Harzer Geschichte

Otto Wolf: Ein Leben für das Harzer Brauchtum

| Lesedauer: 6 Minuten
Otto Wolf mit seinen Mädels aus Lerbach in Tracht Anfang der 1950er Jahre.

Otto Wolf mit seinen Mädels aus Lerbach in Tracht Anfang der 1950er Jahre.

Foto: Archiv Rainer Kutscher / HK

Lerbach.  1942 gründet der Lerbacher Heimatdichter und Komponist Otto Wolf eine Heimat- und Trachtengruppe. Ein Rückblick.

Der Lerbacher Heimatdichter, Komponist, Liedertexter und Laienspieler Otto Wolf wurde am 15. Juli 1896 in Lerbach geboren. Am 15. Juli 2022 würde er 126 Jahre alt. 1942 gründete er eine Heimat- und Trachtengruppe und war mehr als 30 Jahre deren Leiter. Seine volkstümlichen Lieder und Texte sind weit über den Harz bekannt geworden und gehören zum Repertoire vieler Heimat- und Brauchtumsgruppen der Harzregion.

Als man Soldaten- und Kampflieder sang, gründete Otto Wolf im dritten Kriegsjahr im Mai 1942 mit seiner Tochter Elfriede und Lerbacher Mädchen eine Singgruppe und brachte Freude und Frohsinn in Krankenhäuser und Lazarette.

„Der Ort, wo meine Wiege stand“

Sein erstes Lied war hier „Mein Lerbachtal“ und im Laufe der Jahre folgten mehr als 30 weitere, von denen sogar die Lieder „Der Ort, wo meine Wiege stand“ und das „Brombeerlied“ noch zu seinen Lebzeiten auf Tonträger aufgenommen wurden. Auch in plattdeutschen Sendungen im Norddeutschen Rundfunk waren Otto Wolf und seine Gruppe oftmals zu hören.

Während des Krieges schloss sich die Gruppe dem Kreisheimatbund und 1952 dem Harzklub an. Gleich nach dem Kriege führte Wolf seine Gruppe weiter. Ziel war, die alten Harzer Sitten und Gebräuche wieder aufleben zu lassen und der Öffentlichkeit darzubieten.

Bereits in den 1930er Jahren war Wolf mit den Spielleuten Karl Peinemann Senior und Junior mit der Querflöte bei Schützenfestumzügen aufgetreten. „Onkel Otto“, wie er im Freundes- und Bekanntenkreis genannt wurde, spielte Instrumente wie Gitarre, Akkordeon, Klavier und die Zither, welche er als einer der letzten Lerbacher zusammen mit Karl Aderhold (1903 bis 1990) hervorragend beherrschte.

Er verstand es bis ins hohe Alter, das Publikum mit Anekdoten in Lerbacher Mundart zu erheitern. Bei Schunkelliedern, der „Spinnstubenszene“ und dem „Schusterjungen“ entstand schnell eine frohe Stimmung. Ein beliebter Gast war er unter anderem im Osteroder Blindenkurheim und im Altersheim. Für den Theaterverein stand er als begabter Laienspieler unzählige Male auf der Bühne. Dabei spielte er Charakterrollen ebenso meisterhaft wie die des Spaßmachers.

Krisen umschifft

Trotz immer wieder auftretender Krisen hat es „Onkel Otto“ immer wieder verstanden, seine Gruppe mit väterlicher Führung zu einem festen Bestandteil des einheimischen Kulturlebens zu machen. Musikverleger Erich Storz, Osterode, sagte im Jahr 1962 bei einer Schallplattenaufnahme „Grüße aus dem Harz“: „Es ist ganz klar, dass bei einem Harzlieder-Querschnitt Otto Wolf nicht fehlen darf. Wolf zählt für mich zu den besten Heimatlieder-Komponisten. Sein Lied ,Der Ort, wo meine Wiege stand’ ist zu einem der meistgesungenen Lieder der Männerchöre geworden. Der Refrain ,Der Harz ist meine Heimat, dort steht mein Vaterhaus’ ist eine so überzeugende Aussage, dass man dieses Lied fast als eine Hymne der Harzer für ihre Heimat bezeichnen möchte“. Die Antwort von Otto Wolf lautete: „Es war einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich hatte gar keine Ahnung von der Aufnahme.“ Nun war der Amateurkomponist in seiner stets bescheidenen Art ein bisschen berühmt geworden.

Sein großes Vorbild war sicherlich der Lerbacher Mundartdichter Wilhelm Knaute (1857 bis 1939) und anlässlich des 100. Geburtstages am 31. August 1957 war er Moderator und Interpret zugleich. In „Lerbschen Platt“ trug er Knautes Gedichte wie „Mäin Lebensloop“, Dat Lerbsche Schtändchen“, Dä Hackermäkens“ u.v.a. vor.

Ehrungen für Verdienste

Vom Harzklub wurde Otto Wolf für seine jahrzehntelangen Verdienste mit dem goldenen Ehrenzeichen geehrt. Für 60-jährige Mitgliedschaft im MGV Germania erhielt er die goldene Ehrennadel mit Schleife des deutschen Sängerbundes.

Die höchste Ehrung erhielt er am 8. Februar 1964 durch den Oberkreisdirektor des Kreises Zellerfeld, Hermann Kerl. Als Anerkennung für vorbildliche Arbeit im Dienst der Dorfgemeinschaft, besonders auf dem Gebiet der Heimat- und Jugendpflege, wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens verliehen. Die Ordensverleihung erfolgte direkt vom Arbeitsplatz des Gummiwerks Frölich weg in die Lesehalle beim Rathaus. Dort wurde ihm das Ordensband mit Verdienstkreuz an seine Arbeitsjacke angesteckt.

Mit der heute existierenden Heimatgruppe „Dä fidelen Lerb’schen“ wird sein Wirken um Förderung und Erhaltung des Harzer Brauchtums fortgesetzt. Viele Tonträger der Brauchtumsgruppe beinhalten seine Lieder und finden bei den Vorträgen Beifall des Publikums weit über das Lerbachtal hinaus.

Biographie: Otto Wolf

  • Otto Wolf wurde am 15. Juli 1896 in Lerbach geboren. Nach abgeschlossener Volksschule erlernte er beim Königlichen Hüttenamt zu Lerbach den Beruf des Drehers.
  • 1916 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen und war in Frankreich und Russland an der Front. Nach dem Krieg arbeitete er bis 1927 in seinem erlernten Beruf. Vorübergehend war er zu Notstandsarbeiten in der Riefens­beeker Forst eingesetzt, und bei dieser Arbeit war die Gitarre oftmals Wegbegleiter. Bis 1955 war sein Arbeitsplatz in der Metallgießerei E. Heine Nachfolger, wo er auch fast zehn Jahre den Werkschor leitete. Obwohl er mit 59 Jahren Berufsinvalide wurde, arbeitete er noch bis zum 70. Lebensjahr in verschiedenen Industriebetrieben.
  • Schwere Schicksalsschläge sind Otto Wolf nicht erspart geblieben. Im Jahr 1929 starben innerhalb einer Woche sein einziger Sohn im Alter von achteinhalb und eine Tochter im Alter von zweieinhalb Jahren an Diphtherie und Scharlach.
  • Das Fest der Goldenen Hochzeit konnten Otto Wolf und seine Ehefrau Emma, geb. Peinemann, im Jahr 1970 mit den Familien der Töchter Elfriede und Lisa mit vier Großkindern und vielen Freunden und Bekannten sowie Abordnungen der Lerbacher Vereine feiern. Otto Wolf verstarb am 5. Januar 1978.
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