft Digitalisierung hier dem erkrankten Menschen, wieder gesund zu werden.“

Kritisch äußert sich ein Teilnehmer in der Abschlussdiskussion. Er störe sich an einigen Aussagen der Referenten. Der Mann, der sich als Vertreter der Kassenärztlichen Vereinigungen vorstellt, widerspricht dem gezeichneten Bild niedergelassener Ärzte. „Es gibt auch digitale Projekte, die die Kassenärzte unterstützen. Das Bild des Hausarztes, der Daten ausschließlich mit Hilfe des Faxgerätes weitergibt, ist nicht korrekt.“

Problematisch sei, dass es immer noch an einheitlichen Standards fehle, die aber müssten vom Gesetzgeber und nicht aus der Ärzteschaft oder der Gesundheitswirtschaft kommen. Da sind sich dann wieder alle schnell einig.

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