Harzer Geschichte

Sturm vor 25 Jahren: Als das Hainholz zu Kleinholz wurde

| Lesedauer: 5 Minuten
Die Bäume im Wald bei Düna konnten dem Druck des Windes nicht standhalten.

Die Bäume im Wald bei Düna konnten dem Druck des Windes nicht standhalten.

Foto: Firouz Vladi / Privat

Osterode/Düna.  Am 29. Juni 1997 zerstört ein Orkan große Teile des Naturschutzgebietes Hainholz im Harz. Was bedeutete das für die Natur, wie sieht es aktuell aus?

Es mochte einem damals die Kehle zusammenschnüren und die Tränen ließen sich kaum zurückhalten; aus dem Hainholz, dem Naturschutzgebiet mit der Jettenhöhle, war binnen weniger Minuten sprichwörtlich Kleinholz geworden. Auf über 60 Hektaren war der herrliche alte Buchen- und Edellaubholzbestand in sich zusammengesunken, gesplittert, entwurzelt.

Wo noch am Sonntagnachmittag Besucherinnen und Besucher sich auf dem ausgeschilderten und gepflegten Rundwanderweg erholten und die Schönheit der Gipskarstlandschaft bestaunten, lag plötzlich ein unentwirrbares Mikado aller Baumarten und Altersklassen in wirrem Durcheinander. Keine zwanzig zusammenhängenden Meter der Wander- und Forstwege dieses Kleinods des Südharzes waren mehr erkennbar. Über den Wegen hingen in den Kronen verkeilt und unter starker Spannung bedrohliche Holzmassen. Das Betreten wurde über Nacht lebensgefährlich und in der Tat kaum noch möglich.

Zerstörungswerk eines Orkans

Aus dem Waldgebiet Hainholz war in kürzester Zeit Kleinholz geworden. Das Zerstörungswerk des Orkans ließ Laub- und Nadelbäume gleichermaßen in wenigen Metern Höhe abscheren, besonders Fichten, Pappeln und Buchen; bei Eschen, Linden und Eichen wurden die Kronen stark ausgerissen. Besonders die über 100 Jahre alten Buchen sind auf dem flachgründigen Gipsboden samt Wurzeltellern geworfen, Stamm und Kronen oft zersplittert. Auffällig ist die hohe Zahl plastisch verformter, das heißt nur gebogener, nicht gebrochener Bäume.

Was war passiert? Am Abend des 29. Juni 1997 näherte sich von Süden eine breite, tiefliegende schwarze Wolke, die Front von zahllosen Blitzen durchzuckt. Bodennah schossen unter der Wolke scharfe Böen hervor, die eine mit Windstärke 12 beschleunigte Wassermasse vor sich her trieben und in einer Breite von ein bis zwei Kilometern alles hinwegfegten. Die Bäume standen im vollen Laub, ließen Wind und Wasser nicht hindurch und brachen unter der Druckwelle.

Bedeutung für den Naturschutz

Was bedeutete dieses natürliche Ereignis für den Naturschutz? Die Schönheit der Landschaft wurde nur vorübergehend beeinträchtigt, ist aber nicht auf Dauer verloren. Für das Pflanzenwachstum und die aus natürlicher Verjüngung stammenden Buchentriebe war aber eine nicht ungünstige Situation eingetreten. So waren bisher die Buchentriebe vom Rehwild verbissen. Der Wald konnte sich kaum noch von selbst erneuern.

Der Landkreis Osterode hatte damals die Waldflächen gepachtet. Seitdem entsteht auf ca. 95 Hektar ein Naturwald. Das vom Wind geworfene Holz verblieb großenteils im Wald; die Hauptwege wurden freigeschnitten. Große Mengen liegenden und stehenden Totholzes sind Grundlage für neues, vielfältiges Leben. Im Wald ist der Schutz natürlicher Entwicklungsprozesse ein wichtiges Naturschutzziel.

Üppiger Artenreichtum

Forstwissenschaftler beobachten seither die Veränderungen. Über natürliche Waldentwicklungsstadien hinweg entfaltet sich für eine Übergangsphase der Artenreichtum umso üppiger. Das völlige Belassen von Windwurf-Holz im Hainholz ist – so die forstwissenschaftliche Einschätzung – auf diesem Rendzina-Standort nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll.

Nicht nur das Hainholz war betroffen. Aus dem Eichsfeld kam die Gewitterfront, legte die Bestände auf dem Rotenberg über Pöhlde um, die Aue, also der Wald zwischen der Oder und Herzberg entlang der B 27, warf noch in Osterode Obst- und andere Bäume um, verwirbelte Dachziegel und verlor sich dann weiter nördlich im Hildesheimischen.

Uralter Waldboden

Hoch anstehender Gips, ein kleinflächig sehr bewegtes Relief und die fehlende Möglichkeit zur Bodenbearbeitung hatten im Hainholz Landwirtschaft, mit Ausnahme extensiver Beweidung, nicht zugelassen. Das Hainholz ist daher uralter Waldboden, seit der nacheiszeitlichen Wiederbewaldung vor 12.000 Jahren nie flächig gerodet.

Der steinige, basische Boden sowie das atlantisch getönte Klima mit relativ hohen Niederschlägen und milden Wintern stellen optimale Standortvoraussetzungen für Laubhölzer hoher Standortansprüche dar. Der Wald ist charakterisiert durch das Vorkommen von Rotbuche, Esche, Bergahorn und Bergulme.

Natürliche Waldgesellschaft

Der vorhandene Wald ist, obwohl für lange Zeit Wirtschaftswald, daher ein Abbild der natürlichen Waldgesellschaft, des krautreichen Kalk-(Gips)-Buchenwaldes frischer Ausprägung. Die Krautschicht ist wegen der Schattenwirkung nur im zeitigen Frühjahr, vor dem Laubaustrieb, ausgeprägt. Dann findet man unter anderem die Frühlingsplatterbse, die gelbe Anemone, Maiglöckchen und den flächendeckenden Bärlauch mit seinem zwiebelartigen Geruch. Die gelb blühende Schlüsselblume findet sich meist auf den durch Windwurf lichter gewordenen Bereichen des Hainholzes.

Aktuell sind vom Borkenkäfer zum Absterben gebrachte kleinere Fichtenbestände am Abhang zum Krücker beräumt worden; so ist der große Rundwanderweg Nr. 21 ums Hainholz bald wieder gefahrlos begehbar. Einen Dank richten die Verantwortlichen an den Landkreis Göttingen und die Forstgenossenschaft Schwiegershausen.

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