In den Arztpraxen geht der Grippe-Impfstoff aus

Osterode.  Durch Corona und Politik steigt die Impfbereitschaft. Doch nun gibt es Wartelisten, die Patienten sind verärgert. Ausbaden müssen es die Ärzte.

Der Impfstoff gegen Grippe ist derzeit heiß begehrt.

Der Impfstoff gegen Grippe ist derzeit heiß begehrt.

Foto: Bernd Wüstneck / dpa

Wer derzeit beim Hausarzt anklingelt, um sich rechtzeitig zur kühleren Jahreszeit gegen Grippe impfen zu lassen, muss damit rechnen, unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt oder auf eine Warteliste gesetzt zu werden. In manchen Praxen ist der Impfstoff knapp geworden, die Bestände leeren sich rasant.

Diese Problematik sei nicht neu und wiederhole sich von Jahr zu Jahr, aber diesmal habe sie eine besondere Qualität, räumt Dr. Manfred Eilts ein, Ärztevereinsvorsitzender und Kreisstellensprecher aus Osterode. Der Grund: ein besonderer Coronaeffekt! „Wir stellen in diesen schwierigen Zeiten eine deutlich erhöhte Impfbereitschaft fest“, erklärt der Mediziner. Das gelte für alle Impfstoffe, besonders aber für die Vorbeugeschutzimpfung gegen die Influenza.

Politik riet zum Impfen

Immer wieder hatten Politiker die Menschen dazu aufgerufen, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, so auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bei einem Besuch des Harz Kurier im August. Sein Appell an die Bürger: „Lassen Sie sich gegen Grippe impfen. In diesem Jahr ist es besonders wichtig.“ Denn es müsse vermieden werden, dass man es zusätzlich zur Corona-Pandemie noch mit einer großen Influenzawelle zu tun bekommt. Jetzt hat ein wahrer Run auf die Praxen eingesetzt und der Impfstoff geht aus.

Diese besondere Situation sei auch eine Folge der Disposition, erklärt Dr. Eilts, denn die Praxen erledigten ihre Vorbestellungen für die Saison meist im Frühjahr. Danach richte sich dann die Produktion der Industrie, und in diesem Jahr hätte man das Coronaproblem und die Folgen zu der Zeit noch nicht im vollen Umfang auf dem Schirm gehabt.

Weniger bekommen als erhofft

Und selbst die Zuteilung nach Bestellung macht inzwischen Probleme. So berichtet Dr. Ali Asghar Daneschdar aus seiner Praxis im Südharz: „Wir bekommen normalerweise zwischen 300 und 400 Impfeinheiten, bislang aber haben wir nur 160 erhalten. Das ist viel zu wenig.“ Zunächst hatte der Allgemeinmediziner die Risikogruppen in den Alten- und Pflegeheimen versorgt. Erstmals musste er andere Impfwillige auf eine Warteliste setzen. Jetzt hofft er dringend auf Nachschub, um die Vorbestellungen abarbeiten zu können. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat unterdessen Nachlieferungen des Grippe-Impfstoffs angekündigt.

„Das Problem liege vor allem an der Diskrepanz zwischen den Appellen der Politiker, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, und der vorhandenen Impfstoffmenge“, sagt der Göttinger Arzt Dr. Thomas Fischer, Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Bezirk Göttingen. Für den Engpass macht er in erster Linie die Politik verantwortlich, die die Empfehlung ohne Kenntnis der Lage gegeben habe.

Situation in Göttingen: Patienten „extrem verärgert“

„Es gibt einfach nicht genug Dosen, um jeden gegen die Grippe impfen zu können“, kritisiert Dr. Thomas Fischer den Aufruf der Politik, sich gegen Influenza impfen zu lassen. „Das ist eine Milchmädchenrechnung, die nicht aufgehen kann. Hätte sich die Politik vorher mal informiert, hätte sie solche Aussagen nie getätigt.“

Man sei mit den Vorräten ziemlich am Ende angelangt. „Stand jetzt sind die vorhandenen Chargen im Großen und Ganzen bereits verimpft“, sagt Fischer. Die Impfungen liefen zwar noch, aber die vorhandenen Dosen seien über Termine bereits verplant. „Das höre ich auch von Kollegen: Die meisten sind mit ihrem Impfstoff durch.“

Spahn: Grippe-Impfung hilft in der Corona-Pandemie
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Run begann im September

So geht es inzwischen vielen Praxen in ganz Niedersachsen. „Wie von uns befürchtet“, sagt Christiane Mahnke vom Hausärzteverband Niedersachsen. „Bereits im September begann der Run auf die Praxen – von vielen Ärzten in der Stadt und im Land haben wir die Rückmeldung erhalten, dass sie nichts mehr haben und auch aus den Apotheken keinen Nachschub mehr erhalten.“

Auch Detlef Haffke, Sprecher der KVN, bestätigt, dass es „zu lokalen oder regionalen Engpässen kommen kann. Darüber berichten vereinzelt Ärzte.“

Kaum Impfstoff lieferbar

Dies liege aber in erster Linie an der Lieferkette. Haffke: „Nicht die gesamte Impfstoffmenge steht zu Beginn der Impfsaison zur Verfügung. Manche Apotheken werden früher, andere später beliefert.“ Und Haffke verspricht Besserung: Die Ärzte hätten bereits im Januar 2020 rund 1,4 Millionen Impfstoffdosen für Niedersachsen bestellt. „Laut Bundesgesundheitsminister Spahn stehen für Deutschland insgesamt 26 Millionen Impfdosen zur Verfügung. Dies wären für Niedersachsen dann rund 2,6 Millionen“, rechnet Haffke vor. „Die Differenz zwischen 1,4 und 2,6 Millionen Dosen – also 1,2 Millionen – wird sukzessive pro Woche bis Mitte November geliefert werden. Damit stehen doppelt so viele Impfdosen zur Verfügung, wie in der vergangenen Impfsaison verimpft worden sind.“

Fischer kann das nicht beruhigen. Den Impfstoff nachzuordern sei zumindest derzeit so gut wie unmöglich – es gebe ihn schlicht nicht mehr, sagt der Göttinger Arzt: „Es gibt riesige Probleme, an den Grippeimpfstoff heranzukommen. Die Apotheker sagen zwar, dass es sein könnte, dass im November noch mal eine größere Charge auf den Markt kommt. Das bleibt aber abzuwarten.“

Hausärzte müssen es ausbaden

So lange bekommen Hausärzte wie Fischer die Wut der Patienten zu spüren. „Die Leute sind extrem verärgert. In den Praxen herrscht eine sehr aggressive Stimmung. Die Patienten fragen, warum es keinen Impfstoff für sie mehr gibt, und beschimpfen uns wütend. Das sind keine schönen Szenen. Und wir können sie nur auf November vertrösten“, beschreibt Fischer den Alltag in seinen beiden Praxen in Geismar und Holtensen. Und die Hausärzte müssten das jetzt ausbaden, ärgert er sich. „Die Menschen sind zu Recht sauer. Sie halten sich nur an die Ratschläge der Politiker, dass sich alle impfen lassen sollen. Aber wir müssen sie wieder nach Hause schicken, weil wir das gar nicht erfüllen können.“

Mut machen kann ihm da auch der Göttinger Bezirksapotheker Klaus Eckart nicht. „Der Bedarf an Grippeimpfstoff ist da, wir können ihn aber nicht vollständig befriedigen“, sagt auch er. Das liege daran, dass der Impfstoff derzeit „schlecht verfügbar“ sei. Der Grippeimpfstoff werde „kontingentweise“ zugeliefert, erklärt Eckart. „Wir warten, dann bekommen wir mal wieder zwei oder drei Zehnerpackungen, und dann warten wir wieder.“

Größeres Impfinteresse

Insgesamt sei festzustellen, dass es weniger Impfstoff gebe, „als wir brauchen“. „Es ist logisch, dass wegen der Corona-Pandemie ein größeres Impfinteresse vorherrscht“, sagt Eckart. In der Regel würden die Planungen für die Impfstoffbestellung und -herstellung aber bereits ein Jahr im Voraus erstellt. „Als die Pandemie begann, waren diese Planungen längst abgeschlossen“, erklärt Eckart. Das könne man jetzt nicht mal eben so aufholen. Wir bemühen uns, zumindest diejenigen zu impfen, die den Impfstoff wirklich brauchen“, betont Fischer. „Damit halten wir uns an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts.“

Diese empfiehlt die Grippeschutzimpfung für alle ab 60 Jahren, Menschen mit chronischen Erkrankungen und Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind. Für Schwangere wird eine Impfung ab der 14. Schwangerschaftswoche empfohlen. Alle anderen müssen derzeit häufig auf eine Grippeschutzimpfung warten.

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